"Die Digitalisierung hat viele Branchen auf den Kopf gestellt"

Gabriele Riedmann de Trinidad ist oberste Innovations-Managerin der Metro Group. Es geht in ihrem Job vordergründig um Neuheiten im Laden, Foodtech-Innovationen oder Big Data - tatsächlich ist die Frage aber, wie ein Unternehmen organisiert und kulturell geprägt sein muss, um Innovationsfreude in die DNA zu bekommen. Weil Mitarbeiter einer gewachsenen Firma sich erstmal trauen müssen, Fehler zu machen und sich aus ihren Silos herauszubewegen. Eine echte Leadership-Aufgabe, wie die Elektrotechnik-Ingenieurin und LEAD-Gründerin im Interview sagt, zu der unbedingt auch Vielfalt in der Belegschaft gehört.
Düsseldorf/Hamburg, den 05. Oktober 2016 - Von Stefanie Bilen
Innovations-Managerin Gabriele Riedmann de Trinidad (Foto: Metro)

SAAL ZWEI: Frau Riedmann de Trinidad, lassen Sie uns über Innovationen sprechen. Dem Handel wird nachgesagt, nicht sonderlich innovativ zu sein. Stimmen Sie zu?

Gabriele Riedmann de Trinidad: Die Digitalisierung hat viele Branchen auf den Kopf gestellt. Viele Unternehmen nahmen das nicht ernst – egal ob Handel, Automobilbranche oder Finanzwelt, sie wurden eiskalt erwischt. Erschreckend ist dabei, dass es an der Organisation von Unternehmen und am Führungsstil lag, dass es dazu kommen konnte: Die Menschen waren in Silos eingesetzt, die Prozesse waren wie für Maschinen gemacht. Dadurch wurden Abteilungen, Teams oder Mitarbeiter unbeweglich. Ihnen wurde nicht die Chance gegeben mitzudenken. Statt die Prozesse auf die Kunden auszurichten, hat jeder sich selbst optimiert.

Der stationäre Einzelhandel hat das mit besonderer Wucht zu spüren bekommen. Amazon, Zalando & Co. wildern kräftig in seinem Revier.

Den Einzelhandel trifft das natürlich. Dadurch, dass jetzt absolute Transparenz herrscht, können die Anbieter sich nicht ausschließlich über den Preis oder das Angebot differenzieren. Das funktioniert jetzt zusätzlich über den echten Mehrwert für den Kunden. Das fällt nicht allen Händlern leicht.

Was tut Metro, um den Großhandel zu modernisieren?


Wir haben früh begonnen, unseren Kunden einen Mehrwert zu bieten. Mit digitalen Dienstleistungen helfen wir Hotels, Restaurants oder Caterern dabei, ihre Abläufe zu vereinfachen und mehr Kunden ins Haus zu bringen. Voriges Jahr haben wir uns beispielsweise am Start-up Culinary Agents beteiligt, einer Online-Jobbörse für Restaurants, Hotels und Caterer. Viele der Anbieter haben Probleme, das passende Personal zu finden. Culinary Agentus hilft ihnen dabei. Vor zwei Jahren haben wir den Metro Accelerator ins Leben gerufen, ein Mentoring-Programm, um Digital-Start-ups rund um die Hotellerie und die Gastronomie zu identifizieren und zu fördern.
Allerdings müssen gute Lösungen im Zeitalter der Digitalisierung gar nicht unbedingt digital sein. In Berlin und kürzlich in Antwerpen haben wir etwa 'High Tech Farms' eröffnet, das sind umwelt- und ressourcenschonende Produktionsstätten für Kräuter und Gemüse. Wir verstehen sie als Gewächshaus der Zukunft, sie sind direkt in unseren Märkten integriert.

Sie sind Group Director Business Innovation bei der Metro Group. Innovationen entstehen im günstigsten Fall nicht in einer singulären Abteilung, sondern überall im Unternehmen. Wie beflügeln Sie einen solchen Prozess?

Wir haben unterschiedliche Themen für unsere Arbeit identifiziert: Unsere Märkte, Foodtech-Lösungen, die sogenannte letzte Meile – also der Weg zum Kunden –, Big Data sowie neue Produkte und Services. Wir arbeiten über alle Vertriebslinien hinweg mit zahlreichen Kollegen an diesen Themen. 
Tatsächlich ist es aber die schwierigste Aufgabe, die gesamte Organisation mitzunehmen: Wie verlieren Mitarbeiter die Angst, Fehler zu machen? Wie öffnen sie sich, um Neues überhaupt zuzulassen? Solche Fragen sind sehr zentral. Wir entwickeln und testen Methoden, um sie den Mitarbeitern an die Hand zu geben. Den Wunsch, innovativ zu sein, soll jeder Mitarbeiter irgendwann in der DNA haben. Das ist ein langer Weg, aber tatsächlich müsste es unser Ziel sein, dass wir uns irgendwann überflüssig machen.
Dass wir auf dem richtigen Weg sind, zeigt ein Start-up-Weekend, das wir kürzlich mit Mitarbeitern und Kunden veranstaltet haben. Beide Seiten haben daran gearbeitet, neue Kunden-Lösungen zu erarbeiten. So etwas hatte es zuvor nie gegeben. Jeder hatte früher Scheu, sich in die Karten gucken zu lassen.

Können Mitarbeiter proaktiv an Innovationsthemen mitarbeiten?

Ja, wir haben unter allen Beschäftigten weltweit nach 'Innovation Pioneers' gesucht: Mitarbeiter, egal mit welchem Hintergrund oder von welcher Hierarchiestufe, die Lust haben, an Innovationen mitzuwirken. Bewerbungen haben wir mittels eines Motivationsvideos erbeten. Ab diesem Herbst kommen nun ausgewählte 'Pioniere' für fünf Monate zu uns in die Zentrale, um Ideen zu erarbeiten und am Ende in ihren Ländern zu implementieren.

Sie engagieren sich beim Diversity-Netzwerk LEAD. Inwieweit geht es auch dort um Innovationen?

Ich bin davon überzeugt, dass Diversity ein Treiber von Innovationen ist – und das meine ich nicht nur im Hinblick auf Geschlechtervielfalt. In meinem Team hat keiner dieselbe Ausbildung, meine Mitarbeiter kommen von vier Kontinenten. Mit so viel unterschiedlichen Erfahrungen und Hintergründen müssen zwangsläufig mehr Ideen zusammenkommen als in einem homogenen Team. Außerdem macht das Arbeiten in gemischten Teams mehr Spaß.
Bei LEAD setze ich mich ein, weil ich möchte, dass Frauen sichtbarer werden. Ich möchte dafür werben, dass Mädchen sich auch für MINT-Fächer interessieren. Es ist mir ein Anliegen, Frauen zu fördern und eine Atmosphäre zu schaffen, in der wir uns gegenseitig fordern.
Ein reines Frauennetzwerk will ich aber auf keinen Fall. Dann haben wir wieder ein Silo-Problem, von dem ich eingangs gesprochen habe. Unsere Initiative soll Frauen wie Männer ansprechen. Begeistern will ich bei unseren Treffen über Inhaltliches: Neuheiten, Trends, Start-ups oder interessante Räumlichkeiten, in denen wir uns treffen. Damit irgendwann keiner mehr ein LEAD-Treffen verpassen will.

Und wie bewerten Sie Diversity bei Metro?

Auch bei uns gibt es noch Luft nach oben…


Gabriele Riedmann de Trinidad hat Elektroniktechnik studiert. Sie war bei Siemens bzw. Nokia Siemens tätig, bevor sie das Konzerngeschäftsfeld Energie bei T-System leitete. Seit März 2014 arbeitet sie bei der Metro Group. Seit 2015 ist sie neben ihrer Tätigkeit als Group Director Business Innovation auch Geschäftsführerin der Metro Innovation Holding GmbH.

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