"Junge Frauen lassen sich von ihren Kollegen nicht mehr den Schneid abkaufen"

Sie hat mehrere Hüte auf: Petra Baader leitet das Lübecker Familienunternehmen Nordischer Maschinenbau Rud. Baader, Weltmarktführer für Maschinen und Anlagen zur Fischverarbeitung, sie sitzt im Beirat der Deutschen Bundesbank Hamburg und ist Honorarkonsulin von Norwegen. Wie sie es schafft, allen Aufgaben gerecht zu werden - "eigentlich ist die Leistung eines Unternehmens mit 1.100 Mitarbeitern schon ein Vollzeitjob", welchen Wandel sie unter ihren weiblichen und männlichen Auszubildenden beobachtet und wie sie als unbekannter Arbeitgeber gute Mitarbeiter findet, darüber hat sie mit SAAL ZWEI-Autorin Anja Steinbuch gesprochen.
Hamburg/Lübeck, den 28. September 2016 - Von Anja Steinbuch

SAAL ZWEI: Frau Baader, wie hat sich die Arbeitswelt in den technischen Bereichen der Wirtschaft in den vergangen drei Jahrzehnten für Frauen verändert? 

Petra Baader: Die unterschiedliche Behandlung von Frauen und Männern und die damit einhergehenden unterschiedlichen Erwartungshaltungen haben abgenommen. Heute steht sehr viel deutlicher die Aufgabe im Mittelpunkt. Auch im technischen Bereich sind Frauen inzwischen keine Ausnahmeerscheinung mehr. Sie werden als selbstverständlich wahrgenommen – auch wenn sie nach wie vor noch unterrepräsentiert sind, weil Frauen immer noch mehr zu nichttechnischen Berufen neigen.
Doch das wandelt sich: Wir bilden beispielsweise fast genauso viele Mechatronikerinnen wie Mechatroniker aus. Ich beobachte, dass sich die Rollen von Frauen und Männern auch im sozialen Miteinander angeglichen haben. Bei Baader haben wir etliche junge Männer, die mit Freude ihre Vaterrolle annehmen und in Elternzeit gehen. Das haben sich vor 30 Jahren nur sehr wenige vorstellen können. Wir versuchen das bestmöglich zu unterstützen.

Knapp 20 Prozent ihrer 1.100 Mitarbeiter sind Frauen. Sind Frauen für ein Maschinenbauunternehmen wie Sie überhaupt interessant?

Ja, selbstverständlich. Wir stellen ja nicht nach Geschlecht ein, sondern nach Qualifikation und Fähigkeiten. Und wir suchen kontinuierlich hochqualifizierte neue Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Mit Ingenieurinnen beispielsweise haben wir bislang sehr gute Erfahrungen gemacht. Hohe technische Kompetenz ist bei uns in der Produktentwicklung natürlich Grundvoraussetzung. Die Arbeitsweise von Frauen in Entwicklungsprojekten unterscheidet sich aber etwas von der der Männer, da sie neben der Technik häufiger den Fokus auf umfassende Kommunikation und Einbindung aller Beteiligten haben.
Auch unsere weiblichen Auszubildenden im gewerblichen Bereich lassen sich von ihren männlichen Mitauszubildenden übrigens nicht den Schneid abkaufen, sondern sind oft auch Vorbild.

Was raten Sie jungen Frauen, die in Technologie-getriebenen Branchen Karriere machen wollen?

Zunächst ist natürlich eine fundierte Ausbildung unerlässlich. Ich empfehle die Kombination aus praktischer Lehre und Studium. Darüber hinaus sind Leistungsorientierung, Durchsetzungsvermögen, Überzeugungskraft, Selbstbewusstsein und eine gesunde Portion Menschenkenntnis vonnöten, genauso wie ein gewisses Maß an Gelassenheit. Also im Kern genau dieselben Voraussetzungen wie bei den männlichen Mitbewerbern.

Wie schaffen Sie es, Ihre vielen Aufgaben und Ihr Privatleben zu vereinbaren?

Ein Unternehmen mit 1.100 Mitarbeitern zu führen, ist eigentlich schon ein Fulltime-Job. Tatsächlich bin ich in Gedanken fast Tag und Nacht im Büro. Als Honorarkonsulin bin ich bemüht, Kontakte wirtschaftlicher und kultureller Art zwischen Firmen und Institutionen der Länder Norwegen und Deutschland zu vermitteln. Darüber hinaus ist es mir sehr wichtig, den norwegischen Bürgern zur Seite zu stehen, die im Lübecker Raum Unterstützung benötigen. Auch für Auskünfte zu Arbeitsmöglichkeiten und Auswanderungswünschen nach Norwegen stehe ich zur Verfügung.

Helfen Sie Ihren Mitarbeiterinnen, Beruf und Familie zu vereinbaren?

Nicht nur unseren Mitarbeiterinnen, auch viele Männer stehen vor der Herausforderung, berufliche und familiäre Erfordernisse zu vereinbaren. Elternzeit auch für Männer habe ich bereits angesprochen. Flexible Arbeitszeitmodelle und Home-Office-Lösungen sind bewährte Modelle, berufliche und familiäre Anforderungen zu vereinbaren. Da versuchen wir, bestmögliche individuelle Lösungen zu finden. Das betrifft übrigens nicht nur die Erziehung des Nachwuchses, sondern auch immer öfter auch die Begleitung und Pflege von Angehörigen.

Die Baader Unternehmensgruppe ist in Lübeck zu Hause. Wie bekommen Sie als weitgehend unbekannter Hidden Champion Top-Kräfte in die Stadt?


Zum einen bilden wir einen großen Teil unseres Nachwuchses selbst aus, zum anderen kooperieren wir mit der Nordakademie und der Fachhochschule Lübeck. Übrigens: Baader-Auszubildende - Industriemechaniker, Mechatroniker und Zerspanungsmechaniker, Industriekaufleute und Informatiker - schneiden bei ihren Prüfungen nachweislich gut ab. Leider liefern die lokalen Arbeitsmärkte nicht genügend Top-Ingenieure, -Techniker und -Naturwissenschaftler. Als Mittelständler können wir gegenüber interessanten Kandidaten unsere Attraktivität im Vergleich zur Großindustrie hervorheben. So haben junge Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter im technischen Bereich bei uns beste Möglichkeiten, Entwicklungsprozesse aktiv mitzugestalten und Produktverantwortung zu übernehmen. 


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