"Innovativ, schnell wachsend, international - das reizt mich"

Ihr Lebenslauf klingt beeindruckend: Als Kindergartenkind tourte Laura Esnaola bereits mit ihrer Familie durch die Welt, um klassische Konzerte zu geben. Später entschied sie sich gegen die Geige und für ein BWL-Studium. Ihr Ziel: Möglichst viele Arbeitsplätze zu schaffen. Nach diversen Stationen ist die 33-Jährige jetzt Europa-Chefin von Care.com, einer Plattform zur Vermittlung von Alltagshelfern. Dass das Unternehmen mit dem Einstieg von Google Capital seit Juni einen finanzkräftigen Investor hat, kommt der Spanierin sehr gelegen: Sie holt im großen Stil qualifizierte Altenpflegerinnen aus dem Ausland nach Deutschland, um dem Fachkräftemangel zu begegnen. Zudem will sie das Firmenkundengeschäft deutlich ausbauen. Im SAAL ZWEI-Interview erzählt Laura Esnaola, warum es ihrer eigenen Karriere genützt hat, dass sie Care.com zwischendrin verlassen hatte - und dass ein Job für sie nur dann gut ist, wenn sie etwas gestalten kann.
Berlin/Hamburg, den 03. August 2016 - Von Stefanie Bilen

SAAL ZWEI: Frau Esnaola, Sie haben einen wunderbaren Lebenslauf, weil er so wenig mit dem gemein hat, was die meisten BWL-Absolventen anstreben. Nach einem Wirtschaftsstudium an der renommierten Yale University haben Sie einen Master in Musik – Schwerpunkt Geige – gemacht, um anschließend zu einer NGO nach Südamerika zu gehen. Steckte Planlosigkeit dahinter oder eine Strategie?

Laura Esnaola: Ich habe nie viel geplant, das meiste hat sich so ergeben. Bis ich 14 oder 15 Jahre war, wollte ich unbedingt Musikerin werden. Ich hatte eine ziemlich ungewöhnliche Kindheit: Aufgewachsen in Spanien, besuchte ich eine deutsche Schule in Madrid, nebenher spielte ich Geige, seit meinem vierten Lebensjahr. Während der Ferien bin ich mit meinen Eltern und meinen zwei Geschwistern durch die Welt gereist und in jedem Urlaub woanders aufgetreten. Als Teenager gaben wir Konzerte für Schulkinder in Peru. Mit unseren Auftritten unterstützten wir den Aufbau einer Schule.
Von da an änderte sich mein Berufswunsch: Ich wollte den Benachteiligten in der Gesellschaft helfen und möglichst viele Jobs schaffen. Musik fand ich nach wie vor schön, ich wollte aber tatsächlich etwas bewegen und die Rahmenbedingungen der Menschen verändern; Hilfe zur Selbsthilfe also. Ich engagierte mich als Studentin beispielsweise für eine Non-Profit-Organisation in Guatemala. Deshalb war es für mich ein logischer Schritt, dass ich zu Endeavor ging: Die Nichtregierungsorganisation unterstützt Gründer dabei, ihr Unternehmen groß und erfolgreich zu machen.

Das unterscheidet sich tatsächlich sehr vom Gros der BWL-Studenten…: Waren Sie eine Art Wunderkind?

Nein, nicht wirklich. Ich kannte es ja nicht anders. Musik war von Anfang an ein wichtiges Thema in unserer Familie. Ich dachte, es wäre normal, dass wir die Welt bereisten und Konzerte gaben.

Nach drei Jahren haben Sie Endeavor verlassen und sind nach China gegangen. Mit welchem Ziel?

Ich wollte die Kultur kennenlernen und die Sprache lernen. Es war an der Zeit für mich, meine Komfortzone zu verlassen. Deswegen habe ich mich zum intensiven Chinesischstudium an einer Universität eingeschrieben. Allerdings war ich dort nur ein Jahr, weil ich einen Platz am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) für einen MBA mit Schwerpunkt ‚Entrepreneurship‘ bekam, inklusive Stipendium. Diese Chance wollte ich mir nicht entgehen lassen.

Was haben Sie dort gelernt?

Unendlich viel. Die Themen, zu denen ich vorher bei Endeavor schon sehr praktisch gearbeitet hatte, nochmal von der wissenschaftlichen und analytischen Seite zu beleuchten, war sehr wertvoll. Allerdings habe ich auch gelernt, dass ich ein praktischer Typ bin. Ein Praktikum bei der Unternehmensberatung Boston Consulting Group in den Sommerferien hat mir das ebenfalls verdeutlicht. Ich verstehe mich noch heute sehr gut mit den Kollegen von damals und schätze ihre Arbeit sehr – allerdings habe ich mir häufig die Frage gestellt: ‚Is that my fit? Liegt mir diese Art zu arbeiten?‘ Schon bald beantwortete ich die Frage mit nein. Ich bin lieber näher dran am Operativen: ‚I am a builder – very mission driven‘.

Nach Ihrem MBA heuerten Sie bei Care.com an, Ihrem heutigen Arbeitgeber. Was hat Sie daran gereizt?

Ich lernte die Gründerin und CEO des Unternehmens, Sheila Lirio Marcelo, kennen, eine sehr inspirierende Persönlichkeit. Sie hatte schon damals ein hoch innovatives, schnell wachsendes und internationales Geschäft auf die Beine gestellt – das reizte mich. Ich stieg ein als ‚Director‘ für das internationale Geschäft. Es waren bewegte Zeiten, denn in der Zeit ging das Unternehmen an die Börse, die deutsche Tochter und das Portal Betreut.de wurden gekauft… Es ist sehr viel passiert und ich konnte viel lernen und zugleich gestalten.

Nach drei Jahren sind Sie dennoch zu einem Start-up nach San Francisco gewechselt und seit vergangenem April wieder an Bord – als Chefin für Care.com in Europa. Muss man das Unternehmen verlassen, um schneller Karriere zu machen?

Ja, ich glaube, es hilft. Wenn man Erfahrungen außerhalb des bisherigen Unternehmens sammelt, weiß man seine Leistung besser einzuschätzen und gewinnt mehr Selbstvertrauen. Zumindest war es in meinem Fall so. Ich traue mir mehr zu und bin deshalb gestärkt in meine aktuelle Position gegangen. Vielleicht wäre sie mir auch ohne meinen Weggang angeboten worden – aber so fühlt es sich besser für mich an.

Wie es aussieht, hat Ihre Arbeit künftig weiterhin mit starkem Wachstum und Tempo zu tun: Google Capital hat gut 46 Mill. $ investiert und ist nun größter Einzelaktionär von Care.com. Was bedeutet das für Ihr Geschäft in Deutschland und Europa?

Das Investment von Google Capital ermöglicht uns vor allem den Zugang zu einer Vielzahl von Experten bei Alphabet und Google, was uns natürlich beim Wachstum unseres Unternehmens helfen wird. Für den europäischen Markt kann ich sagen, dass wir den Fokus künftig stärker auf den B2B-Bereich, das Firmenkundengeschäft, setzen werden – die sogenannten Global Workplace Solutions. Bislang sind vor allem Privatpersonen unsere Kunden: Menschen, die einen Babysitter, eine Haushaltshilfe, eine Seniorenbetreuerin oder einen Tiersitter benötigen. Künftig wollen wir verstärkt mit Unternehmen zusammenarbeiten, die ihren Mitarbeitern diese Services anbieten wollen – etwa zur besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Mit Google als Arbeitgeber arbeiten wir übrigens schon seit einigen Jahren zusammen.

Welches Angebot wird hierzulande am stärksten nachgefragt?

Kinderbetreuung und Haushaltshilfen machen rund 80 Prozent aus. Die Nachfrage nach Seniorenbetreuung steigt aber stetig. Hier sehen wir das größte Potenzial, denn es gibt in Deutschland und anderen Ländern in Europa einen Pflegekraftmangel. Deshalb haben wir schon 2012 das Programm 'Care with Care' aufgesetzt: Wir rekrutieren hochqualifizierte ausländische Pflegekräfte für den Einsatz in Europa. Sie kommen bislang von den Philippinen, künftig aber auch aus China und anderen Ländern. Bislang sind die ersten Fachkräfte in Kliniken und Altenpflegeheimen von 15 unserer Kunden im Einsatz – doch es werden schon bald mehr sein. Wir freuen uns, mit unserem Projekt dem Fachkräftemangel in Deutschland ein Stück weit entgegenzuwirken.

Sie haben eine deutsche Schule besucht und leben nun erstmals in Deutschland. Sind Sie schon in Berlin 'angekommen'?

Es ist herrlich, es gefällt mir gut. Was auch dazu beiträgt, sind meine Eltern und Geschwister. Bislang waren wir über vier Kontinente verteilt, jetzt sind wir tatsächlich alle in Berlin. Mein Bruder tritt übrigens eine Stelle bei den Berliner Philharmonikern an. Er ist der Musik treu geblieben.

Laura Esnaola, 33, ist Vice President International sowie Managing Director von Care.com in Europa. Die Spanierin hat Wirtschaft und Musik an der Yale University sowie dem MIT studiert. Zuletzt war sie 'Director of Customer Success' bei Premise Data Corp. in San Francisco, seit April 2016 ist sie zurück bei Care.com, jetzt mit Dienstsitz in Berlin. 


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