"Härter als ein Mann, heißer als jede Frau"

Eigentlich ist Nikki Adler Postbotin - doch seit die 28-Jährige sich für eine Profi-Boxkarriere entschieden hat, heimst sie einen Weltmeistertitel nach dem anderen ein. Dass es in dem Business nicht nur um sportliche Leistungen geht, sondern vor allem um die richtige Vermarktung, musste Adler mit der Zeit lernen. Heute - auf dem Höhepunkt ihrer Karriere und etliche Nasenbrüche später - kann die vierfache Weltmeisterin gut von ihrem Sport leben. Trotzdem hat sie schon Pläne für ihre Zeit nach der Box-Karriere. Mit schwer erziehbaren Kindern zu trainieren beispielweise...
Nikki Adler (Foto: Studioarts Photography)
Neu Ulm/Hamburg, den 30. September 2015 - Von Stefanie Bilen

SAAL ZWEI: Frau Adler, Sie sind vierfache Box-Weltmeisterin im Supermittelgewicht und damit die derzeit erfolgreichste Frau im Ring. Gestatten Sie uns als Box-Laien die Frage: Sind Sie mit so vielen Titeln reich und berühmt?

Nikki Adler: Leider nein. Der Frauenboxsport hat noch nicht die öffentliche Aufmerksamkeit, die er verdient. Wir Boxerinnen müssen gegen viele Klischees ankämpfen und sehr viel Aufklärungsarbeit leisten. Wir müssen zeigen, dass wir sehr hart kämpfen können, aber trotzdem schöne Frauen sind. Viele Männer erwarten Mannsweiber, wenn sie sich einen Frauenboxkampf ansehen – und sind dann überrascht, dass ihr Klischee nicht bestätigt wird. Die meisten von uns Boxerinnen lieben es, sich schön zu kleiden, sich zu schminken oder tolle Frisuren machen zu lassen. Was allerdings nicht ganz einfach ist, wenn man dreimal am Tag trainiert.

Ihre Managerin hat die Maxime ausgegeben, Sie müssten härter als ein Mann und heißer als jede Frau daherkommen. Fühlen Sie sich auf dem richtigen Weg zum Ziel?

Ach, eigentlich kann man ein solches Ziel ja nicht erreichen, aber es ist schon so: Wir Frauen müssen uns auch brutale Kämpfe liefern können und uns gleichzeitig sexy präsentieren. Inzwischen verstehe ich, wie wichtig das für TV-Sender ist: Wenn Frauen schon boxen, sollen sie wenigstens hübsch sein - und bleiben. Die boxerische Leistung kommt da oft erst an zweiter Stelle. Das ist eigentlich sehr schade, weil Frauen oft technisch besser und viel bissiger boxen.

Sie sind stark in die Vermarktung Ihrer Person und Ihres Sport involviert, treten beim 'Promi-Dinner' bei Vox oder bei 'Gute Zeiten, schlechte Zeiten' bei RTL auf. Verbringen Sie mit dem Drumherum inzwischen mehr Zeit als mit dem Training?

Ich habe inzwischen tolle Unterstützung: Eine Vermarkterin, die sich um Sponsoren kümmert sowie eine Managerin, die die Kämpfe organisiert. Trotzdem verwende ich drei Viertel meiner Zeit auf Veranstaltungen, Auftritte, Vorträge etc., den Rest aufs Training. Wenn kein Wettkampf unmittelbar bevorsteht, nehmen Auftritte einen noch größeren Raum ein.

Von den Klitschko-Brüdern weiß man, dass sie durchs Boxen reich geworden sind. Ihnen werden allerdings keine millionenschweren TV-Verträge angeboten. Ist man als Profiboxerin trotzdem finanziell gut ausgestattet?

Seit ich nicht mehr mit einem externen Promoter zusammenarbeite, der meine Kämpfe vermarktet, sondern eine eigene Vermarkterin habe, läuft es ganz gut. Ich lebe nicht in Saus und Braus, aber ich muss mir keine Sorgen machen.

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Mit den Weltmeistertiteln von vier Boxverbänden in der Tasche: Was möchten Sie noch erreichen?

Mein größter Traum ist es, einmal am Madison Square Garden zu kämpfen, dort wo die großen bedeutenden Kämpfe stattfinden. Wenn man sich einen Namen gemacht hat, kann man es sich leisten, dorthin seine Gegner zu bitten und die Halle auch zu füllen. Im Frauensport würde man aber allenfalls vor einem Wettkampf der Herren dort kämpfen.
Außerdem hätte ich gerne weitere Weltmeistergürtel in meiner Gewichtsklasse, dem Supermittelgewicht. Es gibt neben den vier Titeln, die ich halte, noch drei weitere bedeutende Verbände. Sie möchte ich unbedingt noch gewinnen. Allerdings muss ich geduldig sein: Ich mache zwei bis drei Kämpfe pro Jahr, mehr schaffe ich bei einer Vorbereitungszeit von zwei bis drei Monaten nicht. Besonders viel bedeutet mir mein Gürtel vom WBC, dem größten und ältesten Verband. Ihn gewann ich in Tschetschenien – bei dem ersten Frauenboxkampf in einem muslimischen Land überhaupt. Dort durften Frauen nie zuvor in der Öffentlichkeit boxen.

Boxen ist etwas anderes als Tischtennis oder Golfen: Wie lange können Sie noch als Profiboxerin arbeiten?

Jetzt – im Alter von 28 Jahren – befinde ich mich in der Blütezeit meiner Karriere. Bis Mitte 30 hoffe ich, dabeibleiben zu können. Dann fangen sicherlich kleinere Wehwehchen an. Allerdings stimmt es nicht, dass Boxen die gefährlichste Sportart ist. Die meisten Unfälle passieren tatsächlich beim Fußball. Ich hatte bislang lediglich eine Daumen-OP und ab und zu eine gebrochene Nase. Und ja, nach einem Kampf habe ich mal Kopfschmerzen und ein blaues Auge. Mehr aber auch nicht.

Wie sind Sie eigentlich zum Boxen gekommen?

Mit sechs Jahren habe ich mit Taekowondo begonnen, Selbstverteidigung. Dabei fehlte mir aber der letzte Kick – und ich wechselte zum Handball, später zum Tennis und probierte alles Mögliche aus. Mit 15 bin ich schließlich beim Kickboxen gelandet – mir gefielen die Bruce Lee-Filme, und ich war Fan von Jean Claude van Damme. Eigentlich war mir der Sport zu brutal, aber mein Trainer hat mir das Kickboxen als Spiel nahegebracht. Von dort war es zum Boxen nicht mehr weit. Als ich nach einer vierwöchigen Vorbereitung die Deutschen Meisterschaften im Boxen gewann, war mein Weg klar.

Bei jedem Kampf stecken Sie Schläge ein und teilen aus. Was reizt Sie an dem Sport?

Die ständige Herausforderung! Man fängt vor jedem Kampf wieder bei null an, weil man sich auf jede Gegnerin neu einstellen muss. Gemeinhin glaubt man ja, seine eigenen Grenzen zu kennen, aber das stimmt nicht. Wenn ich es schaffe, jedes Mal meine Grenzen ein Stückchen zu überschreiten, hat sich jeder Aufwand gelohnt.

Sie sind seit fünf Jahren Profisportlerin und von Ihrem Job als Briefzustellerin bei der Deutschen Post freigestellt. Bereiten Sie sich bereits auf Ihre Zeit nach der sportlichen Laufbahn vor?

Ich habe sehr viele Ideen und bin auch in manchen Feldern schon aktiv. Ich kann mir vorstellen, Kinder und Jugendliche zu trainiere, insbesondere schwer erziehbare. Hier engagiere ich mich über „Keine Macht den Drogen“ bereits. Oder ich konzentriere mich darauf, andere Kämpfer zu promoten oder sie zu managen. An Ideen mangelt es mir jedenfalls nicht.


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