„Noch fehlt das Bewusstsein der Hinterbliebenen“

Birgit Janetzky forscht im Internet nach den Spuren von Verstorbenen und löscht diese im Auftrag der Familie. Die Idee steht noch am Anfang, denn der Kundenkreis ist noch klein.
Freiburg, den 25.07.2012

SAAL ZWEI: Frau Janetzky, Sie lassen die Spuren von Verstorbenen im Netz verschwinden. Wie sind Sie auf die Idee gekommen?


Birgit Janetzky: Ich bin Trauerrednerin und mache Fortbildungen für Bestatter – insofern habe ich keine Berührungsängste, wenn es um den Tod und das Gespräch mit Hinterbliebenen geht. Als ich vor einigen Jahren versuchte, einen Beitrag über mich aus einem Internet-Forum entfernen zu lassen, musste ich feststellen, dass das gar nicht so einfach ist. Die Frage, was mit den Accounts und den Inhalten von Verstorbenen passiert, war dann naheliegend.

Und: Was passiert mit ihnen?

Erst einmal gar nichts. Wenn sich niemand darum kümmert, können Profile in den Netzwerken wie Facebook missbraucht werden. Außerdem nimmt es makabere Züge an, wenn Geburtstagshinweise eines bereits Verstorbenen automatisch verschickt werden.

Wie kommen Sie zum Einsatz?

Die Erben beauftragen uns. Sie schicken uns den Computer des Verstorbenen und mein IT-Kollege erstellt ein Gutachten: Welche Daten sind auf der Festplatte, welche Spuren im Internet können rekonstruiert werden etc. Wurde beispielsweise vor dem Tod noch eine Reise online gebucht, finden wir die Daten heraus. War der Verstorbene Mitglied bei Facebook, erklären wir den Angehörigen den sog. Memorial Status. Dann können nur noch „Freunde“ das Profil sehen und auf der Pinwand kondolieren. Andere Funktionen sind abgestellt. Außerdem überprüfen wir, ob etwa bei Ebay oder PayPal noch Guthaben vorhanden sind etc.

Wo liegen Ihre Grenzen?

Wenn Eltern zum Beispiel den Mail- oder Chat-Verkehr ihres Kindes, das sich das Leben genommen hat, lesen wollen. Hier gibt es Probleme, die Provider beziehen sich auf den Datenschutz.

Ihre Dienstleistung klingt nach einer guten Idee. Aber wahrscheinlich sind die Menschen, die heute aus Altersgründen sterben, noch nicht stark im Netz vertreten. Oder?

Zum einen das, zum anderen fehlt das Bewusstsein bei Hinterbliebenen. Noch können wir nicht von Semno leben – aber wir sind mit unserer Dienstleistung einzigartig, andere Anbieter schauen sich die Hardware gar nicht an. In einigen Jahren wird unser Angebot stärker nachgefragt werden, da bin ich mir sicher. Die Statistik ist auf unserer Seite: Die Zahl der Internetnutzer und die Nutzungsintensität steigen ja.

Birgit Aurelia Janetzky ist Diplom-Psychologin und Gründerin von Semno, www.semno.de, info@semno.de

 

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