"Der ewige Spagat zwischen Kind und Karriere"

Seit vergangenem Mai ist Nancy Roberts USA-Chefin des Berliner Mobilvermarkters Glispa. Ungleich länger ist sie damit beschäftigt, Job und Familie miteinander in Einklang zu bringen. Keine einfache Sache, hat sie festgestellt. Was ihr bei ihrer Suche nach Akzeptanz, Erfolg und Zufriedenheit begegnet ist - und welche Tipps sie 'Executive Moms' - und Dads - weitergeben kann, beschreibt sie bei SAAL ZWEI.
Hamburg, den 10. Februar 2016 - Von Nancy Roberts

"Bevor ich selbst Mutter wurde, vertrat ich stets die Einstellung, dass sich Frauen immer zwischen Kind und beruflicher Karriere entscheiden müssten. Seit meine beiden Söhne - drei und sechs Jahre alt - auf der Welt sind, hat sich dies grundlegend gewandelt. Durch sie habe ich gelernt, dass die besten Tricks zur Zeitersparnis und auch die Management-Methoden, die ich in meiner sechsjährigen Laufbahn als Führungskraft erproben konnte, nicht nur im Management Board funktionieren, sondern auch im Spielzimmer.

Erfolg zu haben, bedeutet heute nicht mehr zwangsläufig, sich für nur eine Seite entscheiden zu müssen, sondern vereint beide Lebenskonzepte. Auch wenn es eine große Herausforderung darstellt, die Balance zwischen beiden Welten zu finden, lässt sich dieser Spagat meistern. 

Nicht alle Ratschläge funktionieren!

Vor meinem Mutterdasein habe ich alle Frauen, denen 'Play Dates' wichtiger waren als stundenlange Telefonkonferenzen, immer kritisch beäugt. Ich arbeitete oft bis spät in die Nacht im Büro, woraus schnell Routine wurde. Das änderte sich schlagartig nach der Geburt meines ersten Sohnes: Auf einmal war da ein Kind, das entweder hungrig, müde oder krank war, oder einfach meine volle Aufmerksamkeit brauchte. Das neue Familienleben mit all seinen Verpflichtungen holte mich auch schnell auf der Arbeit ein. Das Hin und Her zwischen Vorstandssitzungen und Schlafenszeiten fühlte sich manchmal wie ein Bungee-Sprung an. Ehemalige Mentoren rieten mir, festen Zeiten einzuplanen - für den Job und für die Familie. Ich wurde ermutigt, das Büro jeden Tag um 17.30 Uhr zu verlassen und erst wieder am nächsten Morgen an die bevorstehenden Aufgaben zu denken. 

Mag sein, dass dies für einige Eltern funktioniert, ich aber merkte, dass das für mich weder auf emotionaler noch auf praktischer Ebene zutraf. Wie sollte ich einem Kleinkind oder einem wichtigen Kunden erklären, dass sie sich an die festen Termine in meinem Kalender halten müssen...? War ich im Büro, machte ich mir Sorgen um meine Kinder. Umgekehrt war es abends zu Hause: Meine Gedanken kreisten am Abendbrottisch um die noch zu erledigenden Aufgaben. Schuldgefühle kamen auf und alles wurde anstrengend.

Aber was funktioniert?

Eine Brücke zwischen dem Beruf und dem Familienleben zu spannen, beginnt mit zwei harten Realitäten: Erstens ist Zeit eine endliche Ressource, und zweitens liegt die eigentliche Aufgabe darin herauszufinden, was Balance für jeden persönlich bedeutet. Um sich dem zu nähern, lassen sich mehrere Strategien anwenden:

1. 'Tue das, was Du liebst' ist nicht nur eine einfache Plattitüde.

Erstaunlicherweise gibt es viele Menschen, die bestimmte Karrierewege einschlagen, in denen sie sich aber nicht wohlfühlen. Meistens sind starke finanzielle Anreize oder der Jobstatus ein Motiv. Langfristig gesehen ist das aber eine Einbahnstraße. Denn wer im Job weder Erfüllung noch Befriedigung erlangt, wird sich auf Dauer ausgezehrt fühlen. Dazu gesellt sich eine immer stärker werdende mangelnde Motivation, die sich nicht nur auf die Leistung im Job, sondern auch negativ auf das Familienleben auswirkt.

Natürlich kann ein Job nicht immer nur Spaß machen, aber unterm Strich sollte man die Zeit im Büro größtenteils genießen. Zufriedenheit ist für viele Arbeitnehmer ausschlaggebend bei der Jobwahl und ganz oben auf der Prioritätenliste. Es ist sogar wissenschaftlich bewiesen, dass glückliche Menschen wesentlich produktiver sind. Mit einer positiven, wertschätzenden Arbeitskultur sind Mitarbeiter deutlich innovativer und engagierter, und schauen seltener nach neuen Angeboten und beruflichen Veränderungen.

Vor kurzem gab es auch für mich einen wichtigen Karriereschritt: Als General Manager bei Glispa baute ich ein neues Büro für ein schnell wachsendes internationales Unternehmen auf. Die Entscheidung für diese Aufgabe war keineswegs einfach: Auf der einen Seite gab es zwei kleine Kinder zu Hause, auf der anderen Seite winkte eine spannende Aufgabe mit einem Team aus Fachleuten. Ich habe mich richtig entschieden: Durch die Arbeit bin ich ausgefüllt und glücklich und gehe energiegeladen und voller Glücksgefühle nach Hause.

2. Erkenne, dass frühes Aufstehen Wunder wirkt. (Aber vergiss den Schlaf nicht!)

Ein Freund sagte mir einmal: 'Schlaf ist nur eine Gewohnheit.' Es ist nichts Falsches daran, sich genügend Zeit für Entspannung und Erholung zu gönnen. Aber ich bin eher jemand, der nachts kaum ein Auge zumacht, voller Erwartung, in den nächsten Morgen zu starten.
Noch lange bevor meine Kinder wach sind, stehe ich auf, beantworte meine E-Mails und bereite das Frühstück vor. Ich weiß, das klingt haarsträubend. Viele Eltern würden viel geben für etwas mehr Schlaf. Aber: Genügend Schlaf definiert sich nicht über eine gewisse Anzahl von Stunden. Es geht eher darum, was für jeden persönlich ausreicht, um sich gut ausgeruht und produktiv zu fühlen. Auch eine gesunde Schlaf-Kultur ist sehr wichtig, sei es durch die Verbannung aller elektronischen Geräte aus dem Schlafzimmer oder Powernapping zwischendurch. Es lohnt sich, die eigenen Schlafgewohnheiten zu optimieren, denn die Vorteile liegen auf der Hand: Nur eine einzige Stunde am Morgen summiert sich im Jahr auf 365 effektive Stunden. Und wer sich sogar zwei Stunden am Morgen zutraut, wird schnell erkennen, warum ein Workout um 05.00 Uhr in der Früh viel mehr bringt als der ewige Kampf mit dem Kopfkissen. Zeit und eigene Möglichkeiten sind unsere wertvollsten Ressourcen, die immer mit Bedacht gesetzt werden sollten.

3. Trenne beide Welten und sei konzentriert im Moment.

Auch wenn sich weder Kunden noch Kinder fest in einen Terminkalender pressen lassen, versuche ich trotzdem, meine beruflichen und familiären Verpflichtungen im Kopf zu trennen. Für mich bedeutet es, bei der Sache zu sein! Wer sich auf ein Thema einlässt - und nicht ständig mit den Gedanken abschweift, egal ob Hausaufgaben mit den Kindern oder der Abschluss eines Kunden-Projektes -, spart sehr viel Zeit. Und man gewinnt nicht nur Ausdauer, sondern auch einen angenehmen Seelenfrieden bei dem Gedanken, alle Aufgaben zufriedenstellend zu Ende gebracht zu haben und nicht dem Zeitplan hinterherzuhinken.

Die Balance zwischen Karriere und Familie zu finden ist nicht ein Weg, den jeder einschlagen möchte, aber eine Herausforderung, die sich durchaus lohnt. Zwar kann ich nicht bei jedem Kuchenbasar in der Schule anwesend sein, bin aber immer voll präsent im Konferenzraum oder Klassenzimmer, wenn es um wichtige Entscheidungen geht.
Falls Sie sich schon einmal gefragt haben, wie sich eine erfüllende Karriere und ein fröhliches Familienleben vereinen lassen: Die Challenge, nicht nur ein gutes Elternteil, sondern auch eine erfolgreiche Führungskraft zu sein, verlangt immer ein beträchtliches Maß an Einsatz, Kraft und Opferbereitschaft - aber es ist nicht unmöglich. Und wer letztendlich seine eigene, persönliche Balance gefunden hat, wird als Executive Mom (oder Dad) sehen, dass es wirklich die Mühe wert ist."

Nancy Do Roberts, 39, ist seit Mai 2015 General Manager USA beim Berliner Mobilvermarkter Glispa. Sie ist Mutter von zwei Söhnen im Silicon Valley.
Dieser Artikel ist in längerer Version im US-Magazin Fast Company erschienen. 


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Bekannt aus:

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Christina Kufer
Nina Streeck
Tanja Kewes