"In den USA haben wir als Newcomer eine Chance"

Als wir uns mit Nina Smidt zum Interview verabredeten, wollten wir in erster Linie mehr über ihren Werdegang erfahren. Die promovierte Anglistin, 40, hat einen internationalen Background, ist Mitglied von Generation CEO, einem Netzwerk talentierter Managerinnen, und arbeitet nach Stationen an deutschen Privathochschulen nun für die Zeit-Stiftung in New York. Herausgekommen ist aber vielmehr ein Gespräch über den enormen Wandel in ihrer Szene: Stiftungen werden unternehmerischer, internationaler - und auch Frauen übernehmen verstärkt Verantwortung. Anlass für uns, auch andere Stiftungen zu den Themen zu befragen.
 Hamburg/New York, den 17. Dezember 2014 - Von Stefanie Bilen

SAAL ZWEI: Frau Smidt, Sie vertreten die Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius in New York. Warum hat eine deutsche Stiftung ein Büro in den USA? 

Nina Smidt: Unser Stifter, der Anwalt und Politiker Gerd Bucerius, der auch die Zeitung „Die Zeit“ gründete, stand stets im engen Austausch mit den USA. Schon als junges Mitglied des Bundestags leitete er 1950 eine Delegation von Abgeordneten, die in die USA eingeladen worden waren, um eine freiheitliche Demokratie kennenzulernen. Die Erfahrungen in den USA haben ihn geprägt und sind auch für die Stiftung ein wichtiger Grundstein iherr Arbeit. An diese Tradition wollte die Stiftung anknüpfen, als sie 2005 entschied, ein Büro für die Zeit-Stiftung und die Bucerius Law School in New York zu eröffnen. In Bezug auf die Stiftungslandschaft sind die USA Vorreiter. Wir sehen es als Zeit-Stiftung als unsere Aufgabe an, uns mit globalen Problemen auseinanderzusetzen und uns international zu orientieren. Wir wollen von US-Stiftungen lernen – und die Erkenntnisse nach Deutschland übertragen. In die Zeit-Stiftung und in unsere operativen Projekte, die Bucerius Law School sowie das Bucerius Kunst Forum.

Sie sind seit 2009 für die Stiftung in den USA. Was haben Sie bislang gelernt?

Die US-amerikanischen Stiftungen sind sehr unternehmerisch aufgestellt. Das betrifft etwa das Einwerben von Drittmitteln, aber auch die Zusammenarbeit mit Partnern oder die professionelle Nutzung moderner Kommunikationsmittel für Kampagnen. Für unsere Hochschule haben wir in den USA beispielsweise einen Stipendienfonds, die Arnold Heidsieck Scholarships, eingeworben, mit dem deutsche Studierende in die USA gehen können. Die Stipendien werden jährlich an Studierende der Geisteswissenschaften ausgeschüttet und zahlen auf das Ziel ein, das transatlantische Verhältnis zu stärken. Doch auch unabhängig davon: Ich sehe die Tendenz, dass das Einwerben von Drittmitteln an Bedeutung gewinnt. Neben dem Zugewinn an finanziellen Mitteln macht die Kooperation mit anderen Akteuren unbedingt Sinn.

"Auch wenn wir den finanziellen Einsatz für gemeinnützige Arbeit trotz Finanzkrise stetig gesteigert haben, sind Netzwerke und Kooperationen mit Akteuren aus allen gesellschaftlichen Bereichen Voraussetzung für effektives Wirken. Wer Impulse für Diskussionen und Lösungsansätze für aktuelle gesellschaftliche Herausforderungen erarbeiten will, braucht Kommunikation – sowohl mit Entscheidern und Fachzielgruppen als auch mit der breiten Öffentlichkeit. Hier ist in den letzten Jahren sicherlich ein höherer Professionalisierungsgrad erreicht worden."
Susanne Kutz, Bereichsleiterin Kommunikation & Programmplanung, Körber-Stiftung

"In der Tat wird heute stärker darauf geachtet, wie die Stiftungsmittel effizient eingesetzt werden können. Es geht seltener um punktuelle Förderung und immer häufiger um eine nachhaltige Verbesserung von Problemlagen. Wie kann ich den eingesetzten Euro am wirkungsvollsten einsetzen, ist die Frage, die viele Stiftungen umtreibt. Die Kooperation mit anderen Akteuren wird dabei zunehmend  wichtiger."
Andrea Pauline Martin, Vorstandsmitglied, Joachim Herz-Stiftung

"Im Stiftungswesen stehen seit einigen Jahren die Effizienz der Methoden und die Wirkung des Handelns auf dem Prüfstand. Dies ist grundsätzlich zu begrüßen. Doch bei aller Effizienzsteigerung sollten die Alleinstellungsmerkmale von Stiftungen nicht aus dem Auge verloren werden: Stiftungen können jenseits von betriebswirtschaftlichen Parametern oder Legislaturperioden handeln. Sie schöpfen ihre Vielfalt aus den persönlichen, manchmal willkürlichen Motiven und Erlebnissen ihrer Stifter. Ihre auf Nachhaltigkeit angelegte Arbeitsweise erlaubt Stiftungen Irrtümer und Richtungsänderungen, aber verhindert manchmal zeitlich zu eng getaktete Wirkungsmessung."
Prof. Hans Fleisch, Generalsekretär, Bundesverband Deutscher Stiftungen


Frau Smidt, wie gelingt es Ihnen denn als vergleichsweise unbekannte Stiftung in den USA, Partner für Ihre Projekte zu gewinnen?


Es stimmt, dass wir verglichen mit so renommierten Organisationen wie der Ford Foundation, der Rockefeller- oder Carnegie Foundation ein Newcomer sind. Doch das ist kein Hindernis. Hier herrscht das Grundverständnis, dass man dem Neuen eine Chance gibt. Beispielsweise haben gemeinsam mit der Bucerius Law School in Kooperation mit der internationalen Rechtsanwaltskanzlei DLA Piper Diskussionsforen zum Thema Eigentums- und Medienrecht in den USA aufgesetzt.
Das kam so gut an, dass sich die Kanzlei als strategischer und finanzieller Partner bei der Gründung eines Instituts an der Bucerius Law School zu dem Thema engagierte. 

"Ein Thema, bei dem wir den Austausch mit amerikanischen Stiftungen suchen, ist Impact Investing. Im Sommer haben wir 15 Stiftungen, darunter Rockefeller, Kellog oder Mc Arthur Foundation zusammengebracht, um darüber zu sprechen, wie Stiftungen ihr Vermögen investieren und gleichzeitig eine finanzielle und soziale Rendite (Mission Related Investment) erzielen können. Das hat uns sehr weitergebracht, denn in diesem Feld hinkt die Entwicklung in Europa der angelsächsischen vier, fünf Jahre hinterher."
Barbara Müller, Senior Manager, BMW Stiftung Herbert Quandt


Frau Smidt, Management und Belegschaft von US-Stiftungen sind – genau wie in dortigen Unternehmen – internationaler und vielfältiger besetzt. Können Sie auch davon lernen?

Auf jeden Fall. Diversität ist insbesondere in New York ein großes Thema. Weil man weiß, dass eine Vielfalt in Bezug auf Gender, Kultur oder Herkunft sowie Alter bessere Ergebnisse hervorbringt. In der Zeit-Stiftung, aber auch in anderen großen deutschen Stiftungen, hat man das erkannt. Man möchte sicherstellen, dass man auf der Höhe der Zeit ist. Diese Tendenz zeigt sich klar in der deutschen Stiftungslandschaft ab.

Vielen Dank für das Gespräch, Frau Smidt.

Nina Smidt, 40, lebt mit ihrem Mann und ihrer Tochter (2,5 Jahre) in New York. Die promovierte Anglistin hat an der Jacobs University in Bremen und einer GmbH der Universität Hamburg gearbeitet, bevor sie zur Bucerius Law School wechselte. Seit Juni 2011 ist sie Präsidentin der internationalen Repräsentanz der Zeit-Stiftung in New York. Smidt ist seit November 2014 Mitglied von Generation CEO. 

"Projekte werden überwiegend von Frauen gemanagt, Geschäftsführerpositionen überwiegend von Männern gehalten. Ich zahle meinen Führungsfrauen die Kinderbetreuung. Das ist die einzige zusätzliche Vergütung, die nicht als geldwerter Vorteil besteuert wird."

Helga Breuninger, Breuninger Stiftung, Helga Breuninger-Stiftung, Bürgerstiftung Stuttgart

"Es gibt bereits einige weibliche Vorstände in Stiftungen - und ich erwarte, dass wir künftig noch weitere sehen werden. Diese Positionen haben zwar ein gewisses Renommee, allerdings reicht es nicht an die Vorstandspositionen der Wirtschaft heran. Zudem sind die Gehälter niedriger. Daher war das Stiftungswesen - offen gesprochen - schon immer uninteressanter für Männer."
Andrea Pauline Martin, Joachim Herz Stiftung

"In der BMW Stiftung haben wir den geringen Frauenanteil in Führungspositionen schon länger als Defizit erkannt; in absehbarer Zeit wird es hier sichtbare Veränderungen, sprich ein weiblicheres, internationaleres und aus verschiedenen gesellschaftlichen Bereichen zusammengesetztes Kuratorium geben. Aber in dieser Frage sind deutsche Stiftungen definitiv keine Vorreiter."
Barbara Müller, BMW Stiftung Herbert Quandt 

"In 2015 steht eine Staffelübergabe im Vorstand der Körber-Stiftung an. Mit Anja Paehlke werden wir ab dem 1. Januar ein weibliches Vorstandsmitglied haben."
Susanne Kutz, Körber-Stiftung


Trotz der Finanzkrise gibt es deutschlandweit mehr als 16.000 Stiftungen mit einem geschätzten Stiftungsvolumen von rund 100 Mrd. Euro. Die zehn größten vereinen 33 Mrd. Euro auf sich.

Der Vorstand von Stiftungen ist im Schnitt mit drei Personen, der Beirat mit fünf Personen besetzt. Die Hälfte haben einen Vorstand, der laut Bundesverband Deutscher Stiftungen mit Männern und Frauen gemeinsam besetzt ist. Ein gutes Viertel (27,9 %) haben eine Frau als Geschäftsführerin oder Generalsekretärin.

(Quelle: Bundesverband Deutscher Stiftungen)


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