„Man muss seine Komfortzone verlassen, um Erfolge zu erzielen“
Bis August 2011 war Angelika Dammann Personalvorstand bei SAP. Sie verließ den Walldorfer Software-Konzern nach nur knapp einem Jahr, nachdem Vertragsdetails bekannt und Kritik an ihren Heimflügen mit dem Firmenjet laut geworden waren. Mit SAAL ZWEI spricht die 52-Jährige über Konzerngewächse, die Kunst, nach Niederlagen aufzustehen und die Interpretation von Misserfolgen.Hamburg, den 11.01.2012 - Von Stefanie Bilen
SAAL ZWEI: Wie geht es Ihnen, Frau Dammann?
Angelika Dammann: Danke, sehr gut.
Sie sind im August 2011 als Personalvorstand bei SAP ausgeschieden. Fiel es Ihnen schwer, von einem Tag auf den anderen ohne Sekretärinnen, Assistenten und die Infrastruktur auszukommen, die ein Konzern bietet?
Natürlich ist es mir schwer gefallen, meine Mitarbeiter zurückzulassen. Das ist mir immer so gegangen, wenn ich Unternehmen oder Aufgabe gewechselt habe. Abschied zu nehmen gehört zu den schwierigsten Momenten. Aber falls Sie etwaige Privilegien meinen, kann ich das verneinen: Ich stehe mit beiden Beinen fest auf dem Boden der Tatsachen. Privilegien helfen, wenn es darum geht, die Verpflichtungen aus einem übervollen Terminkalender so effizient wie möglich wahrzunehmen, persönlich bedeuten sie mir nicht viel.
Empfanden Sie Ihren Abschied bei SAP als Misserfolg?
Wenn man etwas tut, was seinen Werten und Prinzipien entspricht, kann das kein Misserfolg sein. Mir ist es stets wichtig gewesen, dass ich mich abends im Spiegel betrachten kann und weiß: Du hast heute das Richtige getan. Außerdem verlaufen Karrieren nun mal nicht stromlinienförmig. Auch meine eigene nicht. Und was mir wirklich wichtig ist: Von der Aufgabe her habe ich das gesteckte Ziel in extrem kurzer Zeit erreicht: In nur einem Jahr wurde die gesamte Organisation auf die von mir entwickelte Mitarbeiterstrategie erfolgreich ausgerichtet. Mehr kann man sich nicht wünschen. Wichtig ist, an sich zu glauben und ich habe immer gewusst: Ich werde schon auf die Füße fallen.
Woher nehmen Sie diese Gewissheit?
Ich komme aus einer schwäbischen Kleinstadt und bin im Alter von 15 Jahren mit meiner Familie nach Hamburg gezogen. Nach meiner mittleren Reife musste ich mich völlig neu orientieren – das ist für ein junges Mädchen ja nicht ganz einfach. Ich arbeitete für einige Monate in einer kleinen Druckerei, war dort Mädchen für alles. Im Anschluss machte ich Abitur und begann mein Jura-Studium. Während der gesamten Zeit arbeitete ich – in einer Reederei, einer Bank, einem Tante Emma-Laden. Ich lernte viele Unternehmen kennen, das hat mir sehr geholfen bei meinem weiteren Weg. Und ich bin ins Ausland gegangen. Während meiner Ausbildung nach London, später für Shell ebenfalls nach London und Den Haag. Das bedeutete auch, dass ich meine Komfortzone immer wieder verlassen habe und so erfahren konnte, dass sich Erfolge einstellen, wenn man sich etwas traut.
Haben Sie ein konkretes Beispiel?
An einem Punkt sollte ich neben dem Personalwesen auch die Finanzen für einen wichtigen Geschäftsbereich verantworten. Das war eine große Herausforderung, denn ich habe keinen entsprechenden Ausbildungshintergrund. Dann habe ich mir allerdings gesagt: Der Finanzbereich ist für jedes Unternehmen absolut kritisch. Hier mehr zu wissen, ist wichtig. Und wenn das Unternehmen mir diese Aufgabe zutraut, dann sollte ich das auch.
Wurde Ihre Zuversicht nie enttäuscht?
Doch, schon. Recht früh in meiner Laufbahn habe ich erlebt, dass es keine Jobsicherheit gibt. Ich hatte in neuer Verantwortung einen wichtigen Beitrag für das Unternehmen geleistet, hohen Einsatz gezeigt, war mit der Familie umgezogen etc. und mir war auch eine Beförderung in Aussicht gestellt worden. Dazu kam es dann aber aus unterschiedlichen Gründen nicht unmittelbar, ja es war sogar unsicher, ob ich eine angemessene Anschlussaufgabe bekommen würde und wo. Als junge Frau war das für mich keine einfache Situation.
Wie ging es nach dem abrupten Ende bei SAP im Sommer 2010 weiter? Was machen Sie heute?
Ich berate Unternehmen im Hinblick auf ihre Personal- und Diversity-Strategien, hier bringe ich als eine der wenigen Spezialisten direkte internationale Expertise aus verschiedenen Unternehmen mit. Außerdem habe ich eine professionelle Coaching-Ausbildung und coache Manager wie Frauen. Das habe ich früher schon gemacht, weil ich gerne unterstützen möchte und es mir große Freude macht. Zudem werde ich häufig als Rednerin eingeladen und schreibe Artikel für verschiedene Magazine. Ich genieße es, jetzt mehr Zeit für diese Aufgaben zu haben.
Heißt das, es zieht Sie nach mehr als 20 Jahren in Großunternehmen nicht zurück in die Konzernstrukturen?
Na ja, eigentlich habe ich mich immer als "Corporate Animal" gesehen und sehr gerne in direkter Führungsfunktion entscheidende Beiträge für den Erfolg der Unternehmen geleistet. Momentan fühle ich mich allerdings mit meiner neuen Aufgabe sehr wohl. Ich leiste auch jetzt einen wichtigen Beitrag für verschiedene Organisationen, jetzt nur in anderer Form. Das ist ebenso spannend wie erfüllend.
Was sagen Sie Ihren Coachees, die nicht ganz so viel Selbstvertrauen haben: Wie kommen sie nach einem Rückschlag wieder auf die Füße?
In schwierigen Situationen ist es wichtig, die Dinge von unterschiedlichen Seiten zu betrachten und sich von seiner eigenen Perspektive zu lösen. Man sollte kritisch reflektieren, was aus der gemachten Erfahrung gelernt werden kann und dann seine Schlüsse ziehen. Wenn das alleine schwierig ist, rate ich dazu, Hilfe zu suchen, egal ob bei einem Mentor, Coach, dem Partner oder auch einem guten Freund. Hier kann eine andere Sicht auf die Dinge weiterhelfen. Denn das, was man selbst vielleicht als Rückschlag oder Misserfolg empfindet, kann von anderen in einem völlig neuen Licht gesehen werden. Meine Erfahrung zeigt, dass insbesondere Frauen viel zu kritisch mit sich selbst sind. Wir sind alle zu perfektionistisch – ich übrigens auch.
Die Vielfalt in den Belegschaften von Unternehmen ist ein Thema, das Ihnen am Herzen liegt. Nun entdecken viele andere Unternehmen Diversity. Freut Sie das?
Ja, selbstverständlich, aber es ist bereits fünf vor zwölf. Bedauerlicherweise steckt das Thema Vielfalt in Deutschland noch in den Kinderschuhen. Dazu gehört nicht nur die Geschlechterfrage, sondern auch die stärkere Wertschätzung unterschiedlicher Nationalitäten und Kulturen sowie Altersgruppen. Deutschlands Zukunft als exportorientierte wirtschaftsstarke Nation ist ganz entscheidend von seinem Innovationspotential abhängig. Und hier kommt die Vielfalt ins Spiel. Die Vielfalt von Menschen und Meinungen führt zu einer Vielfalt an Ideen, die Ideenvielfalt führt zu Innovationen und diese wiederum zu wirtschaftlichem Erfolg. Durch die demografischen Entwicklungen und den Mangel an Talenten steuern wir aber eher auf eine Innovationsdürre in Deutschland zu, wenn wir das vorhandene Potenzial nicht besser nutzen.
Wagen Sie eine Prognose: Wie lange dauert es, bis zumindest beide Geschlechter gleichberechtigt vertreten sein werden?
Das ist schwer zu sagen, aber auf jeden Fall wird es noch lange dauern.
Bis Ihr 18-jähriger Sohn berufstätige Kinder hat?
Nein, ich denke, diese Zeitspanne wird nicht reichen. Das Rollenbild der Frau in der Gesellschaft muss sich ändern und das ist kein einfacher Prozess. Wie weit wir davon noch entfernt sind, zeigt eine Studie, die ich kürzlich gesehen habe. Danach wünschen sich fast 50 Prozent der befragten Männer unabhängig vom Alter das tradierte Rollenbild zurück und 15 Prozent meinen sogar, dass Frauen dem Manne wieder untertan sein sollten. Erschreckende Ergebnisse, die zeigen, wie weit wir tatsächlich noch von einer echten Gleichstellung entfernt sind. Um solche Sichtweisen nachhaltig zu ändern, bedarf es einer gemeinsamen Anstrengung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft, aber auch von Schulen und im privaten Umfeld. Genau wie für Männer muss auch für Frauen die Kombination von Familie und Berufstätigkeit selbstverständlich sein. Dazu müssen auch die Frauen ihren Beitrag leisten. Ich freue mich, diese Entwicklung weiterhin zu unterstützen.




