"Frauen übernehmen ungern große Projekte"

Schon häufiger hat SAP mit seiner unkonventionellen Personalpolitik überrascht: Vor zwei Jahren beschloss der Softwarekonzern etwa, im größeren Stil Autisten einzustellen. Jetzt nimmt das Unternehmen eine neue Minderheit ins Visier: Flüchtlinge. Noch steckt SAP allerdings in den Anfängen. Der Konzern würde etliche der Migranten gern als Arbeitskräfte gewinnen, weiß aber noch nicht so genau wie. "Wie können wir Flüchtlinge nachhaltig und langfristig bei SAP integrieren", fragt sich Anka Wittenberg, verantwortlich für Vielfalt und Inklusion. Weil sie die abschließende Antwort noch nicht kennt, startet sie nun mit 100 Praktikanten. Mit ihnen will die Firma Erfahrungen sammeln, um dann maßgeschneiderte Beschäftigungsprogramme zu entwickeln. Warum man manchmal kleine Schritten gehen muss, wenn man Großes erreichen will - und wieso Frauen genau das scheuen, hat uns die SAP-Managerin im Interview verraten.
Berlin/Hamburg, den 21. Oktober 2015 - Von Stefanie Bilen

SAAL ZWEI: Frau Wittenberg, was war der beste Rat, den Sie je bekommen haben?

Anke Wittenberg: Davon gibt es mehrere: Vertraue Dir selbst, bleibe Deinen eigenen Werten treu, konzentriere Dich auf die Stärken der Menschen und setze Deine Prioritäten danach, wieviel Impact Du hast.
Gerade in unserer komplexen Welt finde ich es besonders wichtig, sich den eigenen Werten treu zu bleiben und sich vor allem immer wieder bewusst zu machen, was Priorität im Leben hat. Wenn ich allzu viel Stress im Job hatte, waren es häufig meine drei Kinder, die mich erdeten. Indem sie mir von ihren Erlebnissen in der Schule erzählen oder anderes aus ihrem Alltag. Das hat mir immer geholfen, mich im Wirtschaftsleben nicht zu sehr von der eigentlichen Realität zu entfernen, denn die Gefahr ist groß.
Der Rat, sein Handeln auf das auszurichten, was man mit seinen Projekten und seiner Arbeit bewirken kann, hat mir häufig im Job geholfen. Gelegentlich brechen viele von uns in Aktionismus aus, um die vielen Projekte, die anstehen, schaffen zu können. Wenn man sich aber zurücklehnt und überlegt, womit erreiche ich eigentlich am meisten, hilft es sehr, die Prioritäten zu sortieren.

Was tun Sie, wenn ein Ziel unerreichbar erscheint?

Dann wende ich die Salami-Taktik an und versuche, mich dem großen Ziel in kleinen Schritten zu nähern. Ein Beispiel ist das aktuelle Flüchtlings-Thema. Wie können wir sie nachhaltig und langfristig bei SAP integrieren, ist die große Frage, die ich mir aktuell stelle. Aber es gibt viel zu viele Fragezeichen: Wie finde ich passende Mitarbeiter, welche Qualifikationen bringen sie mit, wie lösen wir sprachliche Barrieren, wie kulturelle?
Wir haben uns jetzt entschieden, mit 100 Praktikanten zu starten. Mit ihnen wollen wir Erfahrungen sammeln – um dann weitere Schritte zu planen und das nächstgrößere Ziel in Angriff zu nehmen.

Aus welcher Niederlage sind Sie gestärkt hervorgegangen?

In einer meiner früheren Positionen habe ich ein groß angelegtes Personalentwicklungsprogramm gestartet – für Talente weltweit. Statt eine gründliche Stakeholder-Analyse zu betreiben, habe ich die HR-Kollegen gebeten, mir geeignete Kandidaten zu nennen. Schnell wurde deutlich, dass wir nur die offensichtlichen Mitarbeiter ansprachen, nicht aber die eigentlichen Entscheidungsträger – nämlich die Geschäftsführer und Regionalleiter weltweit. Deshalb mussten wir das bereits gestartete Programm stoppen – und zurück in die Analysephase gehen. Daraus habe ich sinnbildlich gelernt: Wer einen Raum anstreichen will, muss zuvor die Aufräumarbeiten machen und auch die Fenster abkleben.
Oder anders gesagt: Gerade große Projekte brauchen meist eine längere Vorbereitungszeit als angenommen.

Welchen Fehler beobachten Sie immer wieder bei jungen Frauen im Beruf?

Frauen übernehmen ungern große Projekte. Obwohl sie noch gar keine eigene Familie haben, schlagen sie Aufgaben aus, weil sie angeblich nicht mit kleinen Kindern vereinbar sind. Das ist nicht nur unlogisch, damit stehen sie sich auch selbst absolut im Weg.
Ich habe erfahren: Je mehr Verantwortung ich übernahm, desto mehr Macht gewann ich hinzu. Und damit auch Einfluss. Macht ist keinesfalls negativ, was viele junge Frauen glauben, sondern Macht bedeutet auch, dass ich die Hoheit über meinen Kalender zurückerhalte.

Sie sind bei SAP u.a. für Diversity verantwortlich. Wann finden Sie es ab und an erholsam, nur unter Ihresgleichen zu sein?

Vor einer Weile habe ich ein privates Netzwerk mit Frauen gegründet, die alle im selben Alter sind – Mitte 50. Wir haben viele gemeinsame Themen, etwas dass die Kinder das Haus verlassen, aber wir haben sehr unterschiedliche Berufswege. Es ist eine Landwirtin dabei, eine Bibliothekarin, eine Heilpraktikerin oder eine Ärztin. Zwei Mal im Jahr verbringen wir unser Wochenende zusammen. Es ist so etwas wie ein ‚Safe Harbour‘, weil kein Thema tabu ist. Dieser Kreis holt mich regelmäßig auf den Boden der Tatsache zurück.

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"Es würde mir gefallen, mehr Frauen in Führung zu sehen", appelliert Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Auftaktveranstaltung der Initiative "Chefsache", deren Schirmherrin sie ist und sich einige namhafte Unternehmen angeschlossen haben. www.saalzwei.de

 

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