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"Der Wechsel könnte nicht krasser sein"

Sabbatical auf der Alp: Bereits zum zweiten Mal hat Katharina Afflerbach ihren Sommer auf einem Hof in den Bergen verbracht - als Bäuerin auf Zeit. Für nichts ist sich die Kölner Unternehmensberaterin zu schade, egal ob Heuernte, Milch verkäsen oder Ziegen melken. Ihr Lohn: Ein kleines Gehalt - und wunderbare Sonnenaufgänge, einzigartige Begegnungen, eine geschärfte Wahrnehmung und das Wiederentdecken eines Pragmatismus', den sie in ihrem Job als Touristik-Managerin vermisste.
Alp Salzmatt, den 23. September 2015 - Von Stefanie Bilen

SAAL ZWEI: Frau Afflerbach, wie sind Sie auf die Idee gekommen, als Sennerin zu arbeiten?

Katharina Afflerbach: Als Marketingdirektorin in Touristik und Hotellerie durfte ich viel von der Welt sehen. Aber das tiefe Eintauchen fehlte mir. Da ich die Berge von jeher liebe und meine Urlaube bergsteigenderweise in den Alpen verbrachte, reifte die Idee, einmal mit Haut und Haaren in die Bergwelt einzutauchen - aber nicht als Dirndl-tragende Kellnerin auf einer Berghütte, sondern in der Alp-Landwirtschaft. Nach einem Schnuppereinsatz 2013 bei einem Bergbauern in Südtirol verbrachte ich voriges Jahr meinen ersten Sommer auf der Alp Salzmatt in der Schweiz. Dass es der wahrscheinlich regenreichste seit Beginn der Wetteraufzeichnungen werden würde, konnte ich bei meiner Entscheidung zum Glück noch nicht ahnen... 

Und wie bewerten Sie die Erfahrung, über Monate aus Ihrem eigentlichen Arbeits- und Lebensumfeld auszusteigen und das gewohnte Business gegen frische Luft und Ziegen einzutauschen?

Die Alpzeit ist eine vieldimensionale Bereicherung für mich. Vorigen Sommer wusste ich noch nicht, worauf ich mich einlassen würde; ich hoffte, dass ich dort auf der Alp, in den Bergen und der relativen Einsamkeit, neue Erfahrungen machen würde, die ich bisher weder in Großraumbüro noch Großstadt gemacht hatte. Und tatsächlich: Für meinen Mut, aus der klassischen Karriere auszusteigen und etwas Neues zu wagen, wurde ich vielfach belohnt: zum Beispiel mit tiefen Begegnungen mit Menschen und Tieren, mit deutlich geschärfter Aufmerksamkeit und Wahrnehmung, mit unmittelbaren Arbeitsergebnissen - etwa einem ausgemisteten Stall, vollen Milchkannen am Ende des Melkens oder einer gefüllten Heubühne am Ende der Heuernte - und mit der besten Teamarbeit, die ich je erlebt hatte.
Das setzte sich im zweiten Alpsommer in diesem Jahr fort. Diskussionen darüber, wer was macht oder schon wieder machen muss, gibt es hier nicht. Wer den Stall ausmistet und wer die Milch verkäst, ist egal, es muss einfach gemacht sein. Solchen unprätentiösen Pragmatismus, der sich einfach auf die Sache konzentriert, habe ich als Managerin in der Touristik und Hotellerie oft vermisst. 

In der Rubrik Top-Managerin im Profil stellen wir den SAAL ZWEI-Leserinnen sowie der Leserschaft des Handelsblatt Morning Briefings erfolgreiche Frauen an der Spitze vor. Gabor Steingart, Herausgeber des Handelsblatts, fasst in seinem Morning Briefing täglich noch vor dem Frühstück relevante News aus Wirtschaft, Politik und Finanzen poinitiert zusammen. Gratis für den Leser.


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Wie betrachten Sie Ihre Sommermonate: Auszeit oder Arbeit? 

Die Alp-Saison ist für mich eine Arbeits- und Lebenserfahrung. Als Sennerin bekomme ich ein kleines Gehalt. Wichtiger für mich sind aber die anderen Währungen, in denen ich bezahlt werde: dank täglichem Aufstehen zum Melken um halb sechs mit wunderschönen Sonnenaufgängen, mit glücklichen Momenten im Stall, wenn die Ziegen ihre Streicheleinheiten einfordern, oder das 100 %ige Zum-richtigen-Zeitpunkt-am-richtigen-Ort-sein. 

Hat sich Ihre Leben nach Ihrem ersten Einsatz auf der Alb verändert? 

Ich achte ich noch mehr auf meine Ernährung und beziehe meine Lebensmittel noch rigoroser lokal und regional. Damit verbunden ist auch mein hoher Respekt allen Landwirten gegenüber, die unsere Lebensmittel anbauen und damit wohl einen der wichtigsten Berufe der Welt haben. Ihre Wertschätzung der Natur und des Lebens gegenüber trage ich in mein 'anderes' Leben als Unternehmensberaterin hinein. Ich wähle noch sorgfältiger aus, mit welchen Projekten ich mich beschäftige, für welche Initiativen ich mich engagiere und mit welchen Menschen ich meine Zeit verbringe. Und ich halte fest Kontakt zur Natur, was in Köln, wo mein Home Office ist, nicht immer einfach ist. 

Katharina Afflerbach arbeitet als Beraterin und Coach in Köln. Davor hatte sie verschiedene Führungspositionen in Marketing und Vertrieb in der Kreuzfahrt- und Hotelbranche. Zuletzt war sie Marketing-Direktorin bei Dortin Hotels & Resorts
 

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