"So viele Stunden und so viel Reisetätigkeit: Soll das ewig so weitergehen?"

Bei McKinsey haben Christoph Hardt und Jan Schächtele gelernt, was es heißt, Top-Management-Berater zu sein: Spannende Aufgaben, internationales Umfeld, C-Level-Gesprächspartner - und so gut wie kein Privatleben. Um das zu ändern, haben sie Comatch ins Leben gerufen, eine Plattform für freiberufliche Berater. Finanziert wird das Start-up vom umtriebigen Berliner Investor Christophe Maire. Das Interesse auf der Beraterseite ist groß, sagt Christoph Hardt im Interview. Und auch die Nachfrage auf Firmenseite entwickele sich gut: Weil sie qualifizierte Consultants signifikant günstiger bekommen.
Berlin/Hamburg, den 01. Juli 2015 - Von Stefanie Bilen

SAAL ZWEI: Herr Hardt, Sie haben eine Plattform gegründet, die freiberufliche Top-Management-Berater und Unternehmen zusammenbringen soll. Was ist die Idee dahinter?

Christoph Hardt: Wer in einer renommierten Unternehmensberatung arbeitet, lernt unglaublich viel, spürt nach einiger Zeit aber auch, dass die Tätigkeit verbunden mit der intensiven Reisetätigkeit sehr fordernd und zeitintensiv ist. Wenn man das einige Jahre gemacht hat, stellen sich viele die Frage: ‚Soll das ewig so weitergehen?‘ So war es auch bei mir und meinem Co-Gründer Jan Schächtele. Wir haben beide seit langem für McKinsey gearbeitet und uns auf einem Projekt in den Niederlanden kennengelernt. Zusätzlich zu dem Wunsch, Arbeitszeit und –ort selbstbestimmter einteilen zu wollen, kam das große Interesse an der Gründung eines Unternehmens.
Aus vielen Gesprächen mit Kollegen wissen wir, dass etliche von ihnen auch freiberuflich arbeiten würden, wenn sie sich nicht um so viele Themen drum herum kümmern müssten: Die Projektakquise, die Rechnungsstellung, die Vertragsgestaltung. Plus: Eine Weiterentwicklung ist schwierig, weil Freelancer selten institutionelles Feedback erhalten. So kamen wir auf die Idee, Comatch ins Leben zu rufen: eine Plattform, die Freelance-Berater und Unternehmen zusammenbringt.

Wir dachten bislang immer, Top-Management-Berater arbeiten für eine Top-Management-Beratung wie McKinsey, Boston Consulting und Bain  – oder sie steigen aus und suchen sich eine Aufgabe in einem Unternehmen. Wie groß ist die Gruppe von freien Top-Beratern?

Laut Statistiken gibt es ca. 100.000 Unternehmensberater in Deutschland, die für ca. 16.000 Beratungen arbeiten. Etwa 8.000 dieser Beratungen machen weniger als 250.000 Euro Umsatz im Jahr, das spricht dafür, dass es Ein- oder Zwei-Mann-Unternehmen sind. Und vielleicht würden viel mehr Berater den Sprung in die Selbstständigkeit wagen, wenn sie wüssten, dass ihnen jemand die ungeliebten Aufgaben wie Projektakquise, Vertragsgestaltung, Rechnungen schreiben etc. abnimmt.

Sie sind im März dieses Jahres gestartet. Wie läuft Ihr Geschäft an?

Wir haben mehr als 300 registrierte Berater und glauben, dass es bis zum Jahresende 450 bis 500 sein werden, die alle hohe Anforderungen erfüllen müssen – wie beispielsweise drei Jahre Berufserfahrung in einer Top-Tier-Beratung. Darauf sind wir stolz, wir hatten ursprünglich mit einem Jahresziel von 300 geplant. Durchgeführt wurden bislang zehn Projekte, weitere sind in der Pipeline. Auch diese Entwicklung ist viel besser als gedacht, nichtsdestotrotz können wir uns verbessern. Wir hatten rund 65 Anfragen, das heißt wir gewinnen nur knapp jedes sechste Projekte. Wir arbeiten daran, diese Quote zu verbessern. Auftraggeber sind einerseits die Unternehmen selbst – hauptsächlich aus dem Mittelstand – sowie Beratungen aller Größenklassen, die Kapazitätsengpässe haben.

Können Freelancer denn überhaupt alleine eine Top-Managementberatung anbieten?

Auf jeden Fall. Zwar gibt es Beschränkungen, unsere Berater werden wahrscheinlich in naher Zukunft kein großes Strategieprojekt für einen Dax 30-Konzern realisieren. Zielgruppe sind Geschäftsführer im Mittelstand sowie die zweite und dritte Führungsebene in Großunternehmen. Manche Aufträge werden an einzelne Berater übertragen, für andere findet sich über Comatch ein Team zusammen. In jedem Fall sind unsere Berater und Experten für viele Auftraggeber interessant, weil sie hoch qualifiziert sind, dafür aber signifikant günstiger sind als große Beratungen.

Gibt es einen besonderen Typ Berater, der sich bei Ihnen registriert?

Zum einen sind es die Selbstständigen, die seit längerem verschiedene Standbeine haben und vielleicht auch als Interims-Manager aktiv sind. Die andere Gruppe sind jüngere online-affine Kolleginnen und Kollegen, denen unser Angebot zusagt. Manche sind mit anderen Plänen aus dem Beratermarkt ausgestiegen, haben etwa ein Start-up gegründet oder eine Festanstellung gesucht, was aber nicht zufriedenstellend verlaufen ist. Bevor sie sich nun neuen Aufgaben widmen, verdienen sie über Beratungsaufträge Geld. Eine solche Beschäftigungsform ist ja wunderbar geeignet, um sich neu zu orientieren oder auch zwei Monate im Jahr frei zu machen.
Übrigens sind bislang 15 Prozent unserer Kandidaten weiblich. Manche nutzen Comatch, um mit kleinen Kindern weiter im Beratungsgeschäft tätig zu bleiben. Bei uns können sie ihre Arbeit beispielsweise auf drei Tage pro Woche reduzieren oder andere Präferenzen – etwa die Ortswahl – nennen. Männer können das selbstredend auch, allerdings stellen wir bei ihnen bislang kaum Teilzeit-Präferenzen fest.

Wie finanzieren Sie Comatch?

Wir schlagen 15 Prozent Provision auf das Honorar des Freelancers auf. Unabhängig davon konnten wir einen Berliner Investor für unser Start-up gewinnen, Christophe Maire von Atlantic Internet. Das Investment erlaubt uns, ordentlich weiter zu wachsen. Für Ende 2015 ist voraussichtlich eine weitere Finanzierungsrunde geplant.

Welche Wachstumsziele haben Sie?

Wir wollen auf dem deutschsprachigen Markt mehr Aufträge generieren und weitere Berater an uns binden. Zudem planen wir unsere Internationalisierung, zunächst in den Benelux-Staaten, anschließend in Skandinavien. Da wir ja immer einen zweiseitigen Markt aufbauen müssen – also Berater und Auftraggeber akquirieren -, ist es sinnvoll, in den Nachbarländern Deutschlands zu beginnen. So können ggfs. hiesige Berater, die ohnehin in englischer Sprache arbeiten, auch auf Projekten in Holland oder Schweden eingesetzt werden.

Wie steht es denn inzwischen mit Ihrem Arbeitseinsatz: Arbeiten Sie weniger als zu McKinsey-Zeiten?

Weniger wohl nicht – und ich pendele auch nach wie vor, weil ich in Würzburg lebe und in Berlin arbeite. Aber immerhin verläuft es nun „on my own terms“, wie es so schön heißt. Ich bestimme meinen Einsatz. Zumindest nachts arbeite ich nicht mehr so häufig…

 

Vielleicht auch interessant?

"Ich fand wenig Sinn und Befriedigung in meiner Arbeit"
Mit 30 hatte Alexa Ahmad all das, was sich ihre Mutter erträumt und ihr Vater erarbeitet hatte: Einen BMW, einen Pelzmantel, eine schöne Karriere als Unternehmensberaterin. Doch glücklich war sie nicht. Sie schmiss hin - und wurde Erzieherin. Heute leitet sie den PME Familienservice. 
www.saalzwei.de

"High Potentials sollen nur rechnen, nicht hinterfragen"
Benedikt Herles, Absolvent so namhafter Hochschulen wie WHU, LMU und EBS, geht mit seiner Zunft hart ins Gericht: In seinem Buch "Die kaputte Elite" schreibt der Ex-Berater über Missstände in Chefetagen und den Werteverfall unter Deutschlands selbsternannten Intellektuellen. SAAL ZWEI-Interview über trainierte Affen, hechelnde Gewinnmaximierer und dringend benötigte Querdenker. (Foto: Eckhard Waasmann)
www.saalzwei.de

SAAL ZWEI abonnieren

Mittwoch ist SAAL ZWEI-Tag:

Erhalten Sie jeden Mittwoch die neue Ausgabe
des Online-Magazins für Frauen direkt in Ihr
Postfach: Businesstrends, Exklusiv-Interviews,
Karrieretipps, Lifestyle, ... – gratis!

SAAL ZWEI-GASTAUTOREN

Christina Kufer
Nina Streeck
Tanja Kewes