"Die Nähmaschine und ich sind keine Freunde"
Claudia Helming hat Dawanda 2006 gegründet, heute zählt das Portal für Handgemachtes 1,6 Millionen Mitglieder. Im SAAL ZWEI-Interview spricht sie über Schmuck und Strampler als nationales Kulturgut und erzählt, warum es höchste Zeit für Dawandas Internationalisierung ist.Hamburg, den 08.02.2012 - Von Stefanie Bilen
SAAL ZWEI: Frau Helming, neben Ihnen und Ihrem Geschäftsführer-Kollegen zählt Dawanda inzwischen sieben Investoren und Gesellschafter. Was ist anstrengender: Den Anteilseignern Bericht zu erstatten oder das Geschäft weiterzuentwickeln?
Claudia Helming: Oh, das ist eine böse Frage. Es ist natürlich interessanter und spannender, Dawandas Geschäft weiterzuentwickeln, aber die Routinen mit unseren Gesellschaftern sind recht übersichtlich. Unser Reporting umfasst Berichte auf Jahres-, Quartals- und Monatsbasis. Unsere Gesellschafter-Meetings finden einmal im Quartal statt. Mit dem einen oder anderen Investor tauschen wir uns intensiver aus und bekommen hier auch viel Unterstützung. Mit Holtzbrinck Ventures als unserem Lead Investor sprechen wir so mitunter jede Woche.
Sie haben kürzlich vier Millionen Euro in einer Finanzierungsrunde eingesammelt, um die europaweite Expansion zu starten. Dabei ist Vorwerk Ventures als neuer Gesellschafter an Bord gekommen. Welche konkreten Schritte planen Sie?
Als Erstes steht Frankreich mit einem Büro in Paris an. Wir sind zurzeit dabei, die Mitarbeiter einzustellen. Bis zum Sommer planen wir weitere Länder. Das ist schon recht konkret, allerdings noch nicht für die Öffentlichkeit bestimmt. Wir können aber sagen, dass unsere Aktivitäten im Ausland auch der deutschen Gesellschaft zugutekommen. Beispielsweise stocken wir das Personal im Management auf, wir verstärken die Ebene unterhalb der Geschäftsführung.
Können Sie sich auch Länder jenseits Europa vorstellen, etwa China oder die USA?
China scheidet sozusagen naturbedingt aus. Was dort als ‚handgemacht‘ bezeichnet wird, geht bei uns als Massenware durch. Dort gibt es weniger Menschen, die alleine oder mit wenig Unterstützung kreativ arbeiten und liebevolle Produkte nähen, häkeln oder basteln. Auch die USA scheiden aus, weil dem dortigen Marktführer Etsy das Territorium gehört. Aber es gibt noch etliche andere Märkte, die interessant für uns sind. Südamerika ist nicht zu unterschätzen. Auch in Europa gibt es viele Chancen, die wir mithilfe unserer Investoren nutzen wollen. Unser Gesellschafter Piton Capital aus Großbritannien hat gute Kontakte nach Osteuropa, in die Schweiz oder nach Skandinavien. Team Europe Ventures ist in Frankreich und Polen gut aufgestellt und kann uns dort sehr konkret unterstützen.
Der Marktführer und Vorreiter unter den Plattformen für Selbstgemachtes, Etsy, ist seit 2010 auf dem deutschen Markt mit einer Website vertreten. Wirkt sich das auf Dawandas Geschäft aus?
Nein, eigentlich nicht. Im Gegenteil: Wir sind in den vergangenen zwei Jahren auch in Deutschland gewachsen. Auch Mitarbeiter sind uns nicht abhandengekommen, wie man vielleicht vermuten könnte.
Ist Etsys Präsenz in Europa aber der Grund, warum Sie nun bei der eigenen Expansion auf die Tube drücken?
Das spielt in gewisser Weise eine Rolle. Tatsächlich wollen wir den Schritt zur Internationalisierung jetzt gehen, weil es in allen europäischen Ländern bereits Nachahmer gibt. Der Markt hat sich in den vergangenen ein, zwei Jahren stark entwickelt, insofern treiben wir die Internationalisierung mit Volldampf voran.
Auch Sie haben Dawanda nach dem Vorbild von Etsy entwickelt. Gibt es wesentliche Differenzierungsmerkmale?
Die Benutzerführung ist an mancher Stelle unterschiedlich – und natürlich ist es etwas anderes, ob Deutsche oder Amerikaner ihre Produkte verkaufen. Handarbeit ist häufig nationales Kulturgut. Aber wesentliche Unterschiede im Geschäftsmodell gibt es nicht.
Inwiefern unterscheiden sich die Nationen beim Anbieten von Selbstgemachtem?
In den USA ist das Schmucksegment die Nummer eins – sowohl nach Größe und Gewichtung. In Deutschland sind es hingegen Baby- und Kinderutensilien. Alles, was in irgendeiner Form genäht wird, kommt hierzulande gut an.
Haben Sie selbst mal etwas auf Dawanda angeboten?
Nein, die Nähmaschine und ich sind nie Freunde geworden. Allerdings habe ich früher sehr viel gestrickt, und ich würde sagen, die Ergebnisse konnten sich durchaus sehen lassen. Heute bleibt mir neben Dawanda wenig Zeit dafür, so dass ich den Verkauf von Gestricktem auf unserer Plattform lieber anderen überlasse.
Aber ich kaufe sehr gern - zuletzt eine schöne Lampe für die Küche. Außer bei Geschenken gucke ich selten gezielt nach konkreten Produkten. Ich stöbere gern durch neue Produkte und Shops. Da landet dann schon das ein oder andere Unikat im Warenkorb.




