"Ungeöffnete Rechnungen waren ein Alarmsignal"

Mit "1 Frau, 4 Kinder und 0 Euro" schrieb Petra van Laak ein Buch, das den Nerv der Zeit trifft. Erst Teil der besseren Gesellschaft, dann alleinerziehend und pleite. Im SAAL ZWEI-Interview erzählt sie, wie sie es bis zur beruflichen Selbstständigkeit geschafft hat.
Hamburg, den 29.02.2012 - Von Stefanie Bilen

SAAL ZWEI: Frau van Laak, in Ihrem Buch beschreiben Sie eine Situation, in der ein Gläubiger Ihres damaligen Mannes ein Blut verschmiertes Beil vor Ihre Tür legte. Wie ist es dazu gekommen?

Petra van Laak: Ich kann nicht mehr genau rekonstruieren, was wann damals passiert ist. Ich merkte, dass die Geschäfte meines Mannes nicht mehr gut liefen. Ungeöffnete Rechnungen waren ein Alarmsignal, ausweichende Antworten meines Mannes ein anderes. Irgendwann wurde unser Telefon abgestellt, mein Mann brachte in meinen Augen schräge Geschäftspartner mit nach Hause. Ich wusste nicht, woran ich war.

Ihr Mann war als Unternehmer Alleinverdiener in Ihrer Ehe, Sie kümmerten sich um Ihre vier Kinder. Trotzdem: Haben Sie die Schwierigkeiten nicht kommen sehen? 

Er kümmerte sich ums Geschäftliche, ich mich um den Haushalt und die Kinder. Ich hatte alle Hände voll zu tun und wenig Kenntnis von den betriebswirtschaftlichen Themen, aber mein Bauchgefühl sagte mir, dass ich dringend aktiv werden müsste. Daher suchte ich externen Rat bei einem Wirtschaftsanwalt, der mich in meiner Einschätzung der finanziellen Situation bestärkte. Ich schlug meinem Mann vor, nicht nur Firmen-, sondern auch Privatinsolvenz anzumelden, in eine andere Stadt zu ziehen, ganz neu anzufangen. Aber er hatte ganz andere Pläne. An der Stelle gabelten sich unsere Lebenswege, und es kam zum Bruch.

Sie mussten nach der Firmeninsolvenz Ihr privilegiertes Leben in einer 230 Quadratmeter-Villa am See verlassen und zogen nach der Trennung von Ihrem Mann mit Ihren vier Kindern in eine kleine Drei-Zimmer-Wohnung. Wie haben Sie sich finanziert?

Für mein ältestes Kind bekam ich Unterhalt, es stammt aus einer früheren Beziehung. Ansonsten versuchte ich, mich mit Gelegenheitsjobs durchzuschlagen. Für eine befristete Zeit beantragte ich Sozialhilfe, was mir sehr schwer fiel. Doch immer, wenn meine Honorare, die ich für das Übersetzen von Drehbüchern verdiente, die Bemessungsgrenze überstiegen, fiel ich aus der Sozialhilfe raus und musste stattdessen für den nächsten Monat Wohngeld oder ähnliches beantragen. Mich um finanzielle Unterstützung zu kümmern und von Amt zu Amt zu laufen, ist eine Weile zum Fulltime-Job ausgewachsen. Das ist erniedrigend, auch, weil diese Anträge so perspektivlos sind.

Sie sind über einen Kontakt zu einer Studienfreundin an einen Job in der Filmwirtschaft gekommen, bevor Sie sich vor fünf Jahren mit einer Kommunikationsagentur selbstständig gemacht haben.

Der Schritt in die Selbständigkeit war eine der besten Entscheidungen in meinem Leben. Weg von Abhängigkeiten, von Ämtern, von Arbeitgebern, wenig familienfreundlichen Arbeitsbedingungen – hin zu einem selbstbestimmten Leben und Handeln. Natürlich gab es wie bei allen Existenzgründern auch sehr magere Zeiten, aber das waren wir ja gewohnt, das konnten wir gut aushalten. Wichtig war mir vor allem die Entscheidungsfreiheit, die ich hatte, und die würde ich nie mehr aufgeben wollen.

Bereuen Sie es rückblickend, sich so in die Abhängigkeit Ihres Mannes begeben zu haben?

Ja, unbedingt. Ich bereue es nicht, vier Kinder bekommen zu haben. Ich wollte immer viele Kinder haben, aber ich hätte den Widereinstieg früher schaffen müssen. Ich war so gefangen in meiner Rolle – in der Frauenfalle, wie meine Mutter es nennt. Noch einmal würde ich nicht für die Kinder zu Hause bleiben, höchstens jeweils ein bis zwei Jahre – und dann auch mit einer Absicherung, dass man selbst in der Zeit an finanziellen Entscheidungen beteiligt ist. Ansonsten verlernt man es leider total, selbstständig in der Partnerschaft zu agieren.

Wie sieht denn die Realität in Ihren alten Kreisen aus?

In gewissen gesellschaftlichen Schichten ist die Alleinverdiener-Ehe immer noch üblich. Allerdings ändert es sich auch dort, die Frauen kommen unter Druck, da eine Berufstätigkeit gesellschaftlich erwünscht ist. Was deutlich mehr Stress für die Frauen bedeutet, denn ich bekomme nicht mit, dass Männer auch familiäre Aufgaben übernehmen: Frauen sollen heute bestens ausgebildet sein, einen super Job haben, top aussehen, schnuckelige Kinder großziehen und abends zu wildem Sex bereit sein. Um sich dann auch noch den Vorwurf der Rabenmutter gefallen zu lassen. Ich glaube, es wird noch mindestens zehn Jahre dauern, bis sich das normalisiert.

Sie sind inzwischen geschieden und seit acht Jahren alleinerziehend. Wie hat Ihr Ex-Mann auf Ihr Buch reagiert, in dem Sie Ihre Geschichte aufarbeiten?

Mein Ex-Mann kommt nur am Rande darin vor, er ist nicht Thema des Buches. Sein Name ist verfremdet, sein Unternehmen auch, mein Autorenname ist mein Mädchenname. Ich habe es vermieden, schlecht über meinen Ex-Mann zu sprechen, auch meine Kinder haben bis heute ein ungetrübtes Verhältnis zu ihm und sehr regelmäßigen Kontakt. Ich wollte keine Abrechnung schreiben, sondern eine Diagnose eines gesellschaftlichen Zustands.

Und: Wie fällt Ihre Diagnose aus?

Ich möchte verschiedene Themen aufgreifen, ich habe aber keine Mission. Wie gehen wir in Deutschland mit Armut um, wie kommt man an gute Arbeit, auch als Mutter? Wie vereinbart man Beruf und Familie? Jenen, die in einer ähnlich schwierigen Lage sind wie ich damals, möchte ich sagen: Sucht Euch jemanden, der an Euch glaubt! Holt Euch professionellen Rat, vergrabt Euch nicht.

Wünschen Sie sich etwas aus Ihrem alten Leben zurück?

Nein, nichts. Wir hatten damals bis zu vier Autos vor der Tür stehen. Heute befinden sich fünf Fahrräder vor unserer Haustür. In Potsdam kann man alles gut erreichen, nach Berlin fahren wir mit der S-Bahn. Man kann auch mit weniger total gut leben. Einen Luxus, den wir uns in diesem Sommer erstmals wieder leisten, ist eine Urlaubsreise ins Ausland. Mit zwei Kindern fahre ich in die Toskana. Darauf freuen wir uns sehr.

Petra van Laak lebt mit ihren vier Kindern in Potsdam. Die Kunsthistorikerin führt eine kleine Text-Agentur.
Ihr Buch "1 Frau, 4 Kinder, 0 Euro (fast) - Wie ich es trotzdem geschafft habe" erscheint am 1. März 2012  im Droemer Paperback Verlag. 
www.petravanlaak.de

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