Wie wird man eigentlich... Deutschlands Kartenlegerin Nr. 1?

Sylvie Kollin hat eine sehr pragmatische Einstellung zu ihrem Beruf. Sie sei nicht mystisch, und das Kartenlegen habe sie sich selbst beigebracht. Ohnehin könne jeder es lernen, mithilfe der Karten in die Zukunft zu blicken. Warum aber ausgerechnet sie es ist, die Prominenten die Karten legt und auf den Events hochseriöser Wirtschaftsprüfungsgesellschaften auftritt, hat sie uns im SAAL ZWEI-Interview erzählt.
Kartenlegerin Sylvie Kollin (www.sylvie-kollin.de)
Hamburg/Hannover, den 28. Oktober 2015 - Von Stefanie Bilen

Frau Kollin, Sie sind professionelle Kartenlegerin. Wie kommt man zu einem solchen Beruf?

Nach zehn Jahren Seefahrt - ich habe als sogenannte Stewardess auf einem Frachter gearbeitet - wechselte ich in die Gastronomie. Ich war in einem Top-Restaurant in Hannover beschäftigt, in dem gelegentlich eine Astrologin zu Gast war. Später machte ich mich mit einem eigenen Restaurant selbstständig.
Ich bin eigentlich eher 'unmystisch' veranlagt. Als ich in meiner Selbstständigkeit aber mal einen besonders schlechten Tag hatte, traf ich die Astrologin zufällig wieder. Sie legte mir die Karten - und tatsächlich trafen die Dinge so ein, wie sie sie vorausgesagt hatte. Ich war fasziniert.
Fortan übte ich das Kartenlegen. Ich kaufte mir ein Buch - und tauschte mich immer wieder mit der Astrologin aus. Es stellte sich heraus, dass sie in meiner Nachbarschaft lebte. Sechs Jahre lang übte ich, 1991 machte ich mein Hobby zum Beruf.

Das klingt alles sehr rational. Wir hätten vermutet, man braucht übersinnliche Fähigkeiten...

Erfahrungen sind sehr wichtig und man braucht eine gute Intuition. Prinzipiell kann aber jeder das Kartenleger lernen.

Wie sieht der Berufsalltag einer Kartenlegerin aus?

Von November bis Februar habe ich Hochsaison, in den Monaten davor und danach reise ich viel, bin in Südafrika oder Dubai unterwegs und trete bei Firmenfesten, Galas und anderen Events auf. Über Jahre war ich beispielsweise Eventpartner des Reiseveranstalters Tui, um das Sommerloch zu überbrücken. Kürzlich bin ich beim Sommerfest des Wirtschaftsprüfungsunternehmens Ernst & Young aufgetreten.
Daneben lege ich Privatpersonen die Karten. Manchmal sind es Prominente, u.a. Uwe Ochsenknecht oder auch der ehemalige Bundespräsident Christian Wulff. Ich habe 70 Prozent Stammkunden, die einmal im Jahr oder alle zwei Jahre kommen.

Was sind das für Menschen?

Meine Kundschaft ist zwischen 20 und 86 Jahren alt. Früher waren es überwiegend Frauen, inzwischen liegt der Männeranteil bei einem guten Drittel.
Viele kommen, weil sie an einem Scheideweg stehen oder vor einer weitreichenden Entscheidung stehen: Die Firma ist in Gefahr, meine Kunden haben bei der Arbeit mit Mobbing zu tun und es gibt Probleme in der Liebe.

Wie können die Karten dann helfen?

Ich habe schon so manchem das Leben gerettet! Etwa, weil ich eine Krankheit hervorgesehen habe. Allerdings sage ich keine schlimmen Sachen hervor, die nicht abwendbar sind. Meistens sehe ich die auch nicht.
Ansonsten rede ich nicht um den heißen Brei herum, ich rede Tacheles. Das schätzen meine Kunden, denn sie kommen ja zu mir, weil sie bestimmte Veränderungen erwarten. Deshalb sehe ich meine Tätigkeit als eine Art Coaching. Ich gebe mithilfe der Karten Denkanstöße und biete Lebenshilfe. Bei Bedarf vermittele ich einen Anwalt, einen Arzt oder was sonst nötig ist.

Können Sie sich selbst auch diese Lebensberatung geben?

Anfangs war ich noch objektiv, da konnte ich mir die Karten legen. Aber inzwischen klappt das nicht mehr. Ich lege mir sieben Mal hintereinander die Karten und suche mir stets das Beste heraus. Das ist also nichts wert.

Inzwischen ist es ein Leichtes, sich für kleines Geld über das Internet oder Fernsehen die Karten legen zu lassen. Inwiefern ist das Vergleichbar mit Ihrem Angebot?

Die Hotlines sind mir ein Dorn im Auge. Es gibt keinen persönlichen Kontakt zum Berater, das ist etwas vollkommen anderes. Außerdem gibt es jede Menge Damen und Herren, die diese Tätigkeit neben ihrem Hauptjob ausführen und dafür keine Steuern zahlen.
Ich nehme mir eine Stunde Zeit für meine Kunden und schreibe ihnen meine Vorhersagen auf. Damit sie nach einer gewissen Zeit überprüfen können, was eingetreten ist – oder wir zusammen, wenn sie ein Jahr später wiederkommen.
Ich behaupte übrigens, dass ich mit meinen Vorhersagungen nie daneben liege. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie eintreffen. Bei Menschen, die ein langweiliges Leben führen, kann es schon mal etwas länger dauern…

Danke für das Interview!



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