"Unsere Klientel hat keine Lust auf Pauschalreisen"

Warum gibt es beim Urlaub eigentlich nur diese zwei Wege: Organisierte Reisen, bei denen Urlauber selten in Kontakt mit Einheimischen kommen oder Rucksack-Reisende, die sich um alles selbst kümmern müssen? Meike Haagmans hat einen Mittelweg gefunden: Mit Joventour bietet sie organisierte Rundreisen an, bei denen ihre Kunden mit öffentlichen Bussen unterwegs sind. Nachdem der Start in Südamerika erfolgreich war, expandiert sie jetzt nach Asien. SAAL ZWEI-Interview mit einer ungewöhnlichen Unternehmerin, die ihre Firma in Teilzeit führt und nebenbei als Flugbegleiterin arbeitet.

Düsseldorf/Hamburg, den 20. Juli 2016 - Von Stefanie Bilen

SAAL ZWEI: Meike, du hast einen Reiseveranstalter in Teilzeit gegründet und führst ihn nach vier Jahren noch immer 'nebenbei'. Wie funktioniert das?

Meike Haagmans: Ich arbeite seit 13 Jahren als Flugbegleiterin. Ich liebe den Job, er ist fast so etwas wie eine Passion von mir. Trotzdem habe ich nach einem Jahr Vollzeit-Fliegen gemerkt, dass mich das alleine nicht erfüllt. Ich habe mich fortgebildet und schließlich einen MBA in Buenos Aires gemacht. Während meiner Masterarbeit stellte ich fest, dass es in der Touristik in Südamerika eine Marktlücke gibt: Organisierte Reisen, bei denen man mit öffentlichen Linienbussen unterwegs ist.
Denn es gibt entweder Reisegruppen, die abgekapselt mit gecharterten Privatbussen unterwegs sind und von Land und Leuten eigentlich nicht viel mitbekommen. Wer hingegen die öffentlichen Busse nutzt, ist als Individualreisender unterwegs. Mit Joventour bringen wir beides zusammen und bieten ein organisiertes und komfortables Backpacking an. Damit startete ich direkt während meines Studiums und gründete das Unternehmen.

Ohne aber das Fliegen aufzugeben…!

Genau. Weil es mir Spaß bringt. Ich liebe es, unterwegs zu sein – es ist nach wie vor so etwas wie ein Mädchentraum. Außerdem bedeutet der Job finanzielle Sicherheit. Beides ist gut miteinander zu vereinbaren. Ich fliege nur acht bis neun Tage im Monat – und das meistens am Wochenende. Ab kommendem März werde ich es weiter herunterschrauben und nur noch fünf Tage monatlich unterwegs sein.

Dabei macht dein Unternehmen inzwischen eine Viertel Million Euro Umsatz...

Wir tragen ein größeres Risiko als beispielsweise viele andere nationale Start-ups. Dadurch, dass wir die Produkte unserer Reisen in US-Dollar einkaufen und bezahlen, sind wir abhängig vom Weltgeschehen. Leider ist unser Umsatz noch nicht so hoch, als dass wir uns gegen Währungsrisiken absichern könnten. Das gewähren Banken leider nur den 'Großen' – mit sechs- bis siebenstelligem Umsatz. Der Brexit, die Unruhen oder kürzlich die Wahlen in Österreich – alles Mögliche kann die Wechselkurse beeinflussen – und ich bin froh, dass ich durch meinen Nebenjob ein festes sicheres Gehalt beziehe.

Wie ist euer Geschäft organisiert, wer kümmert sich um deine Aufgaben, wenn du weg bist?

Wir sind inzwischen zu fünft – , meine engste Mitarbeiterin ist derzeit in Mutterschutz und kommt Ende September wieder. Sie übernimmt meine Aufgaben, wenn ich nicht erreichbar bin. Aktuell wird sie vertreten. Neben zwei virtuellen Assistentinnen beschäftige ich noch eine Social Media-Managerin sowie eine freie PR- und Marketing-Beraterin. Ursprünglich hatte ich geplant, dass alle Mitarbeiterinnen ortsunabhängig arbeiten, habe aber festgestellt, dass es besser funktioniert, wenn wir zusammen in einem Büro in Düsseldorf sitzen. Wer präsent ist, bekommt mehr mit vom Tagesgeschäft. Das muss nicht heißen, dass alle immer in der Firma sein müssen, sie sollten dort aber ihren Hauptarbeitsort haben.

(Fotos: Joventour)

Du hast Joventour mit eigenen Mitteln hochgezogen. Welche Pläne hast du für das Unternehmen?

Wir wollen weiter wachsen und expandieren jetzt auch in andere Teile der Welt. Erste Ziele in Süd-Ost-Asien sind hinzugekommen und auch Afrika steht auf dem Plan. Allerdings wollen wir organisch wachsen. Durch eine Umstrukturierung meiner Airline gebe ich meine Homebase auf und bekomme dadurch eine Kompesationszahlung - die ich gern in die Firma investieren möchte. Der Vertrieb funktioniert bislang ausschließlich online, hier sehen wir auch unsere Zukunft. 

Klingt, als sei euer Produkt ein Selbstgänger…

Es gibt tatsächlich eine große Nachfrage, mit der ich ja auch gerechnet hatte. Mit unseren Reisen taucht man viel stärker in die Kultur eines Landes ein, kann aber trotzdem nicht verloren gehen. Bustickets, Hotels, Transfers organisieren wir. Aber unsere Kunden sind nicht in fixen Gruppen unterwegs, sondern individuell und können ihren Abflugtermin, die Dauer ihrer Reise, die Zahl der Stationen und die Länge der Aufenthalte frei wählen.

Und wer gehört zu eurer Klientel?

Die Zielgruppe hat mich in der Tat überrascht. Ich hatte mit jüngeren Kunden gerechnet, der Backpacker-Generation sozusagen. Tatsächlich sind unsere Kunden zwischen 35 und 55 Jahren alt. Sie sind eingeschränkt in ihrer Reisezeit, weil sie maximal ihren Jahresurlaub nutzen und damit die Sicherheit brauchen, zum gewünschten Termin am Zielort zu sein. Dennoch hat unsere Klientel keine Lust auf Pauschalreisen. Sie möchten sich als Individualisten fühlen.

Meike Haagmans hat Joventour während ihres Master-Studiums gegründet. Aus dem Teilzeit-Start-up ist eine Firma mit fünf Mitarbeiterinnen geworden. Die Gründerin arbeitet nach wie vor als Flugbegleiterin. 

 

Dieses Interview ist ein Beitrag der SAAL-ZWEI-Reise-Ausgabe.

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www.saalzwei.de

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