"An den fruchtbaren Tagen lassen Frauen die Ellenbogen blitzen"

Wenn Frauen über ihren Monatszyklus sprechen, geht es eher um Defizite: Heißhunger, Schmerzen, Unlust beispielsweise. Die Journalistinnen Eva Dignös und Sabeth Ohl hat das gestört, und sie begannen zu recherchieren: Welchen Einfluss hat der weibliche Zyklus auf Denken und Fühlen, auf Leistungsfähigkeit, Partnerwahl oder Kaufentscheidungen? Und wie kann man ihn für sich nutzen? Herausgekommen ist ein unterhaltsames und überraschendes Buch über die weibliche Biologie.
Hamburg, den 13. Mai 2015

SAAL ZWEI: Frau Ohl, Sie haben ein Buch geschrieben, bei dem Sie "einen positiven Blick auf den weiblichen Zyklus" werfen. Wie ist das gemeint?

Sabeth Ohl: Einen positiven Blick auf den Zyklus werfen, Stärken aus ihm ziehen, heißt in diesem Fall: Lernt Euren Zyklus richtig kennen. Dann wisst Ihr auch um die starken Seiten und legt den Fokus nicht nur auf die vermeintlich schwächeren. Was, glauben Sie, fühlt sich besser an: Wissen, was die Zyklushormone "anzetteln" können und warum? Wissen, in welcher Phase ich mich gerade befinde? Oder Monat für Monat mit so einem unbestimmten Gefühl durchs Leben zu gehen, in Situationen zu geraten, immer aufs Neue überrascht zu werden und rückblickend nach einer Erklärung zu suchen? Die Auseinandersetzung mit diesem Thema für unser Buch hat auch meinen Umgang mit dem Zyklus verändert. Die Hochs, die mir der Zyklus beschert, genieße ich nun noch bewusster und nutze diesen Schwung. Und in schwierigere Phasen schlittere ich nicht mehr einfach so hinein, erlebe sie gelassener, gehe mit mir geduldiger um. Ich bin einfach besser vorbereitet, habe Job und Alltag selbstbestimmter in der Hand. Ich nutze meine Ressourcen besser.

Über Zickenkrieg unter Kolleginnen
"Es gibt eine Zeit im Zyklus, die Tage vor den Tagen, da gehe ich mit Kolleginnen, die ich nicht besonders mag, nicht zimperlich um. Es gelingt mir nur schwer, zu verbergen, was ich von ihnen halte. Ich neige eher dazu, ihnen zu sagen, was mir an ihnen nicht passt - leider treffe ich dann selten den richtigen Ton."
Maren, 40 Bibliothekarin - Auszug aus dem Buch

SAAL ZWEI: Wie können Frauen den Zyklus im Job nutzen?

Sabeth Ohl: Rund um den Eisprung lassen viele Frauen ihre Ellenbogen blitzen, bereit sie einzusetzen. Auch verbal sind sie jetzt auf Wettbewerb gebürstet. Dahinter steckt eine einfache evolutionäre Strategie, ob uns dieser Gedanke gefällt oder nicht: Sie wollen selbst gut dastehen und ihre Konkurrentinnen ausstechen, um sich den Mann mit den besten Genen zu schnappen. Eine Motivation, die sie in dieser Zeit besonders durchsetzungsstark macht. Warum sollten sie das nicht auch im Job nutzen? Und Verhandlungen – wenn möglich - genau auf diese Tage legen?
Die fruchtbaren Tage verändern auch optisch. Die Haut wirkt frisch und rein, sieht gesünder aus. Weil sie unter dem Einfluss des weiblichen Superhormons Östrogen besser durchblutet wird und weil sich Wasser einlagert. Das kann die Form des Gesichts leicht verändern, es weicher und runder aussehen lassen. Und vielleicht ist da noch ein Funkeln in den Augen... Viele Frauen strahlen an diesen Tagen etwas Besonders aus – was sich auch auf Fotos wiederfindet, wie eine Studie gezeigt hat. Beste Zeit also für Bewerbungsfotos.
Doch Vorsicht: Wie es die Strategie der Biologie so mit sich bringt, sind viele Frauen in dieser Phase Männern deutlich zugewandter und auch umgekehrt. Ist der Chef männlich, besteht die Gefahr, dass sie sich von Komplimenten einwickeln und sich doch wieder unliebsame Aufgaben aufs Auge drücken lassen oder bei der Gehaltsverhandlung einknicken. Auch hier gilt wieder: Den Zyklus kennen und vorbereitet sein. Eine Frau, die weiß, was auf sie zukommt, ist klar im Vorteil.

Übers den richtigen Zeitpunkt des Haarefärbens 
"Eine Zeitlang hatte ich Ärger mit meinem Friseur. ...Er ist ein wirklich netter Typ, der etwas kann. Aber aus der Blondfärbung wurde regelmäßig ein halbseidenes Blond mit orangenem Stich. ...Ich habe eine eigene Firma, mache Werbefilme für Unternehmen, habe also viel Kundenkontakt. Da kann ich nicht aussehen wie ein geföhntes Orang-Utan-Weibchen. ...Ich habe schließlich herausgefunden, dass es an der Zyklusphase lag. Seither mache ich meine Friseurtermine erst nach der Periode und vor der nächsten PMS-Phase."
Barbara, 40, Producerin - Auszug aus dem Buch

SAAL ZWEI: Wann sollten wir Frauen Shopping-Malls eher meiden?

Sabeth Ohl: Vor allem in der fruchtbaren Phase. Hier neigen viele Frauen dazu, richtig Geld in Kleider, Kosmetik, Accessoires zu investieren – in all das schmückende Beiwerk, das uns noch schöner macht. Gerne von Luxus-Labels. Dahinter steckt – mal wieder - die Evolution, der Wunsch, sich fortzupflanzen. Aber nicht nur: Die sündhaft teure Handtasche dient auch als eine Art Firewall für eine bereits bestehende Beziehung: Sie soll potenziellen Angreiferinnen signalisieren: Finger weg von meinem Mann! Derart getrieben shoppen gehen? Ich würde sagen, die kluge Frau shoppt antizyklisch. Dann also, wenn der Eisprung wieder vorbei ist.

Übers Einigeln und Sich-Herausputzen
"Meine Studentinnen amüsieren mich manchmal. Wenn sich eine zum Beispiel morgens besonders gestylt und gekleidet hat. Dann kann ich nicht umhin und frage mich: 'An welchem Tag des Zyklus' ist sie wohl heute?' Es gibt eben diese Tage, da zeige ich mich, es gibt die Tage, da verhülle ich mich. Das kenne ich auch von mir."
Maribel, 34, Verhaltensbiologin an einer Universität - Auszug aus dem Buch

SAAL ZWEI: Haben Sie auch Tipps, wie Männer sich im Alltag auf den Zyklus einer Frau einstellen?

Sabeth Ohl: Männer sind in der Lage, sich biologisch dem Zyklus ihrer Frauen anzupassen. Wenn sie wollen. Das ist ein erstaunliches wie faszinierendes Forschungsergebnis. Wir schreiben darüber in unserem Kapitel "Auch Männer haben Hormone". Aber das ist die biologische Seite. Aus dem Alltag wissen wir, dass Männer die Zeitschriften ihrer Frauen lesen - natürlich heimlich -, um zu wissen, welche Themen gerade angesagt sind. Was Frauen umtreibt, was sie über Männer denken, welche Geheimnisse sie haben ... Es gibt in und außerhalb von Beziehungen offenbar noch einigen Erklärungsbedarf - auch wenn sich natürlich bei weitem nicht alles mit dem Hormonhaushalt begründen lässt.

Und wann sind die Chancen auf guten Sex besonders groß?

Ich würde nicht von Chancen reden. Das klingt ja so, als gäbe es kaum welche! Fragen wir lieber, wann ist die Lust am größten? Mit Blick auf die Zyklushormone ist es die Zeit um den Eisprung herum. Sie erinnern sich: Evolution, Fortpflanzung, dann also, wenn die Chance, schwanger zu werden, am größten ist. Aber mit Blick auf das Ganze würde ich sagen: Da geht noch mehr. Guter Sex ist nicht nur Frauensache.

Für Pillenfrauen läuft es im Bett aber eher schlecht, zitieren Sie eine Studie...

Libidoverlust steht inzwischen schon auf den Beipackzetteln einiger hormoneller Verhütungsmittel. Was dort nicht steht ist, dass die Pille die Partnerpräferenzen von Frauen verändern kann – mit gravierenden Folgen für die Beziehung. Ich versuche das mal kurz zusammenzufassen: Frauen entscheiden sich unter dem Einfluss hormoneller Verhütungsmittel eher für den Männer-Typ "treuer Versorger" und für Männer, die für andere Frauen eher unattraktiv sind, Männer, denen sie keine Seitensprünge zutrauen. Kein Wunder, denn die Pille gaukelt ihnen eine Schwangerschaft vor, sie entscheiden sich für Sicherheit. Setzen diese Frauen dann später die Pille ab (Kinderwunsch, Nebenwirkungen u.a.), gefallen ihnen ihre Männer nicht mehr. Sie fragen sich, was sie jemals an ihnen gefunden haben, vielleicht trennen sie sich. Es gibt bei einigen Forschern die Annahme, dass die gestiegenen Scheidungsraten damit in Zusammenhang stehen.
Und: Die Pille kann das Gefühl von Eifersucht verstärken. Ein Gefühl, das maßgeblich das Klima in einer Beziehung mitbestimmen kann. Wie die Pille unser Denken, Fühlen und Handeln beeinflussen kann – zum Beispiel unser Durchsetzungsvermögen im Job, auch darüber schreiben wir in unserem Buch.

Über Mütter und Töchter
"Meine Mutter hat mir zum Thema Zyklus gar nichts vermittelt. Und ich habe von ihr in dieser Hinsicht kaum etwas mitbekommen. Das stimmt nicht ganz: Sie war launisch. Heute ist sie anders. Vielleicht, weil sie keinen Zyklus mehr hat. Aber das ist Spekulation."
Luise, 34, Altenpflegerin - Auszug aus dem Buch

SAAL ZWEI: Zum Abschluss noch die Frage: Wie sind Sie auf die Idee gekommen, ein solches Buch zu schreiben?

Sabeth Ohl: Als Chefin weiblich dominierter Teams habe ich immer wieder schnelle Wetterwechsel in der Stimmung erlebt. Ich kenne mich aus mit den klimatischen Bedingungen bei Budgetverhandlungen, in Konferenzen und Personalgesprächen unter weiblichen und männlichen Vorgesetzzen. Es gab immer wieder so Tage, an denen ich rückblickend dachte: Hätte ich doch diesen Termin anders gelegt. Wäre ich doch nicht so "unvorbereitet" in dieses Gespräch gegangen. Alles kommt in den Terminkalender - Jour fixe, Geburtstage, Steuererklärung, Elternabend, Mädelsstammtisch und wann wir den Blazer aus der Reinigung holen können. Aber was ist mit den Phasen unseres Zyklus? Warum sind wir nicht vorbereitet? So kam es zur Idee und zur Frage: Könnte eine persönliche Zyklusstrategie helfen? Ja, sie kann.

Sabeth Ohl arbeitet als Business Coach und Autorin in Hamburg. 
Gemeinsam mit Eva Dignös hat sie das Buch "Die Zyklusstrategie" geschrieben. Die Autorinnen werfen darin einen neuen Blick auf den weiblichen Zyklus. Sie zeigen, dass er mehr ist als ein lästiges wiederkehrendes Ereignis, und erklären, wie Frauen seine Vorteile erkennen und bewusst für sich nutzen können. Herausgekommen ist ein sehr unterhaltsames, fundiertes und überraschendes Buch über die weibliche Strategie der Biologie.

"Die Zyklusstrategie"
Weibliche Power-Potenziale erkennen und Tag für Tag nutzen
Eva Dignös, Sabeth Ohl
Piper Verlag, 10,99 Euro

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