"Frau Ministerin, Kinder sind mit 10 noch nicht erwachsen!"

Seit vergangenem Sommer geht die Tochter unserer Chefredakteurin auf die weiterführende Schule – und Stefanie Bilen ist entsetzt: Hausaufgabenhilfe, Nachmittagsbetreuung, Ferienprogramm, all das gehört nicht mehr zum Angebot. Stattdessen werden Eltern munter eingeplant, wenn es um Projektvorbereitungen, Hausaufgabenhilfe und Lernpläne geht. Weil das im krassen Widerspruch zum Bestreben der Bundesregierung steht, mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen und die Vereinbarkeit von Beruf und Familien zu ermöglichen, schreibt die SAAL ZWEI-Co-Gründerin jetzt einen offenen Brief an Familienministerin Manuela Schwesig. Nach guten Betreuungsmöglichkeiten für Kinder zwischen 0 und 10 Jahren folgt ein großes Loch. Will die Regierung 10-Jährige tatsächlich schon sich selbst überlassen?
Stefanie Bilen, Co-Gründerin und Chefredakteurin von SAAL ZWEI
Hamburg, den 11. November 2015

Sehr geehrte Frau Schwesig,

seit vergangenem September bin ich sprachlos. Sprachlos, enttäuscht, fassungslos. Deshalb schreibe ich Ihnen heute einen offenen Brief und wünsche mir sehr, dass Sie mir antworten.

Diesen Sommer ist meine ältere Tochter auf die weiterführende Schule gekommen. Der 3. September, der Tag ihrer Umschulung, hat mich - und meinen Mann - in eine andere Zeit zurückversetzt. In eine Zeit, in der es üblich war, dass Frauen Hausfrau sind und Männer das Geld verdienen. In der Mütter mittags das Essen auf den Tisch bringen und eine eigene Berufstätigkeit der Traum für später ist. Wenn die Kinder aus dem Haus sind.

Warum? Unsere Tochter hat jetzt täglich um 13.10 Uhr Schulschluss. Als eine von wenigen Schülerinnen isst sie mittags in der Cafeteria - in der freiwillige Mütter netterweise Mittagessen zubereiten -, danach ist ihr Schultag beendet. Zu Hause stehen Lernarbeiten an, die sie manchmal drei Stunden beschäftigen. Die sie aber keineswegs alleine erledigen kann. Die Schule - ein klassisches Gymnasium - scheint zu erwarten, dass jemand daneben sitzt, der unterstützt, motiviert und kontrolliert. Bei den Mitschülerinnen meiner Tochter sind das meistens die Mütter.

Ich hingegen bin berufstätig. Vollzeit berufstätig, genauso wie mein Mann. In den vergangenen zehn Jahren war die Betreuung unserer 11-Jährigen und ihrer jüngeren Schwester kein Problem. Wir waren froh über die vorhandenen, meist kommunalen Betreuungsmöglichkeiten, in denen unsere Kinder Freunde und Nachbarskinder treffen konnten: Mit sechs Monaten starteten wir bei einer Tagesmutter, die ihre Dienste zwischen 7 Uhr morgens bis 8 Uhr abends anbot. Es folgten Krippe und Kindergarten, die zwischen 7 und 17 Uhr geöffnet hatten. An der Grundschule gab es einen tollen Hort, der die Kinder mit einem Mittagessen versorgt, der eine Hausaufgabenbetreuung mit anschließender Spielzeit anbietet und der zehn Wochen Ferienprogramm auf die Beine stellt.
Für lange Arbeitstage und Dienstreisen hatten wir stets die Unterstützung der Großeltern, eines Babysitters und sog. Ersatz-Großeltern. Außergewöhnliche Termine der Kinder können sowohl ich als Selbstständige als auch mein Mann als Geschäftsführer dank flexibler Arbeitszeiten einrichten.

Aus dieser Zeit und mit der Überzeugung, Karriere und Familie lassen sich vereinbaren, - sind wir in die Gymnasialphase gestolpert. Hausaufgabenbetreuung für alle Schüler? Fehlanzeige! Nachmittagsangebot? Fehlanzeige! Feriengestaltung? Sie ahnen es... Es gibt vereinzelt AG-Angebote. Manche davon starten um 17 Uhr in einer Sporthalle, die mehrere Kilometer von der Schule entfernt ist.

Ich weiß, dass Schulfragen Länderthemen sind. Eine Freundin in Köln berichtet mir von einer verlässlichen Hausaufgabenhilfe bis 15 Uhr, die am Gymnasium ihres Sohnes angeboten wird. Aus Hamburg weiß ich, dass das Ganztagskonzept auch auf die weiterführenden Schulen übertragen wurde. Sogar Ferienangebote existieren. Am Stadtrand von Hamburg in Schleswig-Holstein lebend nützt uns das aber nichts. Und ich weiß von etlichen Eltern in meinem oder anderen Bundesländern, die auch nicht in den Genuss einer verlässlichen Nachmittags- und Ferienbetreuung kommen. Sie könnten einwenden, dass manche von uns sich eine Kinderfrau leisten könnten. Gut möglich, doch glauben Sie, eine 11-Jährige hat Lust, ihre Nachmittage und Ferien alleine mit einer Erwachsenen zu verbringen? Und unabhängig davon: Soll die Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht für alle möglich sein? Für Sachbearbeiter, für Gründer, für Selbstständige und andere, die finanziell keine großen Sprünge machen können? Da Ihre Regierung sich auf die Fahnen geschrieben hat, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie zu erleichtern und mehr Chancengleichheit am Arbeitsplatz herzustellen, müssen Sie auch an diese Lebensphase denken. Wie lange dauert es noch, bis alle Bundesländer Ganztagsschulen auch ab Klasse 5 anbieten? Denn Kinder im Alter von zehn oder elf Jahren sind noch nicht erwachsen!

Vor dem vergangenen Sommer sagte die Mutter eines Gymnasialschülers zu mir einen Satz, der mir absurd vorkam: "Der Erfolg unserer Kinder in der Schule wird davon abhängen, wie intensiv wir sie unterstützen." Inzwischen glaube ich, es ist mehr als ein Fünkchen Wahrheit dran. Liebe Frau Schwesig, bitte setzen Sie sich dafür ein, dass sich dieser Satz bald widerlegen lässt – egal ob in Kiel, Konstanz oder Kassel!

Mit freundlichen Grüßen

 

 

 

Stefanie Bilen

Stefanie Bilen ist Co-Gründerin und Chefredakteurin von SAAL ZWEI. Die erfahrene Wirtschaftsjournalistin ist Absolventin der Holtzbrinck-Journalistenschule und hat u.a. für Brand Eins, Handelsblatt, Harvard Business Manager und Wall Street Journal geschrieben.

Schreiben Sie der Autorin, welche Erfahrungen Sie gemacht haben: stefanie.bilen@saalzwei.de.

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