"Flughafen Berlin? Ich hätte nicht gekniffen"

Als Airport-Managerin mit Ingenieursabschluss gehört Andrea Pal einer seltenen Spezies an. Die 53-Jährige hat ihr Studium - Schwerpunkt Energietechnik - als Jahrgangsbeste abgeschlossen, spricht sechs Sprachen und hatte zahlreiche Aufsichtsratsmandate. Heute verantwortet die Mutter einer Tochter als Finanzchefin des Flughafens St. Petersburg einen Etat von 1,2 Mrd. Euro. Für uns klingt sie nach einer geeigneten Kandidatin für den Pannenflughafen Berlin. Bislang hat man ihr dort noch keinen Job angeboten, aber was nicht ist, kann ja noch werden...
Hamburg, den 26.11.2014 - Von Anja Steinbuch

Andrea Pal fällt auf: Im Anlagenbau und bei weltweiten Infrastrukturprojekten muss man eine Frau wie sie lange suchen. Die Ingenieurin, 1961 in Bukarest geboren, schloss ihr Studium mit dem Schwerpunkt Energietechnik als Jahrgangsbeste ab. Nachdem ihr Mann 1985 aus Rumänien geflohen war, durften sie und ihre Tochter ihm zwei Jahre später offiziell in den Westen folgen. Andrea Pal absolvierte berufsbegleitend mehrere Management-Programme in St. Gallen und London und machte im Großanlagen- und Flughafenbau Karriere. Sie war u.a. Vice President bei RWE in Essen und Senior Vice President Global Investments und Management beim Frankfurter Flughafenbetreiber Fraport. Zugleich saß Pal, die sechs Sprachen beherrscht, in mehreren Flughafen-Aufsichtsräten, darunter bei Antalya International, Delhi International und Hannover-Langenhagen. Seit 2010 ist die mittlerweile deutsche Staatsbürgerin Chief Financial Officer des internationalen Flughafens Pulkovo in St. Petersburg.

SAAL ZWEI: Frau Pal, wie hat es Sie nach Russland verschlagen?
Andrea Pal: Fraport, mein ehemaliger Arbeitgeber, dem 35,5 Prozent am Pulkovo Airport gehören, hat mich für den Posten vorgeschlagen.

Sie sind in St. Petersburg verantwortlich für einen Etat von 1,2 Mrd. Euro. Das ist die Summe, für die der drittgrößte Flughafen Russlands bis Mitte 2015 modernisiert und ausgebaut wird. Und Sie sind die direkte Vorgesetzte von 200 Mitarbeitern. Wie werden Sie der Verantwortung gerecht?
Man braucht sicherlich viel Fachwissen und Erfahrung, wenn man solche Großprojekte stemmen will. Mir hilft, dass ich sehr strukturiert arbeite. Und auch wenn ich sehr gern Verantwortung übernehme, verstehe ich mich immer als Teamplayer.

Was sind die größten technischen Herausforderungen im heutigen Flughafenbau?
Aufwendig ist die Einhaltung der Vielzahl an vorgeschriebenen Sicherheitsmaßnahmen. Beispielsweise müssen ankommende und abfliegende Passagiere bei internationalen Flügen in unterschiedlichen Ebenen abgefertigt werden. Das erhöht den Raumbedarf und kostet viel Geld. Mehr Platz als früher braucht man auch für Warteräume, weil die größeren Flugzeuge mehr Passagiere befördern als vor 20 Jahren. Dieser Tatsache sei auch die Notwendigkeit geschuldet, vielerorts schon zweistöckige Warteräume mit Passagierbrücken zu bauen.

Vor mehr als acht Jahren wurde mit dem Bau des Flughafens Berlin Brandenburg begonnen. Er sollte ursprünglich 2012 fertig sein. Nach Verzögerungen durch technische Probleme und Planungsfehler wird nun ein Eröffnungstermin im Jahr 2016 angepeilt. Wäre das mit Ihnen als verantwortliche Flughafenbauerin auch passiert?
Das kann ich nicht sagen, ich habe zu wenig Informationen über Details.

Hätten Sie denn einen solchen Job 2006 oder 2012 übernommen?
Auch das kann ich nicht mit Ja oder Nein beantworten. Man muss sich in solchen Situationen die Rahmenbedingungen ansehen. Das mache ich vor jeder möglichen neuen Aufgabe. Der Berliner Flughafen wäre aber eine interessante Herausforderung gewesen. Gekniffen hätte ich nicht.

Als Top-Ingenieurin im Großanlagenbau bewegen Sie sich in einer noch immer von Männern dominierten Welt – insbesondere in den Führungsetagen dieser Branche. Es gibt dort keine Frau wie Sie. Empfinden Sie das als Problem?
Als ich jung war, habe ich hier und da Ressentiments gespürt. Mit den Jahren aber gewinnt man an Kompetenz, Selbstsicherheit und Durchsetzungsvermögen. Leider sind viele Unternehmen in technisch-geprägten Bereichen es noch nicht gewöhnt, mit Frauen in Spitzenpositionen umzugehen, es fehlt ihnen an Beispielen von weiblichen Führungskräften in exponierter Stellung.

Ihre Projekte sind zeitintensiv, Sie arbeiten zehn bis zwölf Stunden am Tag. Wie finden Sie Zeit zum Entspannen?
In den ersten Monaten eines Projekts sind es sogar bis zu 18 Stunden täglich, die ich mich einsetze. Jetzt ist es so, dass ich nach Feierabend und an Wochenenden gerne historische Romane lese, ins Sportstudio gehe und ein- bis zweimal im Monat die Oper oder das Ballett in St. Petersburg besuche.

Wohin wird es Sie nach Fertigstellung des Flughafens Pulkovo verschlagen?
Das weiß ich heute noch nicht. Reizen würde mich ein Vorstands- oder Aufsichtsratsposten in einem Unternehmen des Anlagenbaus oder der Infrastrukturbranche - ganz klar!

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