"Einer meiner Sehnsuchtsorte war schon immer der Iran"

Meike Neitz liebt es zu verreisen. 77 Länder hat sie mit ihren 31 Jahren schon besucht. Eines ihrer ungewöhnlichsten Ziele war der Iran. Zusammen mit ihrer Cousine ist sie auf eigene Faust durch das Land gereist, ohne Hotel- und Transfer-Buchung und ohne Bekannte in dem Land. Warum der Iran die gastfreundlichste Kultur ist, die sie je kennengelernt hat, und wieso das Herumkommen fast nirgends so unkompliziert, sicher und einfach ist wie dort, hat sie für SAAL ZWEI aufgeschrieben. Klingt nach einer echten Reiseempfehlung...
Hamburg, den 20. Juli 2016 - Von Meike Neitz

"Ich bin eine kleine Weltenbummlerin und habe mit meinen 31 Jahren immerhin inzwischen 77 Länder dieser Welt bereist. Eine meiner größten 'Sehnsuchtsorte', wie ich sie nenne, war schon immer der Iran.
Sehnsuchtsorte sind die Destinationen, die auf meiner Reise-Prioritätenliste aus nicht immer erklärbaren Gründen ganz oben stehen- in meinem Fall sind es nicht selten eher ungewöhnliche Ziele: Uzbekistan (erfüllt), Montenegro (erfüllt), Grönland (unerfüllt), Kolumbien (unerfüllt), Sansibar (erfüllt) oder Libyen (erfüllt).

Ich kann gar nicht mehr genau sagen, was es war, dass diese Iran-Faszination in mir entfachte. Aber ich bekam diesen Reisetraum nicht mehr weg.
Im Mai 2014 war es so weit: Ich hatte in meiner Kusine eine tolle Reisegefährtin gefunden und wir buchten Frankfurt – Istanbul – Teheran.
Interessant war gleich zu Beginn die Reaktion unseres Umfelds auf die geplante Reise. Ich war erschrocken, wie wenig Kenntnis über das Land herrschte und  wie groß die Vorurteile gegenüber dem alten Persien anscheinend waren. Dies hätte ich in der Form nicht vermutet: Es sei doch ein total gefährliches Land, bekamen wir häufig zu hören. Wir sollten am besten gar nicht hinfahren, auf keinen Fall aber alleine, ohne geführte Gruppe. Wir müssten uns doch ganzkörperverschleiern, oder? Dürfe man dort überhaupt als Frau auf der Straße unterwegs sein...? Undsoweiter undsofort.

Wir stellten fest: Der Iran wird häufig schlichtweg mit einem Land wie Saudi Arabien verwechselt wird. Doch wer sich tiefer in historische, kulturelle und gesellschaftspolitische Zusammenhänge einarbeitet, stellt viele, tief liegende Unterschiede fest.
Meine Kusine und ich jedoch ließen uns davon nicht irritieren. Mehr noch: Wir fanden es umso wichtiger, die Reise anzutreten, da anscheinend noch niemand aus unserem Bekanntenkreis selbst einmal da gewesen war. Wir buchten abgesehen vom Flug gar nichts - kein Hotel, kein Transfer, keinen Guide. Nur die ungefähre Reiseroute Teheran – Isfahan – Schiraz – Yazd – Kashan legten wir fest. Und zogen los.

Vielleicht nehme ich die wichtigsten Erkenntnisse dieser zehntätigen Reise direkt einmal vorweg:

* Ich bin nicht wenig herumgekommen in der Welt, aber ich habe noch niemals ein so gastfreundliches Land erlebt wie den Iran.

*Das Herumkommen in einem Land habe ich selten so unkompliziert, sicher und einfach erlebt wie im Iran.

Wie in tausendundeiner Nacht

Es ging schon direkt bei unserer Ankunft in Teheran los: Wir kamen spätabends an und dachten, wir müssten bestimmt die erste Nacht in der Hauptstadt verbringen - doch im Iran ist transporttechnisch alles möglich. Drei Stunden später setzte uns ein Taxifahrer sicher in Isfahan ab - für umgerechnet 20 €. In der Stadt, die wohl zu den schönsten und verwunschensten der Welt gehört, erlebten wir also unseren ersten Tag, und wir wandelten von dort an wie in tausendundeiner Nacht: Die Schönheit, die Erhabenheit dieser altehrwürdigen persischen Kultur und Architektur nahmen uns den Atem. 

Da das Bild vom Iran bis heute noch verschwommen und von wenigen persönlichen Reiseberichten geprägt ist, liegt es mir am Herzen, ein paar kleine 'Mitbringsel' von meiner beeindruckenden Reise zusammenzufassen:

1. Aufrichtige, ehrliche Nettigkeit, Hilfsbereitschaft und Sicherheit

Die Iraner waren immer freundlich, nie aufdringlich, immer aufrichtig interessiert, neugierig, was uns hier hinführe, woher wir kamen, wie wir ihr Land, auf das sie sehr stolz sind, fänden. Zudem habe ich selten so eine Hilfsbereitschaft erlebt, wenn es um Auskünfte, Wegbeschreibungen, Reisetipps oder Ähnliches ging. Obwohl meine Kusine und ich alleine unterwegs waren, gab es nicht eine Situation, in der wir uns unsicher oder gar gefährdet fühlten. Die Iraner fallen durch äußerst höfliche Umgangsformen und sehr gute Englischkenntnisse auf - die sie bei den wenigen Gelegenheiten, die sich ihnen in der Praxis bieten, mit größter Freude anwenden.

2. 'Warum tragt ihr denn nur schwarz?!'

Lustig ist, dass wir wegen ganz anderer Äußerlichkeiten auffielen, als anfangs eventuell vermutet: An unserem ersten Tag liefen wir in Isfahan ganz in Schwarz gekleidet und mit schwarzem Kopftuch herum und wurden von Mädels unseren Alters in bestem Englisch angesprochen: 'Girls, why are you wearing all black?' Und es stimmte: Inmitten der farbenfroh gekleideten, das Kopftuch als besseres Accessoire betrachtenden Damenwelt Isfahans wirkten wir, als wären wir frisch aus einem Kloster geflohen oder kämen direkt von einer Beerdigung. Bei einem Besuch auf dem lokalen Markt änderten wir dies und kauften uns Tücher in allen Farben des Regenbogens.

3. Facebook ist zwar verboten, erfreut sich aber größter Beliebtheit

Von kaum einer Reise aus einem Land, das social-media-technisch eigentlich total abgeschottet sein sollte, kehrt man nach Hause und hat so viele neue Facebook-Freunde: Sei es die nette Rezeptionistin des Hotels, sei es eine Gruppe von Mädels, die wir in einem Kaffee kennenlernten, oder der nette Cafe-Besitzer selbst: Überall wurden wir gefragt, wie unser Facebook-Name denn sei. Wir waren anfangs noch verwundert - 'ist das bei euch nicht verboten? Der Zugang gesperrt?' Dies wurde nur mit einem Lächeln beantwortet. Das klitzekleine Problem: Das ganze Land weiß ganz genau, wie man es elegant um die Facebook-Sperre herumschafft, aber als ahnungslose Touristin geht dies leider nicht so einfach.
So warteten beim ersten Log-In nach unserer Rückkehr zahllose iranische Facebook-Anfragen auf uns. Noch heute gehören meine iranischen Facebook-Freunde zu denen, die nicht einen einzigen 'Like' meiner Posts verpassen- ihr Tor in die Welt....

4. So wird man von einer iranischen Familie adoptiert

Eine wunderbare Geschichte von spontaner Gastfreundschaft erlebten wir in Kashan. Wir hatten wie immer nichts vorher gebucht und Warnungen, dass es aufgrund des großen Rosenfests schwierig sein könnte, ein Hotel zu finden, als iranische Übervorsicht abgetan. Wir hatten zudem einen späten Bus genommen, von dem wir gedacht hatten, er würde zumindest so etwas wie einen Busbahnhof im Stadtzentrum ansteuern. Das tat er aber nicht: Er fuhr nach Teheran weiter und hielt quasi nur am Straßenrand. Meine Kusine und ich fanden uns also um kurz vor Mitternacht außerhalb der Stadt Kashan wieder.

Und was passierte? Freundlichkeit.

Eine iranische Mutter mit ihrer Tochter, die zuvor ihre andere Tochter in 'unseren' Bus nach Teheran gesetzt hatte, sprach uns in gebrochenem Englisch an. Wenig später saßen wir zu iranischen Klängen in ihrem alten, klapprigen Auto und fuhren alle Hotels Kashans ab - erfolglos. So pragmatisch und brutschützend wie Mütter aller Länder nun einmal sind, wurden wir kurzerhand bei ihnen einquartiert; wenngleich es im Iran eigentlich verboten ist, Gäste privat und ohne Voranmeldung unterzubringen. Während der Vater des Hauses schon schlief und nicht merkte, wie er gerade zwei neue deutsche Töchter ins Haus bekam, wurde uns in kürzester Zeit ein wunderbares Bett bereitet, ein kleiner Mitternachts-Snack gemacht und Tee gekocht. Am nächsten Tag beschloss Mom Azar, in Anbetracht des unerwarteten Besuchs nicht zur Arbeit zu gehen. (Sie war Lehrerin und meldete sich krank.)  
Stattdessen wurden wir mit einem großen Frühstück geweckt und sie und Simin, ihre Tochter, zeigten uns den ganzen Tag die schönsten Ecken Kashans. Wäre dies auch in Deutschland passiert? Ich wage zu behaupten: Wohl eher nicht... Schweren Herzens fuhren wir am Folgetag weiter. Noch heute stehen wir in regelmäßigen Kontakt mit unserer iranischen Familie. Natürlich liken sie jeden, aber auch wirklich jeden Facebook-Post oder Fotos und nehmen so an unserem Leben teil.

5. Rohani und ein Stück Hoffnung

Ich möchte in diesem Artikel nicht viel über Politik schreiben - es würde den Rahmen dieses Beitrags sprengen. Nur eins sei aus der Zeit in dem Iran mitgenommen: Es scheint bereit sich zu öffnen. Seit Hassan Rohani 2013 die Präsidentschaftswahl gewonnen hat, so scheint es, sind die Iraner dem Wunsch, wieder Teil der Weltgemeinschaft zu sein, einen Schritt näher gekommen. Viele Iraner sagten uns, sie fühlen sich freier als in den Jahren zuvor. Sie freuen sich auf die Welt. Die Welt sollte sich auch auf den Iran freuen. Hier liegt so viel Talent, so viel Kultur, Bildung, so viel Potential, so viel historische Tiefe.
Aber es gibt auch viel aufzuholen und zu verbessern: Menschenrechte, Gleichberechtigung der Frau, Pressefreiheit, uvm. Allerdings kann dies ein Land in Isolation nicht schaffen. Wenn die Weltgemeinschaft es aufnimmt jedoch, kann dies gelingen.

Für uns war wichtig, dass wir durch unsere Reise mit eigenen Vorurteilen aufräumen konnten. Wir haben gelernt, unseren Augen und Eindrücken mehr zu vertrauen als dem Bild, das Politik und Medien uns vermitteln. Deshalb unser Appell an alle Reisenden: Fahrt, reist, fliegt - lernt das Land selbst kennen!"  

Nachtrag:
* Im Juli 2015 wurde mithilfe der Regierung Barack Obamas der Nukleardeal mit dem Iran verhandelt. Der UN-Weltsicherheitsrat sichert zu, die Sanktionen langsam aufzuheben.
* Die Touristenzahlen schossen 2015 um 240 % in die Höhe. "Neues altes Reiseziel Iran" titelt die Süddeutsche Zeitung.


Meike Neitz ist Inhaberin der Kommunikationsberatung Die Zukunftsmanufaktur und Co-Founder des Start-ups w3alpha.

 

Dieser Text ist ein Beitrag der SAAL-ZWEI-Reise-Ausgabe.

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