"Warum werden so viele kleinkarierte Maiglöckchen gesucht?"

1,2 Mio. Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger wagen sich hierzulande jedes Jahr in völlig neue Berufsbereiche. In Politik und Sport oder im TV-Geschäft sind solche Wechsel inzwischen etabliert und akzeptiert. Aber in konventionellen Berufen? Fehlanzeige. Sylvia Knecht, Autorin des Buches "Erfolgsfaktor Quereinsteiger", appelliert an Personalmanager: Öffnet Euch der Vielfalt. Und sie ermutigt Wechselwillige: Präsentiert Euch als Idealbesetzung!
Frechen, den 16.07.2014 - Von Sylvia Knecht

Angela Merkel hat's vorgemacht: Die Physikerin ist in die Politik gewechselt, hat als Frauen- und Jugendministerin gearbeitet und weiter an ihrer Karriere gearbeitet. Damit ist die Kanzlerin ein prominentes Beispiel der 1,2 Millionen Quereinsteigerinnen und Quereinsteiger, die sich jedes Jahr in neue Bereiche wagen. In Politik und Sport, im Fernsehen und den Vorständen sind solche Wechsel inzwischen etabliert und akzeptiert.  Aber in konventionellen Berufen? Kann aus einem Konditor ein Mechatroniker werden?
Wohl kaum – auch wenn Kandidatinnen dafür Begabung und Motivation mitbringen. In Stellenausschreibungen wird heute immer noch  nach dem sprichwörtlichen „kleinkarierten Maiglöckchen“ gesucht.  Wenn wir aber Quereinsteigern offen gegenüberstehen und ihnen tatkräftig helfen würden, könnte so mache Stelle besser besetzt werden.  Und das wäre gut für die 1,2 Millionen Berufswechsler jährlich  – und eine Chance vor allem für die Unternehmen.

Quereinsteigerinnen können zu einer Lösung für die aktuellen Rekrutierungsprobleme der Unternehmen werden

Wir haben in Deutschland so ziemlich alle Bevölkerungsgruppen unter arbeitsmarktpolitischen Möglichkeiten betrachtet, dabei aber Quereinsteiger komplett außer Acht gelassen. Vor allen Dingen für Frauen ist dies fatal: Sind sie es doch, die in der Regel nach der Familienpause den Kopf frei haben für neue berufliche Ansätze. Dabei bietet es sich geradezu an, sich mit dieser Gruppe auseinander zu setzen: Denn sie steigern durch neue Denk- und Handlungsansätze Umsatz, Gewinn und Innovationsfähigkeit und schaffen einen anderen Blick auf die Dinge. Mit ihrer persönlichen und anderweitig erworbenen Fachexpertise lassen sich zum Beispiel Fragen eines Kunden viel besser beantworten, weil das konventionelle ‚Textbaustein-Muster‘ wegfällt. Es finden geistige Transferleistungen statt, Dinge werden neu und in andere Richtungen gedacht.

Präsentieren Sie sich als Ideal-Besetzung!

Formulieren Sie klar in Ihrer Kommunikation mit dem Unternehmen, dass Sie keine ‚Exotin auf weiter Flur‘ sind, sondern dass Sie als motivierte Berufswechslerin ein hochinteressantes Potential darstellen. Wenn der Personalchef auf der anderen Seite des Besprechungstisches zu viele Hürden sieht – etwa kostspielige Qualifizierungsmaßnahmen –, halten Sie dagegen: Einer Fachkraft, der etwa eine Weiterbildung fehlt, würde man ja auch nicht aus einem solchen Grund absagen. Daher: Zeigen Sie, dass Sie Interesse an dem Unternehmen haben. Bringen Sie Ideen ein, erörtern Sie Visionen. Zeigen Sie, welche Erfahrungen aus Ihrem bisherigen Beruf hilfreich sein können. Wenn Sie Ihren Gesprächspartner für Ihre Person gewonnen haben, fällt vieles leichter.

Beispiel gefällig? 

Beim Verlag Langenscheidt haben Marketingleute zum Vertrieb eines neuen Online-Rechtschreibprogramms Texte von Bloggern korrigiert und sie ihnen zusammen mit einer Testversion des Programms zur Verfügung gestellt. Der Erfolg? Umwerfend. Technische Voraussetzungen? Nebensache! Kundennutzen? Zu 100% erfüllt.
Wer aufzeigen kann, was es kostet, wenn ein Kunden durch falsche Nutzenargumentation nicht kauft, gewinnt. Wer seine Bewerbung in Form einer möglichen Kundenpräsentation aufsetzt, eine Wertschöpfungskette aus Kundensicht durchdekliniert oder sogar ein neues Vertriebsmodell darstellt, punktet. Zeigen Sie, dass ‚Innovation‘ für Sie keine Floskel der Stellenbeschreibung ist.
Ein weiteres wahres Beispiel zeigt, wie ein Konditor in die Automobil-Branche wechseln konnte: Durch die Darstellung seiner persönlichen Fähigkeiten, Torten per Hand heraus zu verzieren und zu beschriften, wurde er zum interessanten Kandidaten für einen Pkw-Konzern, der seinen Nutzen erkannte: Dort suchte man für eine Sonderedition jemanden, der als das gewisse ‚Extra‘ einen mit Hand aufgetragenen Marken-Namen lackierte. Nun können Autolackierer große Flächen sprühen, aber eben nicht wirklich gut Text auf Lack übertragen. Dem Quereinsteiger gelang es, durch Einbringung seiner ganz persönlichen Fertigkeiten in den Konzern seiner Erwerbsbiografie die entscheidende Wende zu geben. Konditoren als Autolackierer? Ja, geht.

Nutzen Sie den Moment: Arbeitgeber öffnen sich Querensteigern! 

Mittlerweile haben einige Unternehmen Quereinsteiger und ihre unverwechselbaren Talente für sich entdeckt. Lufthansa und Audi haben eigens Programme für Berufsfremde hinterlegt. Auch die Targobank bietet seit neustem Quereinsteiger-Projekte an. Als Quereinsteiger kann man auch gut Personalvermittler einbinden, denn Unternehmen vertrauen gern der Empfehlung Dritter. Gehen Sie offen mit dem Thema Quereinstieg um, und nennen alles, was die Vermittler als ihr fachliches Potential bei den Unternehmen aufzählen können.

Mein Rat an die Personaler: Öffnet Euch der Vielfalt!
Mein Appell an gewerkschaftlicher Vertreter: Ausnahmen zulassen!
Und für alle gilt: Wo ein Wille ist, ist auch ein Weg!

Sylvia Knecht ist Inhaberin der Beratungsagentur Linch Pin (www.Linch-Pin.de), die auf Employer Branding-Themen spezialisiert ist. Zudem lehrt die promovierte Politologin an mehreren Hochschulen. Knecht gilt als Expertin für arbeitsmarktpolitische Themen und hält Vorträge und Workshops zum Thema.
Ihr aktuelles Buch "Erfolgsfaktor Quereinsteiger - Warum Berufswechsler die Chance für Deutschlands Fachkräftemangel sind" ist Anfang 2014 im Gabler Verlag erschienen. 


Anmerkung der Redaktion: In Gastbeiträgen vertreten Experten aus Wirtschaft und Beratung ihre eigene Meinung. Es fließen keine Honorare - in keinerlei Richtung. Die redaktionelle Hoheit liegt stets in der SAAL ZWEI-Redaktion.

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