"Der Mittelstand ist nicht per se frauenfreundlicher"

Während der Frauenanteil im Top-Management von Konzernen bei mageren fünf Prozent vor sich hindümpelt, ist der Mittelstand deutlich fortschrittlicher: Jedes fünfte Unternehmen wird von einer Frau geführt. Laut Meinung von Experten wird dieser Anteil mittelfristig weiter steigen. Der Grund: Die steigende Erwerbstätigkeit von Frauen. Der staatlich verordnete Ausbau der Kinderbetreuung kommt somit einem Konjunkturprogramm gleich. Interview mit der Mittelstandsexpertin Rosemarie Kay.
Bonn/Hamburg, den 09. September 2015 - Von Stefanie Bilen

SAAL ZWEI: Frau Kay, der Anteil von Frauen im Top-Management von Konzernen liegt bei nicht einmal fünf Prozent. Unter den Unternehmern gibt es hingegen 20 Prozent Frauen. Heißt das, der Mittelstand ist frauenfreundlicher?

Rosemarie Kay: Nein, der Mittelstand ist nicht per se frauenfreundlicher. Frauen tendieren jedoch eher zu kleineren Organisationseinheiten. Zudem wird die mittelständische Wirtschaft zum Großteil von Unternehmen im Dienstleistungssektor geprägt. Hier sind hauptsächlich Frauen beruflich tätig, so dass auch dies ein Grund für die verhältnismäßig hohe Zahl an Unternehmerinnen ist.

Allerdings ist bei 20 Prozent noch Luft nach oben. Erwarten Sie, dass sich künftig mehr Frauen für eine Unternehmerin-Laufbahn entscheiden?

Die Zahl der Gründerinnen ist schon in der Vergangenheit gestiegen. Ich gehe davon aus, dass wir mittelfristig einen weiteren Anstieg erleben. Die Tatsache, dass Frauen über steigende Qualifikationen verfügen und verstärkt erwerbstätig sind, wird dafür sorgen, dass wir mehr Unternehmerinnen haben werden.

Dass Frauen verstärkt erwerbstätig sind, liegt am gesellschaftlichen Wandel, aber auch am staatlich verordneten Ausbau der Kinderbetreuung. Heißt es also, dass mehr Kitas und Nachmittagsbetreuung an Schulen zu mehr Unternehmerinnen führen?

Je stärker die Rahmenbedingungen so gestaltet werden, dass Mütter vollzeitnah arbeiten können, desto mehr trägt es dazu bei, dass Frauen ein Unternehmen gründen oder sich selbstständig machen. Hier sehe ich einen wesentlichen Hebel. In der Gründungsförderung generell sind wir gut aufgestellt. Was jetzt noch forciert werden muss, ist, Mädchen für MINT-Berufe zu begeistern und so Gründungen beispielsweise auch in technischen Bereichen zu stärken.

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Und welche Rahmenbedingungen sind wichtig, damit Frauen die Nachfolge in Familienunternehmen antreten?

Auch hier bewegt sich etwas. Es gibt zwar noch keine Zahlen darüber, aber meine begründete Einschätzung ist, dass der Anteil von Frauen in der Unternehmensnachfolge leicht zunimmt. Der Gedanke von Unternehmern, nur den Erstgeborenen für eine Nachfolge in Betracht zu ziehen, herrscht nur noch selten vor. Solche Konventionen werden aufgeweicht - auch, weil die Inhaber immer weniger per se davon ausgehen können, dass ihre Kinder die Nachfolge antreten. Insofern wird künftig auch die Frage nach dem oder der geeignetsten Kandidatin bzw. Kandidaten außerhalb der Familie in den Vordergrund rücken.  

Dr. Rosemarie Kay ist stellvertretende Geschäftsführerin des Instituts für Mittelstandsforschung IfM in Bonn. Ihre Forschungsgebiete sind Unternehmensführung, Unternehmenslebenszyklus und Gründungen.


Hier finden Sie alle bereits erschienenen Beiträge der Reihe "Top-Managerin im Profil".

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Sie war 17, als sie in den 1980-er Jahren alleine vor dem Golfkrieg aus Teheran nach Deutschland floh. Jasmin Taylor hatte weder Geld noch das Abitur in der Tasche. Heute ist sie eine erfolgreiche Touristik-Unternehmerin in Berlin. Ihr Credo "Man kann es immer schaffen" will sie jetzt an andere Flüchtlinge weitergeben: Mit der Initiative 'Strong Independent Sisters' unterstützt sie Frauen aus Syrien oder dem Iran, hierzulande auf dem Arbeitsmarkt Fuß zu fassen.
www.saalzwei.de

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