"Anscheinend brauchen wir die Quote als Katalysator"

Viele Managerinnen wollen eigentlich keine Quote. Doch nachdem die freiwillige Selbstverpflichtung zu mehr Frauen in Aufsichtsräten nichts gebracht hat, haben sie keine Geduld mehr. In der Berliner Erklärung fordern Frauenverbände die Bundesregierung auf, endlich das geplante Gesetzesvorhaben auf den Weg zu bringen. SAAL ZWEI hat sich unter Entscheiderinnen umgehört. Insbesondere angestellte Managerinnen pochen auf mehr Gleichberechtigung, wenn es sein muss - mithilfe der Quote.
Hamburg, den 19.11.2014 - Von Stefanie Bilen

"Die Wehrpflicht ist innerhalb weniger Monate abgeschafft worden und sogar der Atomausstieg gelang nach der Katastrophe von Fukushima im Handstreich." Warum aber tut sich die Bundesregierung so schwer damit, die Frauenquote in Aufsichtsräten auf den Weg zu bringen? Das fragten die Initiatorinnen der Berliner Erklärung am vorigen Sontag in einem offenen Brief an Angela Merkel und weitere Mitglieder des Bundeskabinetts: "Es ist höchste Zeit, dass Sie den Koalitionsvertrag erfüllen, den Weg frei machen für parlamentarische Beratungen und die Verabschiedung der Quote für Aufsichtsräte." Stephanie Bschorr, Präsidentin des Verbands deutscher Unternehmerinnen (VdU), lässt verlauten: Man wundere sich, dass ein Gesetz, das Ausdruck für mehr Gleichberechtigung ist, für so viel Aufregung sorgt. Familienministerin Manuela Schwesig (SPD) und Justizminister Heike Maas (SPD) haben bereits den fünften Gesetzesentwurf vorgelegt, nachdem die Frauenquote im Koalitionsvertrag vereinbart worden war. Bevor sich der Bundestag mit dem Entwurf beschäftigen kann, muss er vom Kabinett gebilligt werden. Das ist bereits mehrfach verschoben worden, ein Termin stehe nach Angaben einer Regierungssprecherin nun in den nächsten Wochen an.
 
SAAL ZWEI hat die Quotendiskussion zum Anlass genommen und sich in den vergangenen Wochen unter Top-Managerinnen, Gründerinnen und Unternehmerinnen umgehört: Wollen sie überhaupt eine Quote? Das Ergebnis fällt überraschend deutlich aus: Angestellte Managerinnen wollten eigentlich lieber ohne Quote auskommen, erachten sie inzwischen aber als notwendig. Etliche sagen sogar, dass eine Vorgabe für die Aufsichtsräte der 108 größten börsennotierten Unternehmen nicht ausreiche und fordern eine Regelung für Vorstand und Geschäftsführung. Bettina Pohl-Luetcke, Geschäftsführerin von Shell Energy, bezweifelt etwa, dass eine Besetzung der Aufsichtsratsmandate mit mehr Frauen "ohne jeden Druck" erfolgen würde. Und Annette Messemer, Bereichsvorstand der Commerzbank, sagt: "Die Frauenquote ist Ausdruck eines notwendigen Veränderungsprozesses zu mehr Vielfalt im Arbeitsleben."


"Die Frauenquote für deutsche Aufsichtsräte ist nur die Ultima Ratio, regt aber eine gute Diskussion an."

Claudia Nemat, Vorstand Deutsche Telekom AG


"Die Quote ist Ausdruck eines notwendigen Veränderungsprozesses zu mehr Vielfalt im Arbeitsleben. Wichtiger als die reine Quote sind jedoch Maßnahmen, die ein Arbeitsklima und -umfeld schaffen, das es Frauen ermöglicht Führungspositionen einzunehmen. Frauen, die dieses Ziel bereits erreicht haben, können dabei als Vorbilder helfen. Wichtig sind aber auch ganz pragmatische Lösungen, wie zum Beispiel Rückkehrgarantien nach einer Elternzeit."

Annette Messemer, Bereichsvorstand Commerzbank AG


"Die Frauenquote für deutsche Aufsichtsräte ist nett, hilft uns aktuell aber nicht weiter. Unternehmerische Entscheidungen werden nicht im Aufsichtsrat, sondern im Vorstand oder der Geschäftsführung getroffen. Hier brauchen wir mehr Beispiele und ein Umdenken."

Prinzessin Tanja zu Waldeck und Pyrmont, Netmoms-Gründerin und Geschäftsführerin Tomorrow Focus News +


"Als ich kürzlich erwähnte, dass ich mich zusammen mit vielen anderen Managerinnen in einer Weiterbildung ... auf einen Aufsichtsratsposten vorbereitete, gab es wenig begeisterte Reaktionen. Insofern bezweifle ich auch, dass eine Besetzung der Aufsichtsratsmandate mit mehr Frauen ohne jeden Druck erfolgen würde. Es gibt so viele qualifizierte Managerinnen in Deutschland; die oft geäußerte Meinung, dass die Besetzung der Aufsichtsräte an der mangelnden Qualifikation oder Erreichbarkeit der Frauen scheitert, teile ich nicht."

Bettina Pohl-Luetcke, Geschäftsführerin Shell Energy


"In die Vorstände von Unternehmen gehören Männer und Frauen – im Idealfall zu gleichen Anteilen. Denn das ist die beste Methode, sich gegenseitig zu inspirieren und zu disziplinieren. ...Die Bereitschaft der Männer, qualifizierte Frauen zu unterstützen, muss größer werden."

Ulrike Badura, Vorstand Bank für Kirche und Diakonie

(Foto: Amanda Berens)


"Die Frauenquote für deutsche Aufsichtsräte finde ich richtig. Auch wenn Sie das jetzt nicht gerne hören, meine Herren!"

Judith Rakers, Tagesschau-Sprecherin und Moderatorin

(Foto: Daimler AG)


"Die Frauenquote für deutsche Aufsichtsräte ist nur dann zielführend, wenn nicht die strikte Quotenerfüllung sondern die persönliche Eignung das entscheidende Kriterium für die Rekrutierung bleibt."

Annette Winkler, Geschäftsführerin Smart



"Es gibt bereits sehr viele Unternehmen, die auf Chancengleichheit achten. ... Andererseits braucht es wohl die Frauenquote als Katalysator, der uns zwingt, sich mit den wichtigen Fragen hinter der Debatte schnellstens zu beschäftigen und die entsprechenden Antworten zu finden."


Ariane Derks, Geschäftsführerin "Land der Ideen"


"Die Frauenquote ist viel zu klein. Es geht um einen Schulterschluss und um die Stärkung der Frauen weltweit. Da müsste man noch viel mehr ausholen."


Barbara Becker, Modeunternehmerin




"Frauen haben neben rationalen, analytischen Fähigkeiten oft eine hilfreiche Intuition, unterschwellige Themen vorherzusehen oder Entwicklungen richtig einzuschätzen. Wenn Männer sie aber nicht gleichberechtigt mitspielen lassen, nützt es ihnen überhaupt nichts. ... Ich habe persönlich den Eindruck, manche Aufsichtsratsvorsitzenden oder Vorstandschefs von Großbanken wollen aus PR-Gründen eine Frau im Vorstand, akzeptieren dann aber oft kaum, dass diese ihr eigenes Profil entwickelt."


Yvonne Zimmermann, Vorstand Sparda Bank Hamburg


Explizit gegen eine Frauenquote haben sich in unseren Interviews in der Reihe 'Top-Managerin im Profil' lediglich vier Frauen ausgesprochen. Auffallend: Alle vier sind Gründerinnen und Unternehmerinnen.


"Die Frauenqote für Aufsichtsräte ist aus meiner Sicht Quatsch, auch wenn die Idee dahinter gut ist. Ich bin für Gleichberechtigung, meine aber, dass diejenigen befördert werden müssen, die dafür am besten geeignet sind. Und das ist abhängig von der Situation und sollte nicht an eine Quote gekoppelt werden."


Cécile Gaulke, Gründerin Rebelle

"Die Frauenquote ist der falsche Ansatz. Wer möchte schon eine Quotenfrau sein? Ich bin dafür, den Fokus auf die Nachwuchsförderung zu legen und Mädchen früh an Berufe heranzuführen, die in so genannten Männerdomänen liegen. Es ist nicht nur Sache der Politik, sondern der ganzen Gesellschaft, Mädchen zu selbstbewussten Frauen zu bilden und ihnen Perspektiven zu eröffnen."

Corinna Powalla, Gründerin Modomoto


"Leistung muss vor Geschlecht kommen. Wer dazu wirklich fähig ist, soll in Aufsichtsräte und Vorstände berufen werden, unabhängig vom Geschlecht."

Regine Sixt, Marketingleiterin Sixt AG


(Foto: Anne Kreuz)


"Die Frauenquote für deutsche Aufsichtsräte ist ein extremer Eingriff in die unternehmerische Freiheit."

Wenn Sie die Frauenquote vorantreiben wollen, können Sie eine Anfrage des Verbands 'Business and Professional Women' unterstützen: www.direktzurkanzlerin.de

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'Top-Manangerin im Profil': Hier finden Sie alle Interviews der Reihe.

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