"Das richtige Outfit kann Wunder wirken"

Mit grauen Einheitsanzügen oder damenhaften Kostümen - so sieht Ruth Löffelholz Frauen durch Berufsleben ziehen. Die Designerin versteht nicht, warum sich viele Managerinnen derart verkleiden und ermuntert sie, mutiger zu sein. Mit einer Portion Weiblichkeit, dezent und gekonnt eingesetzt, könnten sie sich viel leichter Autorität verschaffen. Interview mit einer Couturière über Kampf- und Konsenskleider, das Vorbild Christine Lagarde und die best gekleidete Kanzlerin, Angela Merkel.
Ruth Löffelholz
Frankfurt/Hamburg, den 17. Februar 2016 - Von Stefanie Bilen

SAAL ZWEI: Frau Löffelholz, in Ihren Augen kleiden sich die meisten Business-Frauen suboptimal. Entweder sie tragen schlechte Kopien vom grauen Einheitsanzug oder zu damenhafte Kostüme. Was raten Sie ihnen?

Ruth Löffelholz: Nachdem Männer lange Zeit den Ton in der Business-Welt angegeben haben bzw. es heute noch tun, ließen Frauen sich sehr auf die Darstellungsform der Männer ein. Bis heute werden sie gecoacht, Männer zu kopieren - sei es in Bezug auf ihren Managementstil, ihr Kommunikationsverhalten und andere Soft Skills. Als Entré zur Autorität galt bisher der Anzug. Das war lange sinnvoll, ändert sich inzwischen aber.
Frauen können selbstbewusst eine weibliche Note in den Business-Alltag bringen. Ich halte es sogar für eine große Chance, wenn Frauen ihren weiblichen Part einbringen und diese Form der nonverbalen Kommunikation gezielt nutzen.

Wie macht man es in Ihren Augen richtig?

Frauen sollten sich auf sich selbst konzentrieren und das herausstellen, was sie mit ihrer Erscheinung ausdrücken wollen. Auf jeden Fall sollte ihre Kleidung eine Taillierung aufweisen, um die weibliche Form zu betonen. Eine gut sitzende und auf die Person konzipierte Garderobe verleiht Frauen Autorität. Sie unterstützt eine gute Haltung, sorgt für Schutz und verhindert, in eine Statistinnen-Rolle gedrängt zu werden.

Business Couture von Ruth Löffelholz

‚Frauen sollen das herausstellen, was sie ausdrücken wollen‘ – sagen Sie. Wollen nicht alle Menschen im Job dasselbe: gut aussehen, sich wohlfühlen und kompetent wirken?

Manche tun sich aber schwerer damit als andere. Und das strahlt auch auf ihren Job aus. Angenommen, eine Kundin ist von großer, kräftiger Statur, sie trägt die Haare zu kurz und das Make-up zu dick. Wenn sie sich von der Stange einkleidet, womöglich in der Abteilung ‚mollig und dick, aber chic‘, kommt dabei kein Look heraus, mit dem sie sich Autorität verschafft. Das maßgeschneiderte Outfit kann dagegen Wunder wirken: Jede Frau hat Partien, die man hervorheben und positiv in Szene setzen kann. Ob das mit einem Kleid, einem Anzug oder einem Kostüm geschieht, ist Geschmackssache.

Aber Sie sehen nicht nur Verbesserungsbedarf bei Übergewichtigen?

Nein, keineswegs. Nehmen wir eine erfolgreiche Frau mit einer schlanken Figur. Sie wurde befördert, einen Level unter dem Vorstand: Sie wird jetzt getestet und muss sich beweisen. Da ist es wichtig, dass sie auch über die Ebene der Bekleidung Kompetenz ausstrahlt und ernstgenommen wird, sie aber auch ihre Weiblichkeit und ihre lässige Haltung nicht verbirgt. Ihr würde ich zu einem Kleid aus Herrentuch mit einem schwingenden Rock raten. Außerdem kommt es auf die Details an. Ihr Kleid hat Taschen wie bei einer Anzughose, so dass die Dame bei Bedarf weiß, wo sie ihre Hände lassen kann – und sie nicht unbeholfen hinter dem Rücken verschränkt. So kann sie eine Körperhaltung einnehmen, die selbstbewusste Souveränität ausstrahlt.

Welche Details sind noch wichtig?

Hüfthosen sind meistens unvorteilhaft. Die Konfektion bietet eben nur das, was die Mode diktiert. Die allerwenigsten Frauen im Management haben die richtige Figur, um solche Schnitte zu tragen. Ein Rock muss so geschnitten sein, dass er beim Sitzen nicht unangenehm nach oben rutscht. In Bezug auf die Länge ist meine Faustregel: Ab 40 Jahren sollte der Rock das Knie bedecken. Ab 50 darf er schon wieder das halbe Knie freilassen, weil man dann signalisieren darf: Ich kenne mich aus, ich habe es geschafft, ich muss mich nicht mehr so genau an die Konventionen halten.

Sie haben ein sogenanntes Kampfkleid und ein Konsenskleid entworfen. Was unterscheidet beide?

Je nach Situationen im Job kann ein offensives oder defensives Vorgehen sinnvoll sein, das man mit der Wahl der Kleidung subtil unterstreichen kann. Material und Schnittführung sind dabei komplett verschieden. Das Konsenskleid – es kann auch ein Kostüm oder Anzug sein – hat beispielsweise weiche Schultern und einen angeschnittenen Arm und trotzdem den Look einer gut sitzenden Schulter. Die Kleidung vermittelt keine Strenge, ohne niedlich zu wirken. Es sind Feinheiten, die den Wenigsten spontan auffallen. Goldene Knöpfe oder anderen ‚Tand‘ verwende ich ohnehin nicht. 
Das Kampfkleid wiederum ist scharfkantiger geschnitten. Der Arm ist eingesetzt – und die zuvor beschriebene Tasche gehört hier unbedingt dazu.

Es gibt immer noch Berater, die empfehlen, sich nicht besser als der Chef zu kleiden. Was halten Sie davon?

Überhaupt nichts. Frauen dürfen sich auf jeden Fall gut kleiden, egal ob ihr Chef Stil hat oder nicht. Kleidung ist die erste Form der nonverbalen Kommunikation, das sollten gerade Frauen im Management nutzen. Sie ist geeignet, über alle Barrieren hinwegzustrahlen. Denn die ersten zehn Sekunden zählen. Zurückhaltung ist hier völlig fehl am Platz. Was aber nicht heißt: mehr hilft mehr. Accessoires sollten sparsam eingesetzt werden und nicht billig daherkommen. Farben sind erlaubt, müssen aber zum Typ, zur Position und zur Situation passen. Neonfarben und pink würde ich ausschließen.

Von welcher Business-Frau können wir uns optisch eine Scheibe abschneiden?

Christine Lagarde ist ein echtes Role Model: Sie bedient die Konventionen, ist aber im Hinblick auf ihre Garderobe kreativ und wagt sich etwas. Egal, ob sie ein klassisches Chanel-Kleid mit einer Lederjacke kombiniert oder dezent auffallenden Schmuck zum klassischen Kostüm trägt: Sie hat ihre ganz eigene Silhouette, und sie hat immer etwas Weibliches an sich. Über ihre Kurzhaarfrisur vermittelt sie zugleich eine souveräne Ernsthaftigkeit.

Und wie beurteilen Sie den Kleidungsstil von Angela Merkel?

Als erste Frau in diesem Amt hat sich Angela Merkel für eine Art Uniform entschieden und ist aus meiner Sicht perfekt angezogen. Ihr Kleidungsstil ist weder männlich noch weiblich. Gleichzeitig erkennt man sie immer. Ihr farbiges Blazer sticht auf Fototerminen mit ihren männlichen Kollegen stets hervor – das ist ein geschickter Schachzug. Und ich bin mir sicher, dass sie die Farbe immer im Hinblick auf ihre Gesprächspartner und die Situation wählt. Einen dezidiert weiblichen Bekleidungsstil an der Spitze des Landes wird wohl die nächste Frau in dieser Position im Gepäck haben. 

(Alle Fotos: Ruth Löffelholz)

Ruth Löffelholz ist Couturière in Frankfurt. Einer ihrer maßgefertigten Anzüge oder Kostüme kostet rund 2.000 Euro. 

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