"Es würde mir gefallen, mehr Frauen in Führung zu sehen"

Elf Arbeitgeber haben vergangenen Montag die Initiative "Chefsache" für mehr Frauen in Führungspositionen vorgestellt. Bundeskanzlerin Angela Merkel, Schirmherrin des Bündnisses, appelliert an die Unternehmen, endlich für Chancengleichheit zu sorgen.
Berlin, den 15. Juli 2015 - Von Stefanie Bilen


Mit einer Frauenquote wollte Angela Merkel lange nichts am Hut haben. Doch jetzt, so sagte die Bundeskanzlerin am vergangenen Montag in der Berliner Repräsentanz des Unternehmens Bosch, müsse etwas passieren: "Fünf Prozent Frauenanteil in den Vorständen von Dax-Unternehmen - da stimmt was nicht." Deshalb hat Merkel sich nun doch entschlossen, sich persönlich für mehr Chancengleichheit einzusetzen. Auf ihre Initiative haben elf Arbeitgeber die Initiative Chefsache vorgestellt: "Wandel gestalten, für Frauen und Männer" lautet der Untertitel. Mit von der Partie sind Dax-Konzerne wie Allianz, Bayer und Siemens, der Mittelständler Warema-Renkhoff, aber auch Arbeitgeber wie das Bundesverteidigungsministerium, die Fraunhofer-Gesellschaft sowie McKinsey. 

"60.000 Bewerbungen brauchen wir jedes Jahr, um 20.000 Kandidatinnen und Kandidaten einstellen zu können", erläuterte Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen. "Das macht deutlich: Wir können nicht auf die Hälfte des Potenzials verzichten." Bislang liege der Frauenanteil in der Bundeswehr bei 11 %, in Führungspositionen nochmals deutlich darunter.
Anders als bisher will die Initiative Chefsache nicht nur die Frauen - mit etwaigen Defiziten, weil sie es nicht an die Spitze schaffen - ansprechen, sondern insbesondere auch Männer, die den Wandel in der Chefetage eines Unternehmens mitgestalten müssen. Sichtbar erschöpft von den nächtlichen Griechenland-Verhandlungen, aber guter Dinge ermunterte Angela Merkel Arbeitgeber zu einem Perspektivwechsel: Anspruchsvolle Tätigkeiten seien sehr wohl in Teilzeit möglich und Karriereplanung müsse nicht im Alter von 45 Jahren abgeschlossen sein. "The Proof of the Pudding is the Eating", brachte sie ihre Erwartungen auf den Punkt. "Es würde mir gefallen, wenn ich mehr Frauen in Führung sehen würde." Die anwesenden Gründungsmitglieder der Initiative Chefsache dürften dies als Arbeitsauftrag verstanden haben.  

SAAL ZWEI hat mit drei der Chefsache-Initiatorinnen gesprochen: Janina Kugel, Personalvorstand Siemens, Martina Koederitz, Deutschland-Chefin IBM, und Angelique Renkhoff-Mücke, CEO Warema. Welche Fortschritte sind von dem Bündnis zu erwarten?

"Mit dem Rückenwind der Kanzlerin"

Martina Koederitz, Vorsitzende der Geschäftsführung IBM Deutschland

SAAL ZWEI: Es gibt unzählige Anstrengungen für mehr Chancengleichheit in der Wirtschaft, etwa die freiwillige Selbstverpflichtung oder die Charta der Vielfalt. Was bringt eine weitere Initiative für mehr Frauen in Führung? 

Angelique Renkhoff-Mücke: Wir wollen die geballte Kraft aller Partner und die Unterstützung der Bundeskanzlerin nutzen, um die breite Öffentlichkeit zu erreichen und den Kulturwandel vorantreiben. Es sind bundesweit Veranstaltungen geplant, um für Chancengleichheit zu werben und das Thema positiv zu besetzen. Die Partner der Initiative haben das Thema für sich erkannt und arbeiten daran – jetzt geht es darum, es in die Breite zu tragen. Bislang gibt es gerade unter den Männern noch große Vorbehalte, wenn von der Frauenquote die Rede ist. Ich bin der Meinung, dass es eines positiven Anstoßes bedarf, um einen Bewusstseinswandel zu bewirken. Im Übrigen verstehe ich die Initiative Chefsache nicht als Initiative, um Frauen zu fördern, sondern eine Anstrengung, um das zu erreichen, was eigentlich selbstverständlich sein müsste: Chancengleichheit und Gleichberechtigung von Frauen und Männern im Arbeitsleben und insbesondere in Führungspositionen. Deswegen sprechen wir auch bewusst die Männer mit an. 

Martina Koederitz: Was die Initiative für mich so charmant macht, sind die unterschiedlichen Stakeholder – ich gehe davon aus, dass sich jeder unserer Partner den notwendigen Veränderungen auf seine Art und Weise nähert. So entsteht eine größtmögliche Vielfalt beim Hervorbringen von weiteren Lösungen. Mit dem Rückenwind der Bundeskanzlerin beginnt dann hoffentlich auch ein Wandel in der Gesellschaft. 

Janina Kugel: Zum gesellschaftlichen Umdenken gehört, dass man den Wert unterschiedlicher Lebensentwürfe erkennt und ein neues Verhaltensrepertoire bei Besetzungsentscheidungen nutzt. In den vergangenen Jahren wurde bereits viel erreicht, doch noch immer sind Rollenstereotype in unserem Denken und Handeln nicht vollständig aufgelöst. Daran werden wir gemeinsam arbeiten. 

Geht es hauptsächlich darum, die Männer ins Boot zu holen?

Martina Koederitz: Wir stellen fundamentale Veränderungen im Arbeitsleben fest: Viele Menschen üben ihren Beruf inzwischen zeit- und ortsunabhängig aus, hinzu kommt, dass Nachwuchskräfte eine völlig andere Erwartung an ihr Arbeitsleben haben als bisherige Generationen. Die Frage der sogenannten Work Life Integration ist daher längst keine Frage der Frauen mehr, sondern sie betrifft Männer in gleichem Maße: Als männliche Führungskräfte, aber auch als Männer von erfolgreichen berufstätigen Frauen. Daher geht es um mehr als nur eine Frauenquote, sondern wie sich Kulturen grundsätzlich verändern, wie Unternehmen die Rahmenbedingungen anpassen werden und wie Veränderung in Deutschland zukünftig diskutiert und angenommen wird.

"Wichtig, dass der Mittelstand vertreten ist"

Angelique Renkhoff-Mücke, CEO Warema Renkhoff SE

Frau Renkhoff-Mücke, die übrigen Partner sind Dax-Konzerne und andere große Organisationen. Wie sind Sie als Vertreterin des Mittelstands zum Bündnis gekommen?

Angelique Renkhoff-Mücke: Als Tarifverhandlungsführerin des Verbands der Bayerischen Metall- und Elektro-Industrie und Unternehmerin war ich zu zwei Treffen von Frauen in Führungspositionen im Bundeskanzleramt eingeladen worden und habe in einer sehr aktiven Gruppe mitarbeiten dürfen. Aus dieser Gruppe ist schließlich die Initiative entstanden – und als ich gefragt wurde, ob ich mitmachen möchte, habe ich gerne zugesagt, weil es so wichtig ist, dass der Mittelstand vertreten ist und unser Anliegen in die Breite getragen wird. Statistisch gesehen gibt es im Mittelstand zwar mehr Frauen in Führungspositionen als in einem Dax-Konzern, das heißt aber nicht, dass es leichter ist, Chancengleichheit herzustellen.

Warum nicht?

Renkhoff-Mücke: Viele Mittelständler sind jenseits der Großstädte angesiedelt. Ländliche Regionen machen einen Kulturwandel schwerer, weil die Rollenbilder sehr verfestigt sind. Hier einen Kulturwandel hinzubekommen, dauert sicherlich noch etliche Jahre.

Wie wollen Sie die Initiative mit Leben füllen?

Martina Koederitz:
 Wir werden unsere bestehenden Programme bei IBM weiter forcieren. Mein besonderes Anliegen ist es, Mädchen für die Informationstechnologie zu begeistern und sie ihnen schon als Schülerinnen als Berufsfeld schmackhaft zu machen. Intern haben wir verschiedene Personalentwicklungs-Programme aufgesetzt. Dazu zählen etwa "Women in Leadership" – hier werden bereits junge Mitarbeiterinnen auf das Thema Führung vorbereitet -  oder "Taking the Stage", ein Programm, in dem sie an ihrem Auftritt und ihrer Präzens arbeiten und Selbstbewusstsein entwickeln können. In unseren Mentoring-Programmen ermuntern wir junge Frauen stets, sich die Rolle zu nehmen, die sie haben wollen. An diesem Punkt hapert es häufig: Frauen sind sehr zurückhaltend, wenn es darum geht, ihre beruflichen Pläne und Vorstellungen zu artikulieren.  

Angelique Renkhoff-Mücke: Das muss nicht immer etwas Großes sein. Beispielsweise habe ich im Arbeitgeberverband in Bayern zusammen mit männlichen Kollegen eine Initiative für Frauen in Führung angeregt, woraufhin ein Netzwerk etabliert wurde. Für unser eigenes Unternehmen habe ich von den Gründungsmitgliedern heute die eine oder andere Anregung bekommen, die ich mit meinen Vorstandskollegen diskutieren möchte.

Haben Sie ein Beispiel?

Renkhoff-Mücke: Ein anderes Unternehmen hat beispielsweise gute Erfahrungen mit einem Professor gemacht, der "Unconscious Bias"-Seminare im obersten Führungszirkel macht. Es geht darum, sich die eigenen Rollenbilder bewusst zu machen und zu hinterfragen. Und so etwas bekommt eine viel höhere Glaubwürdigkeit, wenn ein männlicher Professor dazu referiert, als wenn ich oder eine Kollegin es machen würde.
Ein anderes Beispiel ist der Umgang mit Frauen, die eine Familie gründen. Oftmals verlieren wir diese Frauen – weil sie sich ganz ihrem Nachwuchs widmen oder nur in geringem Umfang wiederkommen. Von anderen Unternehmen wissen wir jetzt, dass sie in einem engen Austausch mit schwangeren Mitarbeiterinnen stehen und ihnen deutlich machen, dass sie sie halten wollen. Und zusammen überlegen, welche Wiedereinstiegsmodelle in Frage kommen. Von solchen Erfahrungen wollen wir lernen.

"Wir müssen an vielen Schrauben drehen"

Janina Kugel, Personalvorstand Siemens

Welche messbaren Ziele hat die Initiative?

Janina Kugel: Die Initiative will zum Beispiel regelmäßig den Anteil an Frauen in Führungspositionen abfragen und hier auch Fortschritte erzielen. Wir dürfen uns hier aber nicht in Rekordzeit den großen Wurf erwarten. Es geht darum, nachhaltige Veränderungen auf den Weg zu bringen und dafür müssen wir an vielen Schrauben drehen. 

Martina Koederitz: Wir wollen den Anteil der weiblichen Führungskräfte erhöhen und eine positivere gesellschaftlicher Diskussion und Akzeptanz zu dem Thema erzeugen. Ich persönlich bin keine Verfechterin der Quote. Wenn heute in den oberen Führungsetagen kein Potential zu finden ist, liegt es an einer fehlenden Qualifikation, und das löst die Quote nicht. Die Basis an Frauen ist insgesamt und vor allem in den technisch orientierten Berufen zu gering und hier müssen wir ansetzen. Eine Kulturveränderung passiert aber nicht über Nacht.

Ich erwarte mir von der Initiative aber vor allem eine andere öffentliche gesellschaftliche Diskussion. Nicht: Müssen Frauen Karriere machen – sondern warum wollen eigentlich so wenige Frauen beruflich erfolgreich sein? Warum geben sich selbst gut ausgebildete Frauen mehrheitlich mit der Rolle der Familienbetreuerin zu Hause zufrieden? Das ist ja mindestens genauso wichtig. Denn ein Unternehmen kann nicht das Wollen einer potenziellen weiblichen Führungskraft erzwingen, sondern nur unterstützen.  

Angelique Renkhoff-Mücke: Wenn es unser Ziel ist, die Gesellschaft zu verändern, dann muss unsere Initiative jedes Unternehmen in seinem Einzugsbereich erreichen, egal ob über Branchen-Veranstaltungen, regionales Networking etc. Damit unsere Initiative ein Erfolg wird, brauchen wir künftig also noch deutlich mehr Mitstreiter, insbesondere aus den kleinen und mittleren Firmen. 

Vielen Dank für das Gespräch!

M. König (Bayer), M. Koederitz (IBM), A. Renkhoff-Mücke (Warema), C. Baur (McKinsey), P. Neher (Caritas), A. Merkel, J. Kugel (Siemens), Ch. Kübel (Bosch), W. Zedelius (Allianz), U.v.d.Leyen (Verteidigungsminsterium), A. Kurz (Fraunhofer), R. Esser (Zeit Verlagm v.l.)

(Fotos: Initiative Chefsache, IBM, Warema Renkhoff)


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