"Kann Arbeit Lebenssinn sein?"

Soll sie die Miete finanzieren - oder uns Bestätigung und Erfüllung bringen? Was kann Arbeit leisten? Ulrich Schnabel, Physiker und Buchautor, antwortet auf das Plädoyer des Unternehmens-Philosophen Dominic Veken. Danach führt ein Job, indem wir einen tieferen Sinn sehen, nicht nur zur Zufriedenheit, sondern vor allem auch zur Selbstausbeutung.
Hamburg, den 02. Dezember 2015 - Von Stefanie Bilen

"Arbeit ist wie ein leichter Schnupfen", schreibt Dominic Veken vorige Woche bei SAAL ZWEI. "Viele arbeiten ab, was ihnen an Anforderungen angetragen wird", kritisiert er die Wirklichkeit in vielen Unternehmen. Es gehe um Effizienz, um Shareholder Value und vielleicht um Work-Life-Balance. Und fragt: Warum machen Unternehmen Arbeit nicht zu etwas Leuchtendem, "zu etwas, für das sich der ganze Aufwand wirklich lohnt, das einen erfüllt und einen beseelt"?

Klingt gut, meint Ulrich Schnabel, Zeit-Redakteur und Buch-Autor - bringt aber einen wesentlichen Kritikpunkt hervor: Die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer Arbeit bringt Arbeitnehmer nur noch stärker unter Druck - und verleitet sie dazu, sich zum Wohle der Firma selbst auszubeuten. 

In seinem kürzlich erschienen Buch "Was kostet ein Lächeln?" hat er sich auch mit den "Arbeitsgefühlen" beschäftigt. Bei SAAL ZWEI warnt er davor, dass die Suche nach dem Sinn bei der Arbeit unbedingt auch Nachteile hat: 

"Vom Broterwerb zum sinnstiftenden Tun"

Buchautor Ulrich Schnabel (Foto: Martina van Kann)

"Ich kann Dominic Veken zustimmen, wenn er behauptet, dass sich 'Unternehmen heute viel zu sehr auf ihre rein wirtschaftlichen und finanziellen Zwecke' beschränken, und dass Arbeitgeber wünschenswert sind, die sich auch an ethisch sinnvollen Zielen orientieren. In der real existierenden Arbeitswelt ist es jedoch häufig so, dass solche Appelle vor allem den Druck auf die Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer erhöhen, sich zum Wohle der Firma noch mehr selbst auszubeuten.

Das moderne Human Ressource Management hat nämlich schon lange entdeckt, dass sich Beschäftigte weniger über finanzielle Entlohnung motivieren lassen, sondern vor allem über emotionale Belohnungen und das Gefühl, in der Arbeit den eigentlichen Lebenssinn zu verwirklichen. Dementsprechend wurde die Arbeit in den vergangenen hundert Jahren sukzessive umgewertet vom reinen Broterwerb zu jenem Tun, das eigentlich erst Sinn und Erfüllung bringt.
Mit seinen Appellen steht Dominic Veken also ganz in der Tradition dieses Denkens.
Dessen Kehrseite zeigt sich sowohl in einem massiven Hang zur Selbstausbeutung - man arbeitet ja nicht für den Arbeitgeber, sondern für seinen eigenen Sinn - und zugleich in einer starken Bewegung der Ent-Solidarisierung. - Denn wer in der Arbeit nicht glücklich wird, macht nicht andere dafür verantwortlich, sondern die eigene mangelnde Motivation.
Dieser heiklen Rolle der 'Arbeitsgefühle' ist deshalb auch in meinem kürzlich erschienenen Buch ein eigenes Kapitel gewidmet."

Eine Kurzfassung des Kapitels lesen Sie hier:

Moderne Nettigkeit darf nicht über Machtwillen hinwegtäuschen

"'Personalführung', so lautet eine gern zitierte Büroweisheit, "ist die Kunst, den Mitarbeiter so schnell über den Tisch zu ziehen, dass er die Reibungshitze als Nestwärme empfindet" – eine durchaus zutreffende Beschreibung des modernen Management-Stils. Denn die polternden Chefs von einst, die ihr Unternehmen mit harter Hand und lautstarker Autorität führten, gehören zunehmend der Vergangenheit an. Heute werden Mitarbeiter nicht mehr angebrüllt, sondern zielgerichtet so motiviert, dass sie die Belange des Unternehmens als ihre ureigensten anerkennen.

Moderne Manager haben gelernt, "mit Empathie zu führen". Sie sagen öfter "wir" als "ich", verstehen sich nicht mehr als Antreiber, als allmächtige Chief Executive Officer, sondern buchstabieren ihren CEO-Titel bescheiden als Chief Enabling Officer, als "oberster Ermöglicher", der fürsorglich dafür zuständig ist, dass andere ihren Job erledigen können. Und statt auf den Tisch zu hauen und ihre Macht spielen zu lassen, bevorzugen moderne Chefs leise Töne und verwenden am liebsten Wörter, die mit Team beginnen: Teamgeist, Teamwork, Teamerfolg...

Die moderne Nettigkeit darf allerdings nicht darüber hinwegtäuschen, dass auch die neuen Chefs in der Regel genau um ihre Macht innerhalb der Unternehmenshierarchie wissen. Sie stellen vielleicht ihre Machtinsignien nicht mehr zur Schau, tragen keine Siegelringe und rauchen keine dicken Zigarren mehr, sondern ernähren sich gesund, laufen Marathon und kommen mit dem Rucksack zur Arbeit; doch wenn es darauf ankommt, können sie Mitarbeiter ebenso kaltblütig entlassen wie ihre Vorgänger - nur diesmal eben mit einem netten Lächeln und warmen Worten.

Diese Strategie, die George Clooney als abgebrühter Kündiger in dem Film "Up in the air" aufs Schönste vorführt, ist das Ergebnis einer langen historischen Entwicklung. Schon vor dem Ersten Weltkrieg forderten Management-Experten den Einsatz emotionaler Führungstechniken anstelle der bis dahin üblichen Disziplinarmaßnahmen. So wurde den Chefs ein "leutseliges Wesen" und die "achtungsvolle Behandlung" des Personals empfohlen. Außerdem, so konnte man da Anfang des 20. Jahrhunderts lesen, sei es für den Unternehmenserfolg wichtig, das "Interesse der Angestellten am Geschäft" und ihre "Liebe zum Beruf" zu fördern. Im Idealfall sollten sich die Arbeitnehmer "durch Bande, wie sie langjährige Beziehungen herausbilden, mit dem Unternehmen eng verknüpft fühlen".

Die freundlichen Empfehlungen kamen damals nicht von ungefähr. Sie waren vielmehr eine Reaktion auf den zunehmenden Widerstand der Arbeiterschaft und deren Unmut über ausbeuterische Arbeitsbedingungen. Nachdem Mitte des 19. Jahrhunderts Marx und Engels die Parole "Proletarier aller Länder, vereinigt euch!" ausgegeben hatten, waren allerorten Parteien, Gewerkschaften und Arbeitervereine entstanden, die für die Belange der Industriearbeiter kämpften. Streiks wurden zum beliebten Druckmittel, mitunter legten die Arbeiter durch Sabotage ganze Betriebe lahm. Den Bossen wurde allmählich klar, dass es auf Dauer zu kostspielig und ineffizient war, darauf immer nur mit Druck und Polizeigewalt zu reagieren. Neue Methoden waren gefragt..."

Zum kompletten Auszug gelangen Sie hier:

Was kostet ein Lächeln?

Von der Macht der Emotionen in unserer Gesellschaft
von Ulrich Schnabel ist im vergangenen September im Blessing Verlag erschienen.

Anerkennung statt gesicherter Arbeitsverhältnisse

Sabine Donauer (Körber Stiftung, David Ausserhofer)

Zum selben Thema hat die Historikerin Sabine Donauer das Buch "Faktor Freude - Wie die Wirtschaft Arbeitsgefühle erzeugt" geschrieben. Sie erläutert, dass die Aussicht auf Selbstverwirklichung und Anerkennung heute oftmals gesicherte Arbeitsverhältnisse ersetzt und Erschöpfungszustände kompensieren muss, und untersucht, wie sich unsere Einstellung zur Arbeit seit dem Anfang des 20. Jahrhunderts verändert hat: vom Geldverdienen hin zu einer innerlich motivierten und motivierenden Beschäftigung.

Sabine Donauer
"Faktor Freude - Wie die Wirtschaft Arbeitsgefühle erzeugt"
Körber-Stiftung

 

Den kompletten Beitrag des Unternehmens-Philosophen Dominic Veken
"Wofür arbeiten wir eigentlich?",
erschienen am 25. November 2015 bei SAAL ZWEI,
können Sie hier nachlesen.

 

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