"Männer fördern sich seit Jahrhunderten gegenseitig"

Wirtschaftsjournalismus wird noch immer von weißen Männern jenseits der 50 gesteuert. Damit sich daran etwas ändert, haben Susanne Amann und Astrid Maier Dverse ins Leben gerufen - eine Initiative für mehr Vielfalt in den Medienhäusern. Die Wirtschaftsjournalistinnen wünschen sich mehr Frauen, mehr Nationalitäten, mehr unterschiedliche Berufserfahrungen, um die Berichterstattung zu verändern. Bei ihrer ersten Konferenz im kommenden Dezember bleiben die Journalistinnen denn auch nicht unter sich, sondern bitten Tech-Gründer, Managerinnen und Wissenschaftlerinnen aufs Podium.
Hamburg, den 02. November 2016 - Von Stefanie Bilen
Susanne Amann

SAAL ZWEI: Susanne, Astrid, Ihr habt Dverse gegründet - für mehr Vielfalt im Wirtschaftsjournalismus. Warum brauchen wir eine weitere Initiative, die im Prinzip mehr Frauen fordert und fördert?

Susanne Amann: Männer fördern sich seit Jahrhunderten gegenseitig durch alle Institutionen hinweg. Deshalb kann es gar nicht genug Initiativen geben, die Frauen fördern. Und die Frauenförderung ist ja nicht unser alleiniges Ziel, uns geht es generell um mehr Vielfalt. Aber wir sind überzeugt, schneller etwas erreichen zu können, wenn wir uns am Anfang hauptsächlich auf ein Thema - Frauen - fokussieren.

Astrid Maier: Und wenn wir erfolgreich sind, nutzen wir die Erfahrungen, um weiter zu skalieren. Am Ende ist unser Ziel, Vielfalt im breiteren Sinne zu erreichen, also auch in Hinsicht auf Hautfarbe, sozioökonomischen Hintergrund oder sexueller Orientierung.

Es gibt bereits Pro Quote, einen Verein zur Förderung des Frauenanteils in den Medien, der ebenfalls von Spiegel-Redakteurinnen angeschoben wurde. Was unterscheidet euch von ihnen?

Astrid Maier: Pro Quote fordert eine Quote. Prinzipiell finden auch wir die Quote richtig. Aber dort, wo sie auf zu großen Widerstand stößt, machen wir uns auch für andere Lösungsansätze stark. Mehr Vielfalt in Unternehmen zuzulassen bedeutet, einen gewaltigen Kulturwandel anzustoßen. Und jede Redaktion, jeder Betrieb ist anders. Da gibt es wahrscheinlich nicht die eine vorgefertigte Lösung, die für alle gleich gut passt.

Susanne Amann: Eines noch: Dverse Media ist nicht nur von Spiegel-Redakteurinnen angeschoben worden. Bei der Gründung war Astrid noch Fellow in Stanford und ist inzwischen bei der Wirtschaftswoche. Wir haben neben mir eine weitere Spiegel-Kollegin, Isabel Hülsen, dabei und auch Mitstreiterinnen vom Harvard Business Manager, Britta Domke und Gesine Braun. Carola Sieling ist unabhängige IT-Rechtsanwältin und Philipp Alvarez de Souza Souares arbeitet beim Manager Magazin. Der Spiegel ist unser Medien-Partner und unterstützt uns. Wir kommen aber aus verschiedenen Redaktionen und Unternehmen zusammen.

Astrid Maier (Fotos: privat)

Ihr wollt mehr Vielfalt, euer Team ist aber selbst noch eher homogen: Sechs (weiße) Frauen, ein Mann. Passt das zusammen?

Astrid Maier: Uns gibt es erst seit wenigen Monaten. Selbstverständlich hätten wir gerne mehr Männer und Kollegen mit anderer ethnischer oder sozialer Herkunft. Wir hoffen auch auf Kollegen, die nicht nur aus dem klassischen Print-Journalismus kommen. Aber wir sind gerade erst dabei, uns bekannt zu machen. Die Zeit, erstmal an den Start zu gehen, die musst du uns schon geben. Zumal wir das alles nebenbei zu unseren Vollzeitjobs organisieren. Wer also Lust und Elan hat, kräftig mit anzupacken, bitte melden.

Anfang Dezember veranstaltet ihr eine hochkarätig besetzte Konferenz in Hamburg. Mit welchem Ziel?

Susanne Amann: Vielfalt ist nicht nur für uns ein Thema, sondern wird auch in der Wirtschaft und der Wissenschaft diskutiert. Wir wollen deshalb Vertreter und Vertreterinnen aus allen drei Bereichen zusammenbringen, um auszuloten, welche Lösungen wirklich helfen, die Diversity-Lücke zu schließen. Wir bewegen uns dabei bewusst über die Grenzen des Journalismus hinaus, um uns möglichst viele unterschiedliche Ansätze anzuhören. Und wir setzen auf den direkten Austausch. Deshalb haben wir die Konferenz eher klein gehalten, damit die Leute zueinander finden und sich auch wirklich vernetzen können.

Astrid Maier: Wir können zum Beispiel auf der Konferenz ausprobieren, was es mit dem derzeit das Personalwesen dominierende Thema 'unconscious bias', also unbewusste Voreingenommenheit, auf sich hat und wie solche Stereotype unsere Berichterstattung beeinflussen. Oder wir hören uns an, wie man sich als Führungskraft bei Bewerbungsgesprächen verhalten kann, um tatsächlich das größte Talent zu entdecken, statt die Person einzustellen, die uns einfach am nächsten liegt.

Wann wird sich Dverse überflüssig gemacht haben?

Susanne Amann: Wenn Wirtschaft und Journalismus nicht mehr vornehmlich von weißen Männern über 50 gesteuert werden. Wenn die Schaltstellen der Macht also so vielfältig besetzt sind, wie es die sich immer schneller verändernde Welt erfordert. Denn nur, wenn wir unterschiedliche Menschen zusammenbringen, kommen wir auf innovative Lösungen für die großen Herausforderungen unserer Zeit. Im Journalismus eilt dies besonders, wenn wir nicht noch weiter an Relevanz verlieren wollen.

Astrid Maier: Wir werden überflüssig, wenn in der Wirtschaftsberichterstattung genauso viele Frauen, Ausländer, Menschen mit Migrationshintergrund, offen schwul und lesbisch Lebende sowie Millenials und Querdenkerinnen vorkommen wie es heute Männer im Anzug tun. Wenn wir den Ton in der Berichterstattung treffen, der alle Wirtschaftsinteressierte anspricht. So könnten wir im Übrigen vielleicht auch unsere Reichweite steigern. Aber wie gesagt, wir stehen erst ganz am Anfang. Deshalb freuen wir uns erst einmal, wenn auch möglichst viele der SAAL ZWEI-Leserinnen und Leser zu unserer Konferenz kommen.

Susanne Amann ist Vize-Wirtschaftsressortleiterin beim Nachrichten-Magazin Spiegel, zudem ist sie Geschäftsführerin der Mitarbeiter KG, dem Hauptgesellschafter des Spiegels. 
Astrid Maier ist Ressortleiterin Innovation und Digitales bei der Wirtschaftswoche, vorher arbeitete sie beim Manager Magazin.
Amann und Maier sind Gründerinnen und Vorstandsvorsitzende von Dverse Media, einer Initiative für mehr Vielfalt im Wirtschaftsjournalismus. Am 9. Dezember 2016 findet die erste Dverse-Konferenz in Hamburg statt.



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