"Ich will gestalten, nicht verwalten"

Sieben Jahre hat sie die Geschicke des Partner-Portals Friendscout 24 geleitet, kommende Woche steigt Martina Bruder aus, nachdem die Firma von einem Konkurrenten übernommen worden war. Bruder gilt als Top-Managerin mit Digital-Expertise und Aufsichtsrats-Erfahrung, einen neuen Vertrag hat sie noch nicht in der Tasche. Interview mit einer entspannten Geschäftsführerin über Aufgaben, die sie wirklich reizen, über kreative Wege, um zügig mehr Frauen in den Vorstand zu befördern und die Tatsache, dass Verkupplungs-Portale nicht zu den renommiertesten Arbeitgebern gehören.
Hamburg, den 24. Juni 2015 - Von Stefanie Bilen 

SAAL ZWEI: Frau Bruder, sieben Jahre waren Sie an der Spitze der Partnervermittlung Friendscout24. Kommende Woche verlassen Sie das Unternehmen. Warum?

Martina Bruder: Nach dem Verkauf der Friendscout24 GmbH an unseren Wunschpartner, den Weltmarktführer Match-Meetic Group, im Sommer des vorigen Jahres, ist der Merger nun erfolgreich abgeschlossen. Nach sieben spannenden Jahren habe ich Lust auf Neues.

Was haben Sie vor?

Ich will die Aufgabe, der ich bis heute mit vollem Einsatz nachgegangen bin, gut zu Ende bringen, bevor ich mich neuen Themen widme.

Eine Managerin wie Sie es sind – ausgestattet mit Digitalexpertise und langjähriger Top-Management-Erfahrung – müsste sich die Jobs aber doch aussuchen können…

Das würde ich bescheidener formulieren. Ich führe viele spannende Gespräche – und ich freue mich, diese Gespräche in Kürze zu vertiefen.

Wann ist denn ein Job für Sie ein reizvoller Job?

Ein Job ist ein toller Job, wenn er unternehmerischen Gestaltungsraum bietet, wenn er nicht verwaltet, sondern gestaltet. Wenn er mich in meinen Kernstärken spielen lässt – und das ist in erster Linie Transition Management. Das mache ich seit Jahren, bevor ich überhaupt wusste, dass es so heißt. Und dabei geht es nicht darum, Prozesse zu begleiten und zu steuern, sondern Unternehmen in grundlegenden Veränderungsprozessen zu führen.
Drei Werte treiben mich in meinem Leben an: Verantwortung, Wachstum und Wertschätzung. Und mit Wachstum ist nicht in erster Linie die reine Gewinnmaximierung gemeint, sondern mein persönliches Wachstum, das meiner Mitarbeiter, und somit selbstverständlich das Wachstum der Unternehmen, für die ich die Verantwortung übernommen habe. So gesehen ist es mir wichtig, stets Neues dazuzulernen. Wenn ich stets nur das machen müsste, was ich immer schon gemacht habe, wäre es furchtbar.

Angenommen, es hätte die Übernahme durch Meetic nicht gegeben: Wären Sie bei Friendscout24 nicht ohnehin bald unzufrieden geworden, weil das Wachstumspotenzial für Dating-Portale ausgeschöpft ist? Es gibt 13,4 Mill. Singles in Deutschland, aber rund 98 Mill. Dating-Portal-Mitgliedschaften im deutschsprachigen Raum…

Also bestimmt nicht aus diesem Grund. Wenn Sie meinen Lebenslauf ansehen, stellen Sie fest, dass meine Verweildauer bei bisherigen Unternehmen im Schnitt vier Jahre war. In dieser Zeit herrschte immer eine große Dynamik in meinen Tätigkeiten, und danach, wenn ich meine Aufgabe als abgeschlossen betrachtet habe, bin ich weitergezogen. Bei Friendscout24 bin ich mit einem ähnlichen Zeithorizont an den Start gegangen – und bis jetzt dabeigeblieben. Das zeigt ja, wie dynamisch das Geschäft ist. Hinzu kommt der hohe Konzentrationsdruck im Markt der Partner-Portale. Die überzogene Zahl der Mitgliedschaften kommt übrigens dadurch zustande, dass manche Anbieter jede Anmeldung als Mitgliedschaft zählen. Darunter sind ja viele Doppeltregistrierungen. Friendscout zählt nur die aktiven Mitglieder – und die Zahl liegt bei 1 Million.
Ich finde es wahnsinnig spannend, in dieser herausfordernden Situation mit steigendem – auch internationalem - Wettbewerb immer wieder neue Antworten zu finden, neue Geschäftsmodelle aufzusetzen, in mobile Geschäftsmodelle zu investieren, das Abo-Modell weiterzuentwickeln, In-App-Purchase- und Prepaid-Modelle aufzusetzen… - Sie merken, bei diesen Themen fange ich an zu sprudeln. Mir war jedenfalls nicht langweilig geworden. Trotzdem wäre auch ohne den Verkauf an Meetic, der schon lange zu meiner strategischen Zielsetzung gehörte, ein guter Zeitpunkt, um zu gehen. In unserer Branche leben die Unternehmen von permanenter Erneuerung und einer sehr hohen Dynamik. Da ist es gut, nach so vielen Jahren das Staffelholz abzugeben an neue Macher und Denker, die Friendscout24 mit frischem Blick und aus einer anderen Perspektive heraus betrachten. Und es gehört auch für mich als Führungskraft selbstverständlich dazu, mich immer wieder zu hinterfragen und Wandel herbeizuführen.

Sie bewegen sich seit 2004 in Digitalunternehmen. Könnten Sie sich vorstellen, jetzt den digitalen Wandel in einem Unternehmen der sogenannten Old Economy voranzutreiben?

Seit ich vor mehr als zehn Jahren zu Yahoo gegangen bin, bin ich immer für digitale Pure Play Unternehmen tätig gewesen. Trotzdem bin ich kein ‚Digital Native‘, ich bin ein ‚Immigrant‘. Ich fühle mich in der digitalen Welt vollkommen zu Hause, aber ich fühle mich eben auch in der alten Welt wohl, dort wurde ich sozialisiert. Ich bin überzeugt, dass der Brückenschlag zwischen den beiden Welten sehr, sehr wichtig ist, weil beide einander brauchen und voneinander lernen müssen. Es muss Führungskräfte geben, die beide Sprachen sprechen – sowohl unternehmenskulturell als auch fachlich. Hier liegen sicher sehr verantwortungsvolle Aufgaben.

Gibt es Geschäftsfelder, die für Sie nicht in Frage kommen? Hat es Sie beispielsweise genervt, wenn Medien über Ihr „Bungabunga-Business“ geschrieben haben?

Nein, überhaupt nicht. Es ist klar, dass Medien sich über solche Schlagzeilen freuen. Tatsache ist aber, dass ich ein digitales Unternehmen führe, in dem es nur um KPIs geht, um den messbaren Unternehmenserfolg, um nichts anderes. Dass es dabei um Partnerschaft und Liebe geht, ist ein wunderbarer, charmanter und wertstiftender Bonus für mich, aber nur ein ‚Icing on the cake‘, denn die unternehmerische Aufgabe steht absolut im Vordergrund. 

Digitalexperten werden genauso wie Top-Managerinnen dringend für Aufsichtsräte gesucht. Sie sind bereits Mitglied in zwei Gremien. Warum werden Sie nicht Multi-Aufsichtsrätin?

Ich arbeite sehr gerne operativ und sehe es als sehr sinnstiftend an, Unternehmen in Veränderungsprozessen zu führen! Das ist eine komplexe Aufgabe, die alle unternehmerischen Bereiche umfasst und bei der es insbesondere darum geht, die Mitarbeiter bestmöglich mitzunehmen. Ich mache diese Aufgabe sehr gerne – und deshalb will ich von ihr nicht lassen. Das kann man nur an der Spitze eines Unternehmens machen, nicht im Aufsichtsrat. Dort ist man zu weit weg davon und hat schließlich auch eine andere Aufgabe und Funktion.

Bekommen Sie denn verstärkt Anfragen?

Ja, allerdings habe ich bereits zwei Mandate, die ich mit Freude und Engagement ausübe. Ein Aufsichtsratsmandat erfordert viel Zeit und Engagement. Deshalb steht meine Hauptaufgabe natürlich im Fokus. Aufsichtsrats- oder Beiratsmandate sind für mich derzeit ein ‚Job Enrichment‘ – eine weitere spannende Perspektive auf unternehmerisches Handeln in einer anderen Verantwortung.

Wann wird die erste Frau einen Großkonzern führen, was glauben Sie?

Das sollte in diesem oder im kommenden Jahr über die Bühne gehen.

Simone Menne, Lufthansa-Finanzvorstand, ist nicht ganz so optimistisch, wie sie kürzlich im Interview sagte. Sie geht von 2017 aus…

Also bitte. Es ist Juni 2015 – und es gibt enorm viele geeignete Kandidatinnen. Unternehmen müssten nur mal mutiger werden und sich auch mal in der zweiten Reihe umschauen. Oder im Ausland. Ich weiß nicht, ob ein deutscher Dax-Konzern sich so etwas traut, aber die Deutsche Bank tut es allemal. Und wenn zwei Personen sich einen Vorstandsvorsitz teilen können, dann wäre das eine weitere Möglichkeit. So oder so: Ich halte die Diskussion darüber, dass es nicht genügend weibliches Potenzial gibt, für eine vorgeschobene. Deshalb bin ich optimistischer.

Reizt Sie selbst ein Vorstandsjob in einem Dax-Konzern?

Das will ich damit nicht sagen. Aber es muss ein Signal von Unternehmen geben, dass sie Frauen an der Spitze haben wollen. Ich habe eine interessante Feststellung gemacht: Bis ins mittlere Management nehmen Frauen keine Karrierebeschränkungen wahr. An einem Punkt aber kommen sie nicht weiter. Und deshalb begrüßen die meisten Top-Managerinnen die Quote, auch wenn sie eigentlich dagegen sind. Oft wird sie als Stigma wahrgenommen, dem sich keine leistungsbewußte Frau aussetzen will. Frauen haben den Anspruch, in einer meritokratischen Welt zu arbeiten, in der Leistung und Verdienst zu Anerkennung, Verantwortung und Aufstieg führen. Und genau hier haben die Unternehmen nach wie vor Handlungsbedarf.

Martina Bruder ist seit 2008 Geschäftsführerin von Friendscout24 sowie Mitglied der Führungsriege der Scout24-Gruppe. Seit der Übernahme von Friendscout24 durch Match-Meetic ist sie Geschäftsführerin von Meetic DACH, zu der gehört auch das ehemalige Konkurrenz-Portal neu.de
Bruder ist Aufsichtsrätin von DEAG Deutsche Entertainment AG sowie der Mytic Myticket AG. 
Wir haben das Interview am Rande der Konferenz 'Digital Advisery Board Summit' vorige Woche in Hamburg geführt. 

Martina Bruder (r.) zusammen mit SAAL ZWEI-Gründerinnen Nicole Mai (l.), Stefanie Bilen und Leserinnen beim Summit



Vielleicht auch interessant?

"Das war der beste Rat, den ich je bekommen habe"
Es wäre zu schön, wenn es das Rezept gäbe, das man bei den großen Fragen des Lebens einlösen könnte. Weil es nicht existiert, haben wir Top-Managerinnen in der Reihe "3 Fragen an 30 Frauen" nach dem besten Rat gefragt, den sie je bekommen haben. Unsere Lieblingszitate finden Sie hier zusammengestellt:
www.saalzwei.de

Mittwochs ist SAAL ZWEI-Tag.
Abonnieren Sie das kostenlose Online-Business-Magazin für Frauen und erhalten Sie ausgewählte relevante Inhalte direkt in Ihr Postfach. Jetzt gratis bestellen.
Und SAAL ZWEI auf Facebook und Twitter folgen.

SAAL ZWEI abonnieren

Mittwoch ist SAAL ZWEI-Tag:

Erhalten Sie jeden Mittwoch die neue Ausgabe
des Online-Magazins für Frauen direkt in Ihr
Postfach: Businesstrends, Exklusiv-Interviews,
Karrieretipps, Lifestyle, ... – gratis!

SAAL ZWEI-GASTAUTOREN

Christina Kufer
Nina Streeck
Tanja Kewes