"Wir bangen, hoffen und kämpfen mit den Paaren"

Jedes 6. bis 7. Paar hat Schwierigkeiten, ohne ärztliche Unterstützung schwanger zu werden. Mehr als 50.000 Frauen versuchen es jährlich mit einer künstlichen Befruchtung, Tendenz steigend.* Wir haben mit der Reproduktionsmedizinerin Anja Dawson gesprochen: Wie kann Frauen geholfen werden, die schon auf die 40 zugehen? Und was hilft, wenn der Erfolg ausbleibt? Dawson ist in mehrfacher Hinsicht Expertin für das Thema: Sie ist selbst Mutter dreier Kinder und hat kürzlich in Hamburg eine Kinderwunschklinik gegründet.
Anja Dawson (Foto: Maupilé)
Hamburg, den 03. Februar 2016 - Von Stefanie Bilen

SAAL ZWEI: Frau Dawson, Sie haben eine Kinderwunschklinik gegründet. An wen richtet sich Ihr Angebot?

Anja Dawson: An alle Paare mit Kinderwunsch. Zu uns kommen schon recht junge Frauen, aber auch solche, bei denen der Kinderwunsch aufgrund des Alters immer stärker und schwieriger zu erfüllen wird. Was uns von vielen Praxen mit ähnlicher Ausrichtung unterscheidet, ist u.a. unser Angebot auch für Männer. Sie fühlen sich in diesem Kontext häufig nicht richtig wahrgenommen. Bei uns treffen sie auf einen andrologisch versierten Experten – ein Mann übrigens, das war uns auch wichtig –, in dem sie einen wichtigen Gesprächspartner finden.

Inwieweit können Sie den Paaren helfen?


Alle Frauen, die zu uns kommen, wollen auf dem natürlichen Wege schwanger werden. Mit Zeit und Zuwendung versuchen wir, sofern es medizinisch sinnvoll ist, sie hierin zu unterstützen. Liegt eine hormonelle Störung vor, können wir diese medikamentös beheben und den Zyklus der Frauen optimieren, so dass es zum Eisprung kommt. Nicht selten kommt es vor, dass Frauen gar keinen Eisprung haben – und dies überhaupt nicht wissen. Tatsächlich passiert es aber auch immer wieder, dass wir gar nicht eingreifen müssen. Allein die Tatsache, dass die Frauen jetzt das Gefühl haben, ihnen wird endlich geholfen, scheint manchmal Schranken zu lösen – und sie werden auf natürlichem Weg schwanger. Dieser Zusammenhang lässt sich nicht nachweisen, aber nicht nur wir machen diese Erfahrung. Sollte es aber dennoch nicht zum Eintritt einer Schwangerschaft kommen, haben wir in unserer Praxis alle Möglichkeiten der künstlichen Befruchtung, und mit unseren beiden sehr erfahrenen Embryologen die perfekte Ergänzung zu unserem ärztlichen Team.

Wie ist es mit den Frauen, die die biologische Uhr ticken hören?

Grundsätzlich wollen auch sie auf natürlichem Weg schwanger werden. Aber wenn Frauen mit 42 Jahren zu uns kommen, haben sie keine Zeit mehr zu verlieren, weil die Chance auf eine Schwangerschaft bereits sehr gering ist. In dem Fall raten wir zu einer künstlichen Befruchtung. Uns ist es sehr wichtig, dass die Paare gut aufklärt werden: Welche Möglichkeiten gibt es, wie viel Zeit sollten sie in eine Behandlung investieren und wie geht es weiter, wenn es dann doch nicht klappt? Diese Szenarien mit Feingefühl anzusprechen, sehe ich als eine unserer wichtigsten Aufgaben an. Selbstredend möchten wir möglichst vielen Paaren ihren Kinderwunsch erfüllen. Gemessen werden möchten wir aber nicht nur an unseren Erfolgsraten, sondern auch daran, wie sich die Paare fühlen, wenn die Therapie erfolglos geblieben ist.

Das müssen Sie bitte erläutern.

Eine solche Therapie ist eine sehr sensible und vertrauensvolle Angelegenheit. Wir bangen, hoffen und kämpfen mit den Paaren. Bleibt der Erfolg aber aus, resultiert daraus eine schreckliche Situation für die Paare. Dass wir beide Partner darauf vorbereiten und sie gefestigt daraus hervorgehen, ist unser Anspruch an unsere Arbeit.

Über welchen Zeitraum behandeln Sie Paare?

Unterschiedlich. Bei einer jungen Frau, die vielleicht schon ihr erstes Kind bekommen hat, das zweite aber auf sich warten lässt, darf die Behandlung auch längere Zeit in Anspruch nehmen. Bei älteren Frauen, die wir künstlich befruchten, hängt es sehr von der individuellen Situation ab, aber meist überschreitet man da eine Anzahl an drei bis vier Zyklen nicht.

Was kostet eine solche Behandlung?

Die Möglichkeit der Behandlungen setzen sich aus vielfältigen Einzelmaßnahmen zusammen und sind sehr individuell. Beispielhaft kann ich sagen, dass ein sogenanntes Zyklusmonitoring ca. 250 Euro pro Monat kosten kann. Eine künstliche Befruchtung kann sich für Selbstzahler auch auf ein Level von 6.000 Euro inklusive Medikamente summieren.

Warum behandeln Sie keine Mitglieder gesetzlicher Krankenkassen?

Wir behandeln sie sogar sehr gerne, allerdings müssen sie die Kosten der Leistungen selbst übernehmen. Die Vorgaben, die uns gesetzliche Krankenkassen machen, passen nicht zu unserer Philosophie. Unser Ansatz, den Patientinnen die Zeit zu geben, die sie brauchen, und die Therapie zu wählen, die wir für geeignet halten, ist nicht mit den Rahmenbedingungen gesetzlicher Krankenkassen vereinbar.

Wie kommt es, dass Sie sich auf Reproduktionsmedizin spezialisiert haben?

Als Studentin habe ich in einer Kinderwunschklinik in Kanada hospitiert. Der mich betreuende Professor beschäftigte sich außerordentlich enthusiastisch mit der Frage, warum manche Frauen nicht schwanger werden – und was man tun kann, um ihnen ihren Wunsch zu erfüllen. Er hat mich absolut begeistert, so dass ich bei dem Thema geblieben bin.

Unter Ärzten spricht man selten von Start-ups, trotzdem brauchen Sie angesichts Ihres Teams aus drei Ärzten, zwei Biologen und weiteren Angestellten sowie Ihrer Ausstattung finanzielle Mittel. Sehen Sie sich als Gründerin?

Auf jeden Fall! Ich habe einen Businessplan erstellt, Gespräche mit Banken geführt, die Bau- und Einrichtungsphase von A bis Z mitbegleitet und nun einen Haufen Schulden. Trotzdem bin ich sehr zuversichtlich, denn ich bin von dem Erfolg unseres besonderen Ansatzes überzeugt. Gleichwohl wollen wir keine große Klinik werden, wir wollen uns so gut und lange es geht die Zeit und die Ruhe für die individuelle Behandlung unserer Patienten erhalten.

Auf jeden Fall dürfte Ihnen nicht langweilig werden: Sie haben selbst drei Kinder im Alter von 1, 3 und 9 Jahren…

Das stimmt, aber irgendwann gab es keine Alternative zur Gründung mehr. Ich wollte unsere Philosophie und das Setting, in dem wir Patientinnen behandeln, selbst schaffen. Zeit und Zuhören sind mir enorm wichtig – und hier kann ich es umsetzen. Mein Mann hat vor einem guten Jahr zu mir gesagt: 'Wenn Du die Gründung jetzt nicht durchziehst, wirst Du Dein Leben lang schlecht gelaunt sein. Also tue es bitte.' Dass ich nun viel Trubel habe – im Job wie im Privaten – macht es für mich gerade spannend. Zudem werde ich als Ärztin noch glaubwürdiger: Ich bin eine Frau, ich hatte auch mal Kinderwunsch. Und dass für meine Kinder auch noch genug Zeit bleibt, ist mir besonders wichtig.

Dr. Anja Dawson, Jahrgang 1975, studierte Medizin in Hamburg. Ihre Facharzt-und Schwerpunktausbildung machte sie an der Universitätsfrauenklinik Lübeck und arbeitete dort als Oberärztin im Kreißsaal. Nach Stationen in auf Reproduktionsmedizin spezialisierten Praxen eröffnete sie im Dezember 2015 die Kinderwunschklinik Valentinshof in Hamburg. Anja Dawson ist verheiratet und Mutter dreier Kinder.

*Laut dem Deutschen IVF-Register wurden 2014 52.988 Frauen künstlich befruchtet. Die Wahrscheinlichkeit einer Schwangerschaft liegt zwischen 36,2 % (IVF) und 34,5 % (ICSI). Weltweit wurden bereits mehr als 5 Mio. Kinder nach einer künstlichen Befruchtung geboren.

Seit dem 1. Februar 2016 bekommen auch unverheiratete Paare einen finanziellen Zuschuss zur künstlichen Befruchtung, hat der Gesetzgeber entschieden. Unter bestimmten Voraussetzungen können die Kosten für die ersten drei Behandlungen in Höhe von 12,5 % und die vierte in Höhe von bis zu 25 % erstattet werden.

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