"Kinder ohne 'Nachmittagseltern' haben so gut wie keine Chance"

Kinderbetreuung wird ab Klasse 5 nicht einfacher, sondern sehr viel schwieriger: An den meisten Schulen gibt es weder Ferienprogramm noch Hausaufgabenbetreuung. SAAL ZWEI-Chefredakteurin Stefanie Bilen hat ihrem Unmut vorige Woche Luft gemacht und Familienministerin Manuela Schwesig einen offenen Brief geschrieben. Damit hat sie offenbar einen Nerv getroffen. In Dutzenden Rückmeldungen beklagen Eltern die schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie mit Gymnasialkindern. Einige der Leser-Emails veröffentlichen wir in Auszügen.
Hamburg, den 18. November 2015
(Foto: Reiner Sturm/Pixelio)

"Warum versteht sich die Schule nicht als Mittelpunkt für Kinder?"

"Danke für den offenen Brief! Der spiegelt sehr schön wider, an welcher Stelle nicht nachgedacht und gehandelt wird: Es werden Krippen für Kinder gebaut, die mit 10 Jahren auch noch Kinder sind und Betreuung benötigen. Der Fokus lag in der jüngsten Vergangenheit stets auf den Kleinkindern (Krippen-/Kindergartenausbau). Mich hat das stets geärgert, weil ich mich fragen musste, ob Kinder ab sechs dann nicht mehr existieren oder die Mütter/Väter von schulpflichtigen Kindern einfach nicht mehr arbeiten gehen sollen...
 
Ich habe noch nie verstanden - auch als Schülerin nicht - warum die Schule sich nicht als Mittelpunkt für die Schüler verstehen kann. Warum es nicht angenehme Räume zum nachmittäglichen Lernen geben kann oder Musik und Sport auch seitens der Schule angeboten werden können. Die Räume stehen nachmittags weitgehend leer (welche Verschwendung). Das gemeinsame Essen fördert den Zusammenhalt der Schüler ebenso wie gemeinsame Aktivitäten außerhalb des Lehrplans (Sport-, Kunst-, Musik-, Wissens-AGs, etc.) Die Lehrer unserer Tochter sind auch Coaches ihrer Schüler, was sie zu deren Verbündeten macht. Schule kann so viel mehr sein!"

Kirsten Bauer-Mehren, Projektmanagerin, Holzkirchen, eine Tochter (11)

"Nur Überflieger haben ohne Betreuung eine Chance"

Daniela Heggmaier

"Hier in Bayern erleben wir das Gleiche: Eine Schule ohne Konzept... Die Lehrer reißen vormittags den Stoff an. Nachmittags ist es an den Eltern, zu üben, erklären, vertiefen. Kinder ohne Nachmittagseltern haben nur eine Chance, wenn sie Überflieger sind...
Wir haben unsere beiden Kinder deshalb in einer privaten Montessori-Schule mit einem vernünftigen Ganztagskonzept untergebracht und danken dem Universum täglich auf Knien, dass wir zwei Plätze bekommen haben."

Daniela Heggmaier, selbstständige Texterin, München, zwei Kinder (9, 10)

"Niemals hätten meine Söhne ohne Privatschule ein gutes Abitur"

"Alleinerziehende haben so gar keine Chance, ihre Kinder gut durch die Kindheit und die Schule zu bekommen, weil sie eben - allein - sind. So viel zum Thema Fairness in unserem Land. 

Ich habe, als Alleinerziehende von Zwillingen, zum Hilfsmittel Waldorfschule gegriffen. Das hat super funktioniert, nur musste ich eben mehr verdienen, um das Schulgeld zu bezahlen. Inzwischen bin ich wieder verheiratet, meine Söhne beide zwanzig und zum Studium (Jura und Staatswissenschaften) aus dem Haus. Doch niemals hätten meine Söhne ein gutes Abitur ohne Privatschule - und niemals wären sie zuverlässig in Vollzeit betreut worden. Das ist leider die bittere Wahrheit."

Nicole Joehns, Unternehmerin, München, zwei erwachsene Söhne

"Privatschulen sind teuer, trotzdem lohnt sich jeder Cent"

"Mein Sohn geht in Klasse 7. Auch für uns war der Übergang von 4 zu 5 auf das staatliche Gymnasium ein Schock. Durch Unterrichtsausfall und Vertretung war kein Tag planbar, manchmal war er schon 12.30 Uhr zu Hause. Mit dem Ergebnis, dass er in der Zeit zwischen Schulende und unserem Heimkommen am Nachmittag folgendes tat: Fernsehen, Chips essen, Handy spielen. Als wir nach Hause kamen, hatte er bereits schlechte Laune und keinerlei Hausaufgaben erledigt. Ich verbrachte dann meinen Feierabend damit, ihn zum Lernen zu motivieren, ihm bei den Hausaufgaben zu helfen und nebenbei noch die zwei kleinen Schwestern bei Laune zu halten, weil man ja nicht wirklich Zeit für sie hatte.
Was tun? Zum Arbeitgeber gehen und plötzlich wieder weniger arbeiten? Jetzt, wo die Kinder eigentlich keine Vollzeitmutter zu Hause mehr brauchen? Das war keine Alternative. So haben wir für viel Geld eine Kinderfrau eingestellt, die jeden Tag ab ca. 12 Uhr bei uns zu Hause war. Das Ergebnis? Mein Sohn sprach kaum mit ihr, aß weiter Chips und schaute Fernsehen oder verzog sich in sein Zimmer. Er wollte keinen Babysitter!
Seit August geht er nun auf eine englischsprachige Privatschule. Dort zahlen wir ein ordentliches Schulgeld, aber trotzdem lohnt sich jeder Cent: Ein regelmäßiger Schultag ohne Ausfall von 8.15 bis 15.15 Uhr, Learning Support und Hausaufgabenhilfe, tolle Unterstützung durch die Lehrer und einen ausgeglichenen Sohn! Klar, dass die Schwestern bald auch dorthin gehen."

Christina T., Leiterin Vertrieb/Marketing eines IT-Unternehmens, nahe Leipzig, drei Kinder

"Die Hausaufgaben sind nicht dafür gemacht, dass ein Kind sie alleine bewältigt"

"Auch ich bin Vollzeit berufstätig. Unsere Tochter ist es seit frühester Kindheit gewohnt, bis 16:00 Uhr betreut zu werden. Die Schule endet nun um 13:30 Uhr, die Nachmittagsbetreuung beginnt um 14:30 Uhr. Dazwischen kann meine Tochter in der Kantine essen. Ein Raum für das Erledigen der Hausaufgaben wird leider nicht zur Verfügung gestellt.
Wenn der Nachmittagskurs um 16:00 Uhr beendet ist, sind die teilweise üppigen Hausaufgaben leider noch nicht erledigt. Deshalb sitzen wir oft bis nach 20:00 Uhr zusammen dran. Die Hausaufgaben sind gar nicht dafür gemacht, dass ein Kind sie allein bewältigt. Mein Kind muss trotz bester Noten in der Grundschule unterstützt und motiviert werden. Nun könnten wir überlegen, ob unsere Tochter ihren Sport im Anschluss an die Nachmittagsbetreuung aufgibt und ich parallel eine Teilzeitstelle annehme, damit sie das Gymnasium schafft. Nein, beides ist für uns keine Option.
Ich habe unser Kind letzte Woche von diesen nicht unterstützenden Nachmittagsangeboten abgemeldet. So kommt das Kind früher nach Hause, macht bei den Hausaufgaben schon mal, was es kann. Leider einsam und allein! Wenn ich um 19:00 Uhr nach Hause komme, machen wir gemeinsam den Rest - ein einziger Irrsinn. Für uns beide! Nach so langen Tagen in der Schule und im Job hätten wir einen schöneren Abschluss des Tages verdient. Warum kann ein Gymnasium in Hamburg, obwohl die Vereinbarkeit von Familie und Beruf überall drauf steht, so wenig unterstützen?"

Beate Spyrou, Hamburg, ein Kind (11)

"Warum vergeben wir so viele Talente und Ressourcen?"

"Ich habe mich genauso gefühlt wie Sie, als meine Tochter in die fünfte Klasse kam: Plötzlich standen wir vor einer komplett neuer Herausforderung, als meine Tochter plötzlich um halb zwei zu Hause war, und es war selbstverständlich, dass man als Eltern jetzt nachmittags irgendwie Lunch und Hausaufgaben-Betreuung abfedern sollte. Hinzu kommen noch sämtliche Adventsbasare, Tage der offenen Tür, Elternsprechtage zu Unzeiten und schlechte Kommunikation der Schule. Und wehe es droht ein beweglicher Ferientag!

Ich finde es persönlich sehr erstaunlich, warum wir in Deutschland kein Schulmodell haben, wie es in anderen Ländern selbstverständlich ist: Ganztagsschulen mit sinnvoller nachmittäglicher Betätigung und Betreuung für die Kinder. Gerade in der 5. bis 8. Klasse halte ich es für völlig verkehrt, die Kinder 'sich selbst zu überlassen' am Nachmittag, wie es für so manches 'Schlüsselkind' wohl der Fall sein wird. Was vergeben wir hier an Talenten und Ressourcen, unsere Kinder nicht besser zu fördern, als auch die Eltern zu zwingen, Teilzeit zu arbeiten oder im ständigen Spagat zwischen Beruf und Familie zu sein - soweit sie nicht den Luxus haben, sich eine Nachmittagsbetreuung zu leisten."

Alexandra C., Führungskraft

"Ich kenne nur ein einziges Betreuungsangebot für 'Lücke-Kinder'"

"Als Führungskraft bin ich dienstlich stark eingebunden, auch mal abends, Dienstreisen über Nacht etc.; mein Partner ist unter der Woche auswärts tätig. Aktuell fängt das mehr oder weniger alles meine Mutter auf, die in der Nähe wohnt. Oder abends auch mal die Patentante oder ein Babysitter. Ohne sie könnte ich meinem Job definitiv nicht so nachgehen, wie ich es wollte. Doch auch meine Mutter wird älter und hat ggf. auch nicht mehr die Kraft und/oder Lust, ein quirliges Kind zu betreuen.
Von einer tollen Initiative weiß ich… ein Hort der Arbeiterwohlfahrt in Hannover, der ein Angebot für die 10- bis 14-Jährigen bietet - für die sog. 'Lücke-Kinder'. Klingt irgendwie nicht nett, aber die Idee und das Konzept sind gut. Doch wie viele gibt es davon? Mir ist dazu nichts bekannt.
In der Krippe und im Kindergarten konnte ich Frühdienst dazu buchen. Das half unheimlich, wenn meine Dienstreise mal vor 8 Uhr startete. Und heute?
In manchen (Privat)-Schulen wird das Nachmittagsangebot von Vereinen, Klavierunterricht, Ballett, Sport o.a. in die Schule verlagert. Der Idee kann ich viel abgewinnen. Von einer öffentlichen Schule kenne ich das jedoch nicht."

Katariina Rohrbach, Geschäftsbereichsleiterin, Hannover, eine Tochter

"Wer macht's? Mutti!"

"Zwar ist mein Kind auf einer Ganztags-Stadtteilschule, aber der Wegfall des Horts und der Ferienbetreuung hat auch uns hart getroffen. Besonders die ersten 2 Jahre waren mühsam. Gäbe es nicht andere Mütter, die einen unterstützen, dann hätte es traurig ausgesehen. Ganztagsschule bedeutet auch nicht 'den ganzen Tag Schule'. Freitags war beispielsweise um 12.30 Uhr Schluss. Bei Unterrichtsausfall wurde erst nach heftigen Elternprotesten Ersatzbetreuung organisiert. Ferienbetreuung? Fehlanzeige. Was bleibt in Klasse 9? Gemeinsames, oft stundenlanges Lernen für Arbeiten. Manchmal an vier Abenden in der Woche. Wer macht’s? Mutti! Der Unterricht sollte so gut sein, dass die Kinder alleine für Arbeiten lernen können."

Katrin R., Grafikerin, Hamburg, eine Tochter (14)

"Für unsere Kinder nach Belgien gezogen"

"Ich habe unsere Familiensituation vor einigen Jahren an so vielen Stellen wiedererkannt. Wir – mein Mann, beruflich viel unterwegs; ich selbstständig mit Kunden in der gesamten Republik und ebensoviel unterwegs sowie unsere Kinder hatten und haben nur das ganz große Glück, dass wir die Möglichkeit hatten, von Aachen nach Belgien umziehen zu können, um unseren Kindern eine tolle Schulkarriere zu ermöglichen, die nicht vom persönlichen Zeit- und Arbeitseinsatz meines Mannes oder mir abhängt....
Aber was für ein Licht wirft es auf die deutsche Politik, wenn wir als Eltern gezwungen sind, ins nahe Ausland zu ziehen, wenn wir eine gute schulische Laufbahn für unsere Kinder sicherstellen wollen? Ich meine, wirklich kein gutes! Und der Förderalismus ist an dieser Stelle sicher nicht hilfreich. Würde der Bund die schulische Ausbildung als gesellschaftspolitische Gesamtaufgabe an sich ziehen und in unser aller Interesse finanziell entsprechend unterfüttern, hätten wir viele Probleme, an denen im Nachhinein teuer herumgedockert werden muss, mit Sicherheit nicht.

Tanja Fischer, selbstständig, Eupen, zwei Kinder (13, 19)


Zum offenen Brief an Familienministerin Schwesig:

"Kinder sind mit 10 noch nicht erwachsen"
Seit vergangenem Sommer geht die Tochter unserer Chefredakteurin auf die weiterführende Schule – und Stefanie Bilen ist entsetzt: Hausaufgabenhilfe, Nachmittagsbetreuung, Ferienprogramm, all das gehört nicht mehr zum Angebot. Stattdessen werden Eltern munter eingeplant, wenn es um Hausaufgabenhilfe und Lernpläne geht. Weil das im krassen Widerspruch zum Bestreben der Bundesregierung steht, die Vereinbarkeit von Beruf und Familien zu ermöglichen, hat die SAAL ZWEI-Co-Gründerin jetzt einen offenen Brief an Familienministerin Manuela Schwesig geschrieben:
"Will die Regierung 10-Jährige tatsächlich schon sich selbst überlassen?"

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