"Wer braucht heute noch Manager?"

Berufseinsteiger verlangen heute Arbeit mit Sinn, ganz ohne starre Jobbeschreibung. Deshalb brauchen Führungskräfte völlig neue Management-Konzepte, meint Claudia Dietze, Geschäftsführerin des Software-Entwicklers Freiheit.com. Holacracy ist ein solches neues Konzept: Danach arbeiten autonome Teams an eigenen Verantwortlichkeiten und optimieren sich laufend selbst. Manch Führungskraft bekommt da schon Angst, dass sie bald überflüssig sein könnte. Doch das ist Quatsch, weiß Dietze aus eigener Erfahrung. Richtig angewendet, erreichen Unternehmen mit solchen Konzepten bessere Resultate, sinnvolle Aufgaben für das Management - und ein attraktives Arbeitsumfeld für junge Fachkräfte.
Hamburg, den 07. Oktober 2015 - Von Claudia Dietze

"Unsere Arbeitswelt klafft auseinander - und der Grund dafür ist die Digitalisierung: Auf der einen Seite die neue digitale Generation - Millennials - die Digitalität nicht nur mag, sondern vor allem lebt. Auf der anderen Seite stehen Vertreter der eher konservativ aufgewachsenen, älteren Generation, denen diese Welt bisweilen vollkommen fremd und anonym erscheint. Inmitten dieser Gemengelage buhlen Chefs aus der 'alten Welt' nun mit den modernen, agilen Unternehmen der 'neuen Welt' um dieselben Menschen: die junge Generation. 
Viel ist geschrieben worden über die Millennials, von denen 80 Prozent angeblich sogar weniger arbeiten würden, um mehr Zeit für die Familie zu haben. Doch hier liegt das größte Missverständnis: Die neue Generation ist nicht arbeitsunwillig und freizeitfreudig oder gar bequem. Ganz im Gegenteil. Arbeit muss einen Sinn ergeben. Es ist kein Mittel zum Zweck mehr. Anstatt Befehlen zu folgen, deren Sinnhaftigkeit sich nicht erschließen lässt, möchte die neue Generation auf gleicher Augenhöhe mit Menschen zusammenarbeiten, von denen sie etwas lernen kann. Sie möchte sich selbst verbessern, sich immer wieder neu erfinden und etwas wirklich verantworten und bewegen. Kurz: Sie sucht nach Unternehmen, in denen die beste Idee und das beste Argument und nicht die Position, das Alter und die Seniorität zählt. 

"Das Management muss sich neu erfinden"

Wie schaffen Unternehmen es nun, sich auf solche Anforderungen einzustellen? Und wie kann sich ein weltweit tätiger Konzern aufstellen, um an Attraktivität für diese neue Welt zu gewinnen? Eines sei vorweg genommen: Es reicht nicht aus, agile Management-Prozesse und ein paar hippe Software-Pakete zur agilen Projektsteuerung einzuführen. Es geht vielmehr darum, dass sich das Management selbst neu erfinden muss: weg von zentralen Machtstrukturen und hin zu dezentralen Verantwortlichkeiten und Autoritäten. 
Das ist ein harter Weg, er erfordert absolute Konsequenz im Handeln. Er bedeutet Umdenken in allen Bereichen und das Infragestellen alter, überholter Strukturen. Und: Ein Wandel diesen Ausmaßes muss in der Unternehmensspitze beginnen. Das macht die Sache für viele etablierte Firmen besonders schwierig. Doch die Zeit drängt.

"Neue Management-Konzepte wie Holacracy sind notwendig"

Geführt werden neue Firmen nicht mehr über Top-down-Strukturen und in abgesteckten Abteilungen. Es gibt keine 'Job Description' pro Person, die eh keiner liest und schnell veraltet, sondern über neue Management-Konzepte. Holacracy beispielsweise, das von Unternehmen wie dem amerikanischen Online-Kaufhaus Zappos verwendet wird. Holacracy definiert firmenweit autonom handelnde Teams (Circles) und Ziele (Purposes) und beschreibt Rollen (Roles) mit klaren Spielregeln und Verantwortlichkeiten (Accountabilities). Und es liefert eine Optimierungsmethode gleich mit: Jeder Circle muss seine Roles und Accountabilities über einen Governance-Prozess stetig optimieren, damit das beste Ergebnis erzielt werden kann. So lebt das Modell. Es hat keine Zeit zu veralten, es passt sich an, und die Anpassung der Rollen ist ein kontinuierlicher Prozess, der keiner zähen Reorganisation bedarf.

In der Rubrik Top-Managerin im Profil stellen wir den SAAL ZWEI-Leserinnen sowie der Leserschaft des Handelsblatt Morning Briefings erfolgreiche Frauen an der Spitze vor. Gabor Steingart, Herausgeber des Handelsblatts, fasst in seinem Morning Briefing täglich noch vor dem Frühstück relevante News aus Wirtschaft, Politik und Finanzen poinitiert zusammen. Gratis für den Leser.


In Kooperation mit

'

Veränderung ist damit ein permanenter Bestandteil der Zusammenarbeit. Es geht also nicht darum, dass jeder machen kann, was er will. Und auch nicht um die Erschaffung ganz eigener Komfortzonen, die andere nur schwer durchschauen können. Es geht um Sinnhaftigkeit des eigenen Handelns und darum, etwas bewegen zu können - im Kleinen wie im Großen. Es gibt verbindliche Kooperationsregeln, wie man miteinander arbeitet. Meeting-Regeln und Termine gehören dazu, organisiert von den Rolleninhabern untereinander.
Keine Entscheidung mehr über politische und informelle Machtgefüge, sondern offene und sachbezogene Lösungen. Dezentralisierung der Verantwortlichkeiten und Autoritäten statt zentraler Machtinhaber. Dezentrale Organisation statt zentralem Koordinationsaufwand. Selbstbestimmung und Ownership statt Befehlsempfänger und Ausübender. Eigenverantwortung des Einzelnen.

(Quelle: www.integrationtraining.co.uk)

Macht sich das Management in einer solchen Organisation überflüssig? Natürlich nicht. Es verliert auch kein Ansehen und Autorität. Vielmehr bekommen Manager neue Aufgaben, nämlich unter anderem die Aufgabe, den Weg frei zu machen, statt Forderungen und Ziele einseitig zu bestimmen. Sie helfen dabei, übergreifend den Blick zu behalten und Impulse zu geben. Sie räumen neue Möglichkeiten ein. Die Zauberformel heißt: Nicht für den Chef arbeiten, sondern miteinander.  
Das Ergebnis einer solchen Kraftanstrengung kann sich sehen lassen: Bessere Resultate für das Unternehmen, sinnvolle Aufgaben für das Management - und gute Mitarbeiter aus der Generation, die derzeit wichtiger ist, als alles andere; die Millennials eben, und am Ende damit eine Zukunft fürs Unternehmen!"

Claudia Dietze ist kaufmännische Geschäftsführerin von Freiheit.com Technologies und SAAL ZWEI-Kolumnistin. Ihr Team arbeitet bereits seit 15 Jahren mit einem ähnlichen Management-Konzept. Dank Holacracy hat sie dennoch Anregungen für Verbesserungen bekommen.  
A
n dieser Stelle berichten abwechselnd Managerinnen und Unternehmerinnen aus ihrem Führungsalltag - exklusiv für SAAL ZWEI-Leserinnen. Weitere Informationen zu den Kolumnistinnen finden Sie hier.

Hier finden Sie alle bislang erschienenen Management-Kolumnen.

Mittwochs ist SAAL ZWEI-Tag.
Abonnieren Sie das kostenlose Online-Business-Magazin für Frauen und erhalten Sie ausgewählte relevante Inhalte direkt in Ihr Postfach. 
Jetzt gratis bestellen. Und folgen Sie uns bei Facebook und Twitter.

SAAL ZWEI abonnieren

Mittwoch ist SAAL ZWEI-Tag:

Erhalten Sie jeden Mittwoch die neue Ausgabe
des Online-Magazins für Frauen direkt in Ihr
Postfach: Businesstrends, Exklusiv-Interviews,
Karrieretipps, Lifestyle, ... – gratis!

SAAL ZWEI-GASTAUTOREN

Sabine Kartte
Petra Schäfer
Bea Kemner