"Manager in der Finanzbranche: aggressiv, dominant und karriereorientiert"

In keiner Branche haben ambitionierte Frauen es so schwer wie in der Finanzindustrie: Im internationalen Vergleich liegt Deutschland mit einem Anteil von sieben Prozent weiblichen Konzernleitungs-Mitgliedern auf Platz 15 von 19 untersuchten Ländern, wie eine aktuelle Studie der Managementberatung Oliver Wyman zeigt. Schuld daran ist in erster Linie die Kultur in den Geldhäusern, sagt Finja Carolin Kütz, Co-Deutschland-Chefin der Beratung. Sie ist stark männlich geprägt, zudem besetzen Frauen häufig Positionen ohne unmittelbaren Bezug zur Ertragsgenerierung. Doch es ist Besserung in Sicht: Kütz stellt einen Veränderungswillen in hiesigen Instituten fest.
Frankfurt/Hamburg, den 10. Dezember 2014 - Von Stefanie Bilen

SAAL ZWEI: Frau Kütz, in keiner Branche haben Frauen so geringe Chancen auf eine Spitzenposition wie in der Finanzwirtschaft. Woran liegt das?
Finja Carolin Kütz: Die Kultur der Branche ist einer der Hauptgründe. Das Bild des Finanzsektors ist von Attributen geprägt, die als männlich wahrgenommen werden. Auch Werte wie Führungsqualitäten und Erfolg sind stark mit Stereotypen besetzt. Eine erfolgreiche Führungskraft in der Finanzwirtschaft galt laut unserer Studie bisher als „aggressiv“, „dominant“ und „karriereorientiert“. Durch solche tiefsitzenden Bilder entsteht eine unbewusste Tendenz Frauen zu benachteiligen. Die Finanzwirtschaft ist daher für viele Frauen als Branche nicht attraktiv. Hinzu kommt, dass das aktuelle Arbeitsmodell und die damit verknüpften Erwartungen, es Frauen und Männern mit Familie oder anderen Verpflichtungen nicht leicht machen.
Und es gibt einen weiteren Grund für die geringen Karrierechancen von Frauen in der Finanzwirtschaft. Frauen besetzen häufig Positionen, die keinen unmittelbaren Einfluss auf Gewinn und Verlust des Unternehmens haben. In Bereichen wie Recht, Marketing oder Personal sind wesentlich mehr Führungsposten weiblich besetzt. Es sind jedoch gerade die Posten mit unmittelbarem Bezug zur Ertragsgenerierung, die laut unserer Studie an die Spitze führen. Außerdem sind in der Finanzwirtschaft Rotationen zwischen Rollen weniger üblich als in anderen Sektoren. Somit gibt es nur wenige weibliche Vorbilder in der Finanzbranche, von denen junge Frauen lernen können.
Vor dem Hintergrund all dieser Faktoren darf man jedoch auch die Situation der Branche nicht vergessen. Die  letzten Jahre waren Krisenzeiten in der Finanzwirtschaft. In schlechten Zeiten fallen die Bemühungen zur Diversität deutlich schwerer und brauchen mehr Zeit. 

Im Ländervergleich schneidet Deutschland besonders schlecht ab. Gibt es einen Veränderungswillen in deutschen Geldhäusern?
Ja, es gibt unbedingt einen Veränderungswillen. Ich sehe viele Beispiele in der Finanzbranche, die zeigen, dass Diversität als Ziel ernst genommen wird. Die Hypo-Vereinsbank hat zum Beispiel 2010 einen Frauenbeirat gegründet. Hier beraten dreißig Unternehmerinnen und Managerinnen aus unterschiedlichen Branchen den Vorstand der Bank. Die Themen sind dabei vielfältig. Sie reichen von wirtschafts- und gesellschaftspolitischen Fragen bis hin zur besseren Förderung von Frauen.
Ein anderes Beispiel und positives Zeichen kommt von Jürgen Fitschen, Co-Chef der Deutschen Bank. Er hat sich klar für Frauen an der Führungsspitze der Deutschen Bank ausgesprochen, als er sagte: „Ich werde nicht in den Ruhestand gehen, bevor wir nicht eine Frau im Vorstand haben.“

Was muss sich ändern, um hierzulande mehr Vielfalt in Banken, Sparkassen und anderen Finanzinstituten zu erreichen?
Beim Thema Diversität liegt Deutschland leider nicht nur in der Finanzwirtschaft auf den hinteren Plätzen. Auch in anderen Industriezweigen sind Frauen in Spitzenpositionen selten anzutreffen. Es handelt sich also um ein Problem der gesamten Gesellschaft. Kulturelle, finanzielle und politische Aspekte spielen hier eine Rolle.
Um in deutschen Finanzinstituten mehr Vielfalt zu erreichen, müssen Banken und Versicherer Diversität zu einer Bedingung für Führungspositionen machen. Zum Beispiel bei der Zusammensetzung von Vorständen und Aufsichtsräten sollte Vielfalt ein Auswahlkriterium werden. Neben dem Geschlecht sollten auch Erfahrungen, Fähigkeiten und Charakter berücksichtigt werden. So kommen Konstellationen in Führungsgremien zustande, die effektiver arbeiten und kritischer diskutieren. Außerdem ist es wichtig, für die Bemühungen um Vielfalt messbare Ziele zu vereinbaren und diese in die Bewertung von Führungskräften aufzunehmen. 

Finja Carolin Kütz ist Co-Geschäftsführerin von Oliver Wyman. Die Mathematikerin arbeitet seit 1997 für die Beratung und ist auf die Beratung von Banken spezialisiert.


Die zentralen Ergebnisse der Studie "Women in Financial Services", die bei gut 150 wichtigen Finanzunternehmen in 19 Ländern und 1.000 ihrer Angestellten sowie Studierenden des Bereichs durchgeführt wurde, lauten wie folgt: 

-  Der Frauenanteil in den Aufsichtsräten von Banken und Versicherungen ist zwar in den vergangenen Jahren deutlich gestiegen, auf Konzernleitungsebene bleiben Managerinnen jedoch mit 13 % deutlich unterrepräsentiert. 

- Auffallend sind die Unterschiede zwischen den untersuchten Ländern: In Norwegen sind 35 % der Konzernleitungsmitglieder weiblich, in Schweden 29 %. Sogar Russland schneidet mit 20 % gut ab, während Deutschland mit Platz 15 von 19 im hinteren Drittel landet. Hierzulande hat sich der Anteil von 2 % in 2003 auf 7 % leicht erhöht.  

- Zugleich besetzen Frauen häufig Positionen, in denen der Erfolg nicht unmittelbaren Einfluss auf Gewinn und Verlust hat. So werden in den Bereichen Recht, Compliance, Audit und Marketing mehr als 25 % der Managerjobs von Frauen besetzt, im Personal sogar in gut der Hälfte der Fälle. Es sind jedoch gerade die Posten mit unmittelbarem Bezug zur Unternehmensbilanz, die gemäß der Studie an die Spitze führen.

- Dass ein Kulturwandel notwendig ist, zeigen folgende Zahlen: 51 % der Frauen in der Branche meinen, dass eine faire Geschlechtsverteilung in Führungspositionen oberste Priorität haben sollte. Unter den Männern sind nur 30 % derselben Meinung. 

- Die Erhöhung der Vielfalt in Führungspositionen von Finanzunternehmen ist für etliche Institute inzwischen jedoch ein zentrales Thema. Um Diversität erfolgreich umzusetzen, muss diese von einem stiefmütterlichen Projekt der Personalabteilung zu einer grundsätzlichen Bedingung für die Führung von Finanzinstituten werden.

Die komplette Studie kann hier heruntergeladen werden.

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