"Mama, I need to kotz"

Mit kleinem Kind ins Ausland ziehen? Kein Problem, sagen manche Leute. Nicht ohne Herausforderung, meint Lucie Marshall. Über ihr Abenteuer, mit Mann und Kindergartenkind nach London zu ziehen, hat die Berliner Bloggerin und Schauspielerin ein amüsantes Buch geschrieben. In "Mama, I need to kotz" schildert sie humorvoll und ungeschminkt, was ihr als Berliner Familie in London so alles passierte.
Die Autorin: Lucie Marshall alias Tanya Neufeldt (Foto: Die Hoffotografen)
Hamburg, den 06. Juli 2016 - Von Stefanie Bilen

Ihr Mann pendelt aus beruflichen Gründen jede Woche von Berlin nach London. Weil Lucie Marshall - mit bürgerlichem Namen Tanya Neufeldt - keine Lust hat, alleinerziehend in Berlin zurückzubleiben und die große weite Welt in London insgeheim reizvoll findet, beschließt die Familie, vorübergehend in die britische Hauptstadt zu ziehen. Zügig stürzt sich die Schauspielerin und Bloggerin in die Wohnungssuche, organisiert einen Kindergartenplatz für ihren Sohn und packt binnen Rekordzeit die Koffer.
Dass das Leben in London für die Freiberuflerin gewöhnungsbedürftig und der Alltag mit kleinem Kind in der fremden Kultur hin und wieder herausfordernd ist, beschreibt Lucie Marshall in ihrem neuen Buch "Mama I need to kotz! Was ich in London als Mutter lernte" auf amüsante und unterhaltsame Art. Selbstironisch berichtet sie von ihren Erfahrungen mit dem effizienzoptimierten britischen Bildungssystem, nimmt sich und andere Eltern auf die Schippe und schreibt kleinlaut, wie anstrengend Horizonterweiterung sein kann. 

SAAL ZWEI stellt Lucie Marshalls zweites Buch in Auszügen vor:


London Calling

"Lucie, was hältst du von ein paar Monaten in London?", fragt mich Marc an einem dunklen Abend im November und hat das Fragezeichen noch nicht ausgesprochen, da rufe ich bereits: "JA !".
Marc pendelt seit mittlerweile fast einem Jahr beruflich zwischen Berlin und London hin und her. Was uns zunächst als zwei Tage London pro Woche verkauft wurde, entpuppte sich ziemlich schnell zu einer Viertagewoche in der britischen Hauptstadt. Er ist grundmüde vom vielen Reisen, den schlechten Hotelbetten, und kaum ist er zu Hause, nimmt Sam ihn sofort in Beschlag. Und dann ist da noch diese nörgelnde Ehefrau: So war das aber nicht ausgemacht, dass du hier jetset-mäßig unterwegs bist und ich Haus und Hof instand halte …"
Ich weiß, dass es nicht wirklich jetset-like ist, morgens um 6 Uhr die liebevoll Rote-Augen-Bomber genannte Maschine nach London zu nehmen, zum Frühstück in der einen Hand ein Pappbrötchen, in der anderen einen überbrühten, labbrigen Kaffee, dazu noch eine Stunde Zeitverschiebung, die einen durch den Tag wanken lässt wie einen Leichtmatrosen auf hoher See, um dann nach einem langen Arbeitstag in ein anonymes Hotelzimmer zu stolpern, das zwar den Preis einer Luxussuite hat, sich aber leider als dunkles Dusch-Klo mit angeschlossener Schlafgelegenheit herausstellt. Aber ich bin trotzdem neidisch. Mein Leben ist ein öder Trott aus jeden Tag Fischstäbchen und "Puh, der Bär" vorlesen. Ich würde gerne mal wieder raus aus Berlin. Verbindet mich irgendetwas mit London? Nicht wirklich, nein. Ich war vor einem Jahr für ein Wochenende dort. Es war herrlich, aber wenn man mich in der Stadt aussetzen würde, hätte ich keine Ahnung, wo es lang geht. ...

Getting Ready

"Was du suchst ist eine nursery", er klärt mir Ariane, und ich nicke brav, auch wenn sie es nicht sehen kann, denn wir telefonieren. Ich kenne Ariane gar nicht. Ein Bekannter um drei Ecken hat den Kontakt hergestellt. Ariane ist Schweizerin und lebt seit zehn Jahren in London. Ihre Kinder sind mittlerweile fünf und acht Jahre alt.
Es ist jetzt Anfang Dezember. Der erste Schnee lässt noch auf sich warten, und es regnet unablässig. Das ist schon mal ein guter Vorgeschmack auf London. Seit unserer Entscheidung sind kaum fünf Nächte vergangen, aber da Marc ab Januar in London etwa fünf Monate lang vor Ort arbeiten soll, wollen wir keine Zeit verschwenden. Also, vor allem ich. Ich möchte London auskosten, und es wäre auch für Sam das Einfachste, zum Jahreswechsel in einem neuen Kindergarten anzufangen. "Du musst dich jetzt allerdings richtig beeilen!", sagt Ariane ziemlich hektisch, während sie anscheinend Auto fährt und nebenbei ihre Kinder zurechtweist. "In die öffentlichen Kindergärten kommst du jetzt gar nicht mehr rein. Die sind total überfüllt. Aber das willst du auch nicht, glaub’ mir. Und die privaten Kindergärten schließen schon fast alle ab dem 10. Dezember." Ich sitze in der Garderobe unseres Berliner Hippiekinderladens zwischen selbst gedrechselten Garderobenhaken und gehäkelten Schals. Sam ist schon längst in seine Gruppe galoppiert. "Warum machen die denn zu?", frage ich ganz naiv, während ich Sams Jacke an seinen Piratenhaken hänge.

"Weihnachtsferien!", lautet die Antwort. "Am 10. Dezember???" "Ja, daran wirst du dich sowieso gewöhnen müssen. Du zahlst einen Haufen Geld, und dann haben die ständig irgendwelche ›breaks‹, also Ferien. Du brauchst auf jeden Fall eine Nanny, sonst wirst du irre. Und wenn ihr im Januar ankommt, dann musst du dich sofort um einen Schulplatz bemühen, wenn du auf eine gute Schule willst. Denn Sam muss dann ja im September eingeschult werden. Darum sei bloß vorsichtig bei der Auswahl der nursery. Das hat massive Auswirkungen auf deine Optionen bei der Schulwahl." 
Ariane ist kaum zu bremsen. In meinen Ohren rauscht es. Mein Gott, mir ist schon klar, dass andere Länder andere Sitten haben, aber das hört sich an, als ob wir hier über ein NASA-Forschungsprogramm reden oder die Schachweltmeisterschaft – und nicht über einen Kindergartenplatz. Außerdem hat sie ganz offensichtlich etwas falsch verstanden. Sam ist ja im September noch vier. Da muss er doch nicht schon eingeschult werden. "Aber wieso denn Schule? Sam wird doch erst Ende November im nächsten Jahr fünf", hake ich darum nach. "Willkommen im britischen Bildungssystem", sagt Ariane sarkastisch. "Hier beginnt die Mühle – je nachdem wann der Geburtstag deines Kindes ist – zwischen dem vierten und fünften Lebensjahr. Und in England gibt es keine Option, das Kind zurückstellen zu lassen. Da sind die hier ganz rigoros. Die Schulbildung ist dafür aber wirklich ausgezeichnet! Ich mail’ dir eine Liste mit Kindergärten, die in der Gegend um Notting Hill und Kensington liegen und einen guten Ruf haben!"
Nach dem Telefonat sitze ich noch eine ganze Weile stumpf in der Garderobe und verdaue die Flut an Informationen. London und Berlin sind nur knappe zwei Flugstunden voneinander entfernt. In der heutigen Zeit ist das »wie um die Ecke«. Nach München zu fahren dauert das bedeutend länger. Aber es wirkt wie eine andere Welt. "Ist ja auch eine Insel", sage ich, nach dem ich Marc die neuesten Kindergarteninfos mitgeteilt habe. Er lacht: "Jahaaa, aber die Briten sind der Auffassung, Europa sei die Insel und sie das Festland."
...

 

Welcome!

 

Und dann sind wir da. Gerade noch Silvester in Berlin gefeiert, und schon sitzen wir im Flieger nach Heathrow. Übermüdet und aufgeregt. "Krass", sagt Marc und ich nicke stumm. Sam ist eben falls zu aufgeregt, um Wortbeiträge beizusteuern. Er starrt völlig übermüdet aus dem Fenster, aber ich kann förmlich sehen, wie sein Hirn arbeitet. Wir drei sitzen wie paralysierte Hühner auf der Stange und versuchen, möglichst gleichmäßig zu atmen.
Knapp ein Monat liegt jetzt zwischen Marcs Eröffnung "Wir könnten ja für eine Weile nach London gehen" und unserer tatsächlichen Ankunft. Es ging alles so schnell, dass ich kaum hinterher kam. Die Wohnung in Notting Hill ist ab dem 1. Januar frei, der Kindergartenplatz ab dem 6. Januar gebucht. Worauf warten wir noch? Ach, komm, einfach schnell Kistenpacken zwischen Weihnachtskater und Silvestervorbereitungen und los geht’s. Wenn man es genau betrachtet, war alles so überstürzt, dass wir noch nicht einmal Zeit hatten, um vorher für einen Inspektionstrip nach London zu fliegen. Marc war zwar immer wieder in der Stadt, aber terminlich so ausgebucht, dass er weder Wohnung noch Kindergarten besichtigen konnte. Wir haben online gebucht wie bei einer Katalogehe. Und jetzt sitzen wir im Flieger und kriegen abwechselnd kalte Füße und heiße Wangen bei dem Gedanken an "die Braut". Sam kapituliert drei Minuten vor der Landung und schläft völlig erschöpft ein. Als ich ihn dann zum Aussteigen wecken muss, fragt er verwirrt: "Mama, sind wir da? Isse das die Hauptstadt von London?"
Uns klopft das Herz bis zum Hals, als wir unseren neuen Haustürschlüssel aus dem Umschlag ziehen und voller Spannung die rumpeligen Treppenstufen in den zweiten Stock steigen. Sam geht voran und plappert wie ein Wasserfall: "Isse das unsere Abartment, Mama? Und wo isse meine Zimmer? Und gibs da Spielzeug?" Das Treppenhaus als "heruntergerockt" zu bezeichnen wäre euphemistisch. An zwei Stellen hat sich der abgewetzte Teppich selbsttätig in Bewegung gesetzt und klebt nicht mehr an den ohnehin unebenen Stufen. "Hier darf man aber auch keinen gehoben haben, wenn man lebend oben oder unten ankommen möchte", sagt Marc. Wir drehen den Schlüssel im Schloss und öffnen die Tür – und stehen wieder vor einer wahnsinnig schmalen Treppe, ganz typisch für Londoner Häuser. Mit angehaltenem Atem erklimmen wir Stufe für Stufe den Weg in unser neues Zuhause. "O Gott, Lucie, was hast du nur getan?", schießt es mir vor Entsetzen und Panik durch den Kopf, und ich kann förmlich spüren, wie rote Flecken die Rolle des Rouge in meinem Gesicht übernehmen.
Aber in der ersten Etage angekommen atmen wir er leichtert auf. Auch wenn wir auf einem beigen, aber immerhin neu verlegten Teppichboden und nicht wie online gesehen auf hübschen Kelims stehen – die Räume sind wunderschön und die Möbel wirklich geschmackvoll. "Okay", seufze ich erleichtert, "vielleicht muss ich ein bisschen umräumen, aber es ist wirklich sehr schön hier!..."

"Mama, I need to kotz! Was ich in London als Mutter lernte" von Lucie Marshall ist im Juni 2016 im Goldmann Verlag erschienen.


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Seit vergangenem Frühjahr ist Nancy Roberts USA-Chefin des Berliner Mobilvermarkters Glispa. Ungleich länger ist sie damit beschäftigt, Job und Familie miteinander in Einklang zu bringen. Keine einfache Sache, hat sie festgestellt. Was ihr bei ihrer Suche nach Akzeptanz, Erfolg und Zufriedenheit begegnet ist - und welche Tipps sie 'Executive Moms' - und Dads - weitergeben kann, beschreibt sie bei SAAL ZWEI.
www.saalzwei.de

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