"Du solltest ein Café eröffnen"

Backen, bewirten, eine gemütliche Atmosphäre herstellen: Für viele Frauen ist es ein Traum, ein eigenes Café zu eröffnen. Besonders schöne Lokale und ihre Chefinnen werden jetzt im Bildband 'Sugar Girls' vorgestellt. Unsere Autorin Uta Petersen hat sich das Werk für uns angesehen.


Hamburg, den 07. September 2016 - Von Uta Petersen

"'Du solltest ein Café eröffnen...' Auch ich kenne – wie so manche Frau - diese Ermunterung. Die so häufig ausgesprochen wird, wenn man private Gäste mit Selbstgebackenem überrascht. Während ich aber noch zögere, haben sich 20 mutige Frauen ihren Traum vom eigenen Café bereits erfüllt, in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Drei Autorinnen haben diesen Elan in einem anregenden Bildband dokumentiert: 'Sugar Girls'. Die Highlights aus dem Buch stellen wir nachfolgend vor.
Ihre Cafés heißen 'Kieztörtchen', 'Fräulein Frieda' oder 'Himmelhoch', 'Roestbar', 'Jubel' oder 'Marshalls Mum'. Im 'Brits Kwisin' bei Brit Morbitzer in Mainz fühlt der Gast sich angeblich wie in der Kultserie 'Mad Man'. Für ihr 'Fein' kündigte Elke Löscher ihren Job als Beamtin in der Frankfurter Stadtverwaltung und verwandelte eine ehemalige Trinkhalle in ein Open-Air-Café mit Jazzkonzerten. Für 'England, England' in Dresden fällte Anke Hoppert sogar eigens Bäume.
Ob Regisseurin, Augenoptikerin, Übersetzerin - die Frauen haben ihren studierten, erlernten, ausgeübten Beruf kurzerhand aufgegeben und damit ihre berufliche und finanzielle Sicherheit. Doch alle scheinen irgendwie richtig glücklich.

Von der Tourmanagerin zum 'White Rabbit’s Room': Christina Doms in München

Weiße Bäume, weiße Sessel, weißes Porzellan-Kaninchen: Das Café 'White Rabbit Room' in München dient neben fabelhaften Torten dazu, die Zeit zu vergessen... Alice im Wunderland lässt grüßen. Für die acht Bäume im Café griff Christina eigens zur Säge und fällte im Chiemgau Eschen mit besonders vielen Astgabeln: "Sie sehen interessanter aus und schaffen eine verwunschene Feenwelt", sagt die einstige Tourmanagerin von Opernstars in Europa und Mexiko. Bei ihr gibt es Frühstück bis um halb drei Uhr nachmittags, auch eine Modenschau von Guido Maria Kretschmer fand schon in Ihrem Café statt. Kurz entschlossen kaufte sie die beliefernde Zimtschneckenfabrik hinzu und so kam zum White Rabbit’s noch das 'Little Rabbit’s Room' am Wiener Platz.



Alles türkis, alles kalifornisch: Kirsten Pevny aus Wien

Ihr Beruf als Stewardess führte Kirsten Pevny 15 Jahre lang in die aufregendsten Städte der Welt, so auch nach Los Angeles. Wie seltsam die Wege mancher Inspirationen: Ein leichter Wind vom Meer, das zarte Türkis vom Pier-Geländer in Manhattan Beach – so vermutet die 40-jährige – gab wohl den Ausschlag, in Wien ein Café zu eröffnen, in dem sie sich gleichzeitig wie in Kalifornien und wie zuhause fühlt. Die Sicherheit ihres Jobs wollte sie jedoch nicht sofort aufgeben: "Ich nahm einen Kredit über 50.000 Euro auf, fand in der Altgasse ein 60-Quadratmeter Geschäft, gewann den Behördenkampf. Flog fortan nur noch Sonntag bis Mittwoch, Donnerstag bis Samstag schmiss ich die 'Pure Living Bakery' – "es lief sofort". Sonnig, bunt, entspannt wie besagter US-Staat, so hat sie ihr Café gestaltet, mit Mitbringseln wie Holzschilder im Beachstyle, Bilderrahmen und Lampen. Wichtig ist in einem Café das Angebot: 24 verschiedene Kuchen mit 500 verkauften Stücken am Tag, für ihren 'Flat White' stünden die Leute in Zweierreihen an. Die Pressearbeit macht sie selbst, 10.000 Fans bei Facebook können nicht lügen, zum illustren Kundenstamm gehören mittlerweile auch die amerikanischen Unesco-Angestellten.

Zwei Nachbarinnen im 'Eppenlove' in Hamburg: Nina Danz und Angela Rüther

Nur für die Familie am Herd stehen? Nicht doch. Ein zufällig leerstehendes Ladenlokal in Hamburg-Eppendorf beschleunigte den Entschluss zweier Nachbarinnen zur Gründung von 'Eppenlove'. Angela Rüther, 53, und Nina Danz, 49. "Die größte Herausforderung für uns war, dass wir für möglichst wenig Geld ein hübsches Café wollten. Ninas Lösung war. Möglichst viel selbst machen."
Während Angela begeistert die Küche als ihr Reich bezeichnet, entfaltete Visagistin Nina ihr Talent als Baumeisterin. Mit Treibholz vom Elbstrand, Obstkisten, Bohlen von Gerüstbauern entstand ein unverwechselbares Ambiente, sogar die Menükarten sind aus Sperrholz. Alle komplizierten Vorgaben vom Bau- und Hygieneamt haben die beiden erfolgreich geschafft. Das wahre Geld aber bringe Catering und Feiern ‚rein, der reine Cafébetrieb hingegen vermittle den Macherinnen und allen Gästen ein wichtiges Gefühl, das Gefühl, dass alle irgendwie Nachbarn sind.

Drei Mütter, sechs Kinder: 'Good' im Schweizer Rapperswil

Barbara Berra ist Lehrerin, Beatrice Bös war einst Bildungsreferentin bei der Bayrischen Sportjugend in München und Britta Olmesdahl sammelte bereits während ihrer Tätigkeit als Anwaltgehilfin Café-Bücher. Die gemeinsame Entdeckung eines leeres Café mit Holzmöbeln führte zu der Entscheidung: Wir eröffnen ein Café.
In St. Gallen ist für die Gründung eines Cafés ein Wirte-Patent vonnöten, diesen Part besorgte Beatrice, die Catering-Erfahrungen mitbrachte. Rezepte und Deko-Ideen schienen bei den Frauen im Überfluss vorhanden. Sie gründeten eine GmbH, "als Zeichen gegen Lebensmittelverschwendung bieten wir Brot und Kuchen vom Vortag günstiger an", sagt Barbara Berra. Für ein Suspended-Coffee-Projekt hängen sie Marken an die Wand – Gäste bezahlen damit einen Kaffee für Leute in finanzieller Notlage. "Wir sind richtig gerührt, wie viele Gäste spenden."
Darüber hinaus sorgen sie mit gemischten Playlists für musikalische Abwechslung, durch die zugehörige App kann jeder Gast von seinem Handy aus die eigene Playlist im Café abspielen. (Der Beitrag an die Gema-Gebühr richtet sich nach der Größe des Cafés.)

Streit um den Apfel: Christin Römer mit 'Apfelkind' in Bonn

Bis zu 15 Kinderwagen stehen vor der Tür des 'Apfelkind' in Bonn – daran haben sich die Nachbarn bereits gewöhnt, Christin Römer freut sich, wenn sich auch Gäste ohne Kinder in ihr Café 'trauen'. "Die schönsten Momente sind, wenn sich hier mehrere Generationen treffen und alle friedlich miteinander spielen. Das ist noch besser, als ich es mir vorgestellt habe", sagt die ehemalige Kunstlehrerin und studierte Innenarchitektin.
Spielen, Waffeln essen, Kakao trinken – dafür schuf sie ein Ambiente in rot-weiß. Das führte zu jahrelanger, harter Auseinandersetzung mit dem Apple-Konzern, der ihr das selbstgestaltete Logo – ein roter, angebissener Apfel – streitig machen wollte. In der Presse wurde international darüber berichtet. Christin Römer aber ließ sich nicht kaufen und arbeitet weiter daran, für sinnvolle Kinderprojekte auszudenken, mit regionalen Partnern zu produzieren und mit dieser Idee auch in andere Städte zu gehen, und die Welt kinderfreundlicher zu gestalten.

So tatkräftig geht es durch das ganze reich bebilderte Buch. Bereitwillig haben alle Frauen ihre besten Ideen und Anleitungen weitergegeben, alle sind von der Erfahrung begeistert, selbstständig zu sein, fühlen sich freier und kreativer. Ganz am Ende des Buches findet sich nicht nur eine Fülle sehr individueller Rezepte, sondern auch etwas für einen Neuanfang: Eine ausführliche Starthilfe für Existenzgründerinnen. 
Es ist nicht abzustreiten: die lukullischen Fotos, die Rezepte und individuelle Inspiration und auch die Stil-Ideen der 'Sugar Girls' machen Lust: Ich sollte ein Café eröffnen!"

Sugar Girls – 20 Frauen und ihr Traum vom eigenen Café
Jana Henschel, Ulrike Schacht und Meike Werkmeister
Callwey Verlag, März 2016, 29,95 Euro
(Fotos/ Copyright: Ulrike Schacht)


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