"Meine Entscheidung ist für jedermann nachvollziehbar"

Bis Ende Juni ist Regine Stachelhaus noch Personalvorstand des Düsseldorfer Energiekonzerns Eon. Manch einen Gegner wird ihr vorzeitiges Ausscheiden freuen: Sie hatte als Quereinsteigerin keine Erfahrungen in der Branche und galt nicht für jedermann als Idealbesetzung. Doch die Juristin verweist auf etliche Erfolge innerhalb ihrer dreijährigen Amtszeit. Interview über Gegenwind, Power-Männer und ihren Unwillen, sich zur Job-Maschine machen zu lassen.
Düsseldorf, den 08.05.2013 - Von Stefanie Bilen
Auf eine Tasse Kaffee mit:
Regine Stachelhaus

SAAL ZWEI: Frau Stachelhaus, Sie gehören zu den Frauen, die sich Deutschland und die Politik so dringend wünschen: Ein weiblicher Vorstand in einem Dax-Konzern. Ende Februar kündigten Sie Ihren Rücktritt an. Warum?

Regine Stachelhaus: Ich gehe aus persönlichen Gründen. Mein Mann ist schwer krank, daher gibt es für mich keine Alternative mehr. Es ist kein leichter Abschied, aber in meiner Situation sind die Prioritäten klar.

Da werden sich etliche Herren die Hände gerieben haben, die Ihnen die Aufgabe nicht zugetraut hatten. Sind solche Reaktionen an Sie herangetragen worden?

Nein, eigentlich nicht. Die Verweildauer von Managern auf Vorstands-Positionen ist statistisch gesehen nicht hoch – unabhängig vom Geschlecht. Ich habe viel erreicht in den drei Jahren meiner Amtszeit. Darüber hinaus habe ich bei Eon viele Äußerungen des Bedauerns gehört. Meine Entscheidung ist für jedermann nachvollziehbar.

Dennoch: Angesichts der Quotendiskussion sind die Augen der Öffentlichkeit auf die wenigen Top-Frauen im Vorstand gerichtet – und nun nehmen die ersten ihren Hut: Barbara Kux scheidet bei Siemens aus, über Marion Schick bei der Telekom AG wird spekuliert und nun Sie. So tragisch Ihre persönliche Situation ist: Haben Sie über die Signalwirkung nachgedacht?

Natürlich habe ich darüber nachgedacht, schließlich habe ich mich mein gesamtes Arbeitsleben dafür eingesetzt, dass Teams möglichst divers sind und dass ein gewisser Frauenanteil auf jeder Hierarchieebene eine Selbstverständlichkeit ist. Aber bei meiner Entscheidung kann ich auf die Signalwirkung keine Rücksicht nehmen. Ich habe ohne Probleme 16-Stunden-Tage absolviert und sehr engagiert in meinen jeweiligen Jobs gearbeitet – trotzdem bin ich zu keiner Job-Maschine geworden. Ich weiß, was wichtig ist im Leben – und insofern sind meine Prioritäten klar. ...

Regine Stachelhaus sitzt in der Besprechungsecke ihres großräumigen Büros im 8. Stock. Den Stuhl mit Blick auf den Rhein überlässt sie ihrer Besucherin. Zart ist sie, viel schmaler als sie auf den Fotos wirkt. Sie trägt ein dunkles Kostüm, die türkisfarbene Bluse passt farblich zum Lidschatten. Es hat eine Weile gedauert, bevor sie eingewilligt hatte in das Interview. Nun stellt sie sich freundlich und geduldig den Fragen. Ihre schwäbische Herkunft merkt man ihr mit der ersten Silbe an. 

...Trotzdem ärgert es mich, wie über weibliche Manager geurteilt wird: Wenn Frauen vor einer Herausforderungen stehen, heißt es: Hat sie die Durchsetzungskraft? Bei Männern wird nach einer solchen Eigenschaft nie gefragt. Erfolgreiche Frauen werden Power-Frauen genannt. Wie albern – oder gibt es Power-Männer? Wenn Frauen einen Misserfolg haben, heißt es: Damit haben wir gerechnet. Wenn sie erfolgreich sind, wird gesagt: Da hat sie aber Glück gehabt. Ich fände es schön, wenn das ganze Thema von Frauen in Führungspositionen etwas weniger aufgeregt beurteilt würde.

Ausgerechnet manche Medien behandeln das Thema jedoch sehr emotional und kritisieren weibliche Manager überdurchschnittlich. Das Magazin Wirtschaftswoche machte beispielsweise schon im April 2011 Stimmung unter seinen männlichen Lesern und titelte: "Was tun, wenn die Quote kommt? Wie die Frauenquote Männerkarrieren bedroht". Über Stachelhaus wurde von oben herab berichtet: "So war etwa die Berufung von Regine Stachelhaus (...) zwar von großem Blätterrauschen begleitet. Doch die wirklich relevanten Entscheidungen über die strategische Ausrichtung des Konzerns, so erzählen Insider, treffen nach wie vor die Männer. Die es sich offenbar auch nicht nehmen lassen, den formal riesigen Zuständigkeitsbereich der 55-Jährigen (...) in bewährter Altkanzler-Schröder-Diktion als "Gedöns" zu belächeln. 
Im vergangenen April legte das Blatt unter der Überschrift "Die entzauberten Top-Managerinn" nach: "Erst hochgelobt, dann abgewatscht. Viele der Managerinnen, die im Zuge der Diskussion um die Frauenquote in Top-Positionen gehievt wurden, haben die Erwartungen nicht erfüllt." Stachelhaus sei überfordert gewesen, heißt es darin - wohl aber mit dem Zusatz, dass es den Meisten so gehen würde. Stachelhaus verantwortet Personal, Recht und Compliance, Einkauf, Immobilien, IT und Beratung. 

Vor Ihrem Amtsantritt 2010 sagten Sie: ‚Ich habe 25 Jahre dafür gekämpft, dass man Frauen an die Führungshebel lässt. Als ich dieses Angebot bekommen habe, konnte ich dann weder widerstehen noch kneifen." Was überwog damals: Respekt oder Genugtuung?

Die Energiebranche hat eine große Faszination auf mich ausgeübt. Damals war ich für Unicef häufig durch Afrika gereist. Ich habe gesehen, wie Energie unser Leben verändert, dass ein Dasein ohne Energie Stagnation bedeutet. Ich hatte Lust, in eine Branche zu wechseln, deren Produkt mich fasziniert. Zudem hatte ich als ehemalige Geschäftsführerin von Hewlett-Packard einen Business-Hintergrund, insofern reizte mich die Arbeit im Personal-Ressort. Demut hat man vor einer solchen Aufgabe immer, aber ich war bereit zu lernen.

Schon lange, bevor die Quote ein Thema war, berichteten Medien über das moderne Rollenverständnis des Ehepaars Stachelhaus: Ihr Mann, ein Musiker, hielt ihr den Rücken frei, sie machte Karriere. Einen leiblichen Sohn hat das Paar, er ist inzwischen erwachsen. 2008 nahm die Familie einen Flüchtlingsjungen aus Eritrea auf

Aufnahmen eines Kraftwerksbesuchs in Datteln. (Das Anfertigen einer Zeichnung von ihrem Berufs- und Lebensweg - wie sonst an dieser Stelle - passte leider nicht in Stachelhaus' Terminkalender.)

Vorstände oder andere exponierte Wirtschaftsgrößen klagen über den steigenden Druck, der durch die Öffentlichkeit und das Augenmerk der Medien auf sie entsteht. Wie gehen Sie mit der permanenten Beobachtung und Beurteilung um?

Ich habe die Begleitung meiner Tätigkeit durch die Medien nicht als Druck erlebt. Ich bin so tief in meine Aufgaben eingebunden, dass ich mich nicht ständig darum kümmern kann, was darüber berichtet wird. Aber ich bin dankbar, dass es die Medien gibt, damit wir wichtige Themen darüber transportieren können. Schließlich lesen auch unsere Mitarbeiter die Presse. Seriöser Journalismus ist etwas Positives. Es müssen nicht immer alle meiner Meinung sein. Journalisten dürfen uns kritisch hinterfragen, wir können uns aneinander reiben und eine Diskussion führen. Wichtig ist, dass der Umgang miteinander fair bleibt.

Sie haben keinen Job, mit dem man sich nur Freunde macht: Als Personal-Vorstand war es Ihre Aufgabe, das größte Sparprogramm in Eons Geschichte mit umzusetzen und die Trennung von 11.000 Mitarbeitern weltweit zu organisieren…

Das stimmt, wir sind durch stürmische Zeiten gegangen. Aber der Abbau der Arbeitsplätze war notwendig, um die übrigen über 70.000 Jobs zu sichern. Ein Vergleich mit anderen Unternehmen hat gezeigt, dass wir zu hohe Overhead-Kosten haben. Durch konstruktive Gespräche mit den Gewerkschaften und der internen Mitbestimmung haben wir sozialverträgliche Lösungen verabredet. Die freiwilligen Abfindungsangebote wurden gut angenommen. Bei den 6.000 wegfallenden Arbeitsplätzen in Deutschland und den 5.000 im Ausland hat es bisher nur drei betriebsbedingte Kündigungen gegeben. Das zeigt, dass ich mein Versprechen, betriebsbedingte Kündigungen zu vermeiden, eingehalten habe.

Die Medien hatten berichtet, Sie seien entmachtet worden, weil Gewerkschaften und der Betriebsrat Sie in den Verhandlungen zum Sparprogramm nicht akzeptierten. Tatsächlich war das Gegenteil der Fall: Der Eon-Betriebsrat wählte einen neuen Vorsitzenden, um Schwung in die Verhandlungen der Arbeitgeberseite zu bringen. Lassen Sie solche Berichte auch unbeeindruckt?

Ich wusste ja, dass es eher umgedreht war. Auch im Tarifkonflikt ist es uns gelungen, in letzter Minute einen Streik abzuwenden. Die Gewerkschaften hatten eine Lohnerhöhung in Höhe von 6,5 % gefordert, unser Angebot war 1,7 %, am Ende einigten wir uns auf 2,8 %. Wenn falsche Berichte veröffentlicht werden, stehe ich eher darüber und reagiere mit Gelassenheit. Ich wundere mich nur, warum die Redakteure nicht mal bei mir angerufen haben, um mich zu fragen. Oder warum sie die Gewerkschafts-Vertreter von Verdi und IG BCE nicht direkt gefragt haben, wie die Zusammenarbeit mit mir verläuft. Jeder wird ihnen dazu offen antworten. Dementis lese ich in den Medien immer mit einem gewissen Schmunzeln, daher finde ich sie selbst nicht erstrebenswert. Ich suche lieber das Gespräch mit der Redaktion, damit solche Berichte künftig besser recherchiert werden.

Normalerweise beantwortet Michael Vassiliadis solche Anfragen nicht gern, sagte ein Sprecher der Gewerkschaft IG BCE gegenüber SAAL ZWEI. Doch dann ließ der Vorsitzende der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie immerhin ein schriftliches Statement schicken: "Im schwierigen, auch stolperig begonnenen Umstrukturierungsprozess bei Eon, ausgelöst durch die Energiewende, hat Regine Stachelhaus für eine stabile Kommunikation mit Stakeholdern gesorgt", heißt es darin. "Ich habe sie als kompetente, empathische Topführungskraft mit der Fähigkeit zum Ausgleich unterschiedlicher Interessen erlebt. Auch hat sie ihre Erfahrungen aus früheren Funktionen genutzt, um neue - in der Energiebranche eher unübliche Blickwinkel - in eine breite Entscheidungsfindung auf Vorstandsebene einzubringen."

Die Nachricht Ihrer Berufung hatte 2010 nicht nur Begeisterung ausgelöst. Als Frau ohne Erfahrung im Energieumfeld galten Sie nicht als Idealbesetzung. Wie sind Sie mit dem Gegenwind umgegangen?

In der Tat sind die Energiebranche und die Kraftwerkswelt noch immer sehr männlich geprägt. Ich habe keine Erfahrungen aus diesem Bereich mitgebracht, sondern komme aus einer ganz anderen Welt. Doch genau deshalb wurde meine Person gesucht: Unternehmen, die sich wie Eon in einem tiefgreifenden Umbruch befinden, müssen mit neuen Denkansätzen konfrontiert werden. Die bringen gerade nicht solche Personen, die sich schon immer mit der Branche beschäftigt haben. Insofern bin ich hier offene Türen eingerannt.

Trotzdem werden Sie Gegenwind zu spüren bekommen haben…

Die gemeinsame Linie wird vom Steuerungsgremium des Konzerns festgelegt, daher sind alle Mitglieder des Vorstands auf einer gemeinsamen Linie. Insofern können einzelne Personen gar nicht stärker angegriffen werden als andere. Im Übrigen gehe ich mit Gegenwind aus dem Unternehmen oder dem Umfeld ähnlich um wie mit Anfeindungen von der Presse: Je nach Tagesform bin ich bereit, mich damit auseinanderzusetzen – oder es zu ignorieren.

Sie verlassen Eon vor Beendigung Ihrer Amtszeit. Inwieweit haben Sie das Feld bestellt?

Ich bin zufrieden mit dem Erreichten. Wir sind in die Restrukturierung eingestiegen und haben erste wichtige Ergebnisse erzielt. Dabei haben wir die Sozialpartnerschaft trotz schwieriger Umstände sogar gestärkt. Einkauf, Personalwesen und IT sind neu aufgestellt worden. Das Thema Vielfalt ist bei uns jetzt dauerhaft im operativen Geschäft verankert. Insofern gehe ich mit einem guten Gefühl.

Sie haben in sehr unterschiedlichen Unternehmen und Branchen gearbeitet. Nach einer kurzen Zeit als Anwältin wechselten Sie zu Hewlett-Packard, wo Sie zuletzt Geschäftsführerin waren. Vor Ihrer Berufung in den Eon-Vorstand waren Sie Leiterin des Deutschen Komitees des Kinderhilfswerks Unicef. Wo sind Sie besonders an Ihren Aufgaben gewachsen?

Gelernt habe ich am meisten bei Eon. Persönlich profitieren konnte ich aber von meiner Zeit bei Unicef – weil ich dort am stärksten an meine Grenzen gekommen bin. Wenn ich in Ländern wie Haiti, im Kongo oder dem Sudan unterwegs war, spürte ich einen großen Druck. Weil es dort um mehr als um Geld geht, beispielsweise um ein Impfprogramm für Millionen von Kindern. Es geht so häufig um Leben oder Tod, dass es die Probleme, die wir hierzulande haben, geradezu winzig erscheinen lässt.

Sie werden auch nach Ihrem Abschied als Vorstand am 1. Juli weiterhin für Eon tätig sein. In welcher Funktion?

Ich werde mich auf Projektbasis um Themen wie Diversity, CSR oder Bildung kümmern – auch in Abstimmung mit anderen Konzernen. Der Kontakt zu anderen Vorstandskollegen ist ja vorhanden – und Themen haben wir reichlich. 

Laut einem unbestätigten Bericht der Rheinischen Post soll Regine Stachelhaus für die nächsten zwei Jahre weiterbezahlt werden und angeblich rund 1 Mio. Euro erhalten. Zum Vergleich: Laut Geschäftsbericht hat Regine Stachelhaus 2012 knapp 2,4 Mio. Euro erhalten. Sie war damit drittbestbezahlter Vorstand von insgesamt sechs bei Eon. 

(Fotocredit: Andreas Pohlmann)


Der nächste "Auf eine Tasse Kaffee"-Beitrag wird am 5. Juni bei SAAL ZWEI erscheinen. 

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