"Was würdest Du tun, wenn Du keine Angst hättest?"

Ängste sind etwas für schwache Menschen und für Kinder, oder? Natürlich nicht. Selbst Firmenbosse und Gründerinnen haben Angst. Wir haben uns vorige Woche auf der Unternehmerinnen-Konferenz des IT-Konzerns Dell umgehört und einige Mutige gefunden, die uns von ihren Sorgen und Nöten berichteten. 9 Kurzinterviews, u.a. mit Outfittery-Gründerin Anna Alex, Cherie Blair, Gattin des englischen Ex-Premiers, und Girl Scouts-CEO Anna-Maria Chavez. Zum Nachmachen, Weitersagen, Teilen...
Hamburg, den 08. Juli 2015 - Von Stefanie Bilen und Nicole Mai

"Ich würde zur Ruhe kommen"

Jodie Fox, Shoes of Prey

"Wenn ich keine Angst hätte, wäre ich so froh. Ich würde zur Ruhe kommen, mir eine feste Wohnung suchen und nicht mehr - wie in den vergangenen Jahren - aus dem Koffer leben. Ich würde aufhören, etwas hinterherzujagen und mich damit abfinden, dass ich sowieso nicht überall gleichzeitig sein kann, um meine Firma voranzubringen. Ich würde einfach zufrieden sein."

Jodie Fox, Co-Gründerin Shoes of Prey. Das Start-up bietet Schuhe zum selber Designen an. Es wurde 2009 in Australien gegründet, hat vier Standorte weltweit und nach eigenen Angaben bereits nach zwei Monaten schwarze Zahlen geschrieben. 

"Ich glaube nicht, dass man alles unter Kontrolle haben kann"

Cynthia Hass, Dell

"Ich bin ständig dabei, meine Ängste zu überwinden. Ich will weiter freiberuflich arbeiten, weil ich dann mehrere Projekte gleichzeitig verfolgen kann. Das bedeutet auch, dass meine Situation sehr unsicher ist, weil ich kein festes Gehalt bekomme. Aber ich glaube sowieso nicht, dass ich alles unter Kontrolle haben kann. Ich bin gläubig und der Ansicht, dass Gott die Geschicke lenkt. Insofern ist meine größte Angst eigentlich, dass ich eines Tages meinen Glauben verlieren könnte. So lange werde ich das weiter verfolgen, was mir am Herzen liegt und zugleich mein Einkommen sichert. 
Diese Sicht habe ich von meinen Eltern gelernt: Mein Vater ist mittellos von den Fidschi-Inseln nach Amerika gekommen und musste sich seine Existenz aufbauen. Auch meine Mutter hat immer freiberuflich gearbeitet. Ich verdiene Geld, seit ich 14 bin. Mit Projekten - oder ich habe verschiedene Produkte vertrieben. Ich wollte selbst mein Schulgeld zahlen können. Seit ich in der High School bin, habe ich drei Firmen gegründet. Vor einem Monat habe ich die Uni abgeschlossen, nun kann es richtig losgehen."

Cynthia Hass, 21, Youth Innovation Advisor, Dell

"Nicht zaudern, machen!"

Cherie Blair (r.) mit Elizabeth Gore (Foto: Dell)

"Je älter ich werde, desto entschlossener bin ich, keine Angst zu haben. 'Nicht zaudern, machen', ist meine Maxime. Auch um den Preis, sich hin und wieder lächerlich zu machen. Das passiert selbst mir noch..."

Cherie Blair, Juristin, Gründerin 'Cherie Blair Foundation for Women'

"Ich habe Angst zu scheitern"

Deborah Noller, Switch Automation

"Ich habe nur eine Angst - die Angst, als Unternehmerin zu scheitern. Ich baue meine Firma, einen Smart Building-Spezialisten, seit 10 Jahren auf und habe all meine Energie und all mein Geld investiert, sogar Beziehungen zu Freunden und Familienmitgliedern geopfert. Ich würde aber nichts anders machen, wenn ich die Angst nicht hätte. Ich bin überzeugt, dass man fokussiert sein muss, wenn man Erfolg haben will. Wir haben uns gut entwickelt, aber wir sind immer noch eine kleine Firma und können scheitern: eine blöde Schlagzeile, Liquiditätsengpässe, ein großer Kunde verklagt uns. Alles ist möglich." 

Deborah Noller, CEO Switch Automation, Sydney/Australien

"Ich suche regelrecht Themen, vor denen ich Respekt habe"

Anna Alex, Outfittery

"Die Dinge, vor denen man die größten Skrupel hat, sind diejenigen, aus denen man am meisten lernt. Deswegen suche ich sogar die Themen, vor denen ich Respekt habe. Nur so wächst man. Aber Angst würde ich das Gefühl nicht nennen. Alles wurde irgendwann schon von irgendjemandem gemacht. Klar hat es tausend Dinge gegeben, die bei mir suboptimal gelaufen sind. Die ersten Vorträge, die ersten Präsentationen... Aber jeder fängt mal an, und dann lernt man und wird immer besser. Ich würde mich selbst nicht davon abhalten, Ideen zu realisieren - nur weil sie mir fremd sind."

Anna Alex, Co-Gründerin und Geschäftsführerin Produkt und Operations, Outfittery GmbH BerlinDer Herrenmode-Anbieter hat Anfang 2015 eine Finanzierung von 20 Mio. $ erhalten.   

"Andere sind auch nicht als Profi vom Himmel gefallen"

Anna-Maria Chavez, Girl Scouts

"Wenn ich mit unseren 'Girl Scouts' spreche, sage ich ihnen: 'Wenn Ihr nicht jeden Tag etwas unternehmt, was Euch Angst macht, dann wachst Ihr nicht.' Und das gilt für jeden: Wer nichts riskiert, wird nichts Neues hervorbringen. Natürlich gehört das Scheitern dazu, sogar sehr häufig. Doch wer richtig gut in einer Sache werden will, muss sie ganz oft ausprobieren. 
Ich habe kürzlich beispielsweise mit einem Profi Golf gespielt: Anna Nordqvist, der Nummer 7 der Damen weltweit. Davor hatte ich Scheu, es war ja klar, dass sie viel besser ist. Und so war es denn auch: Jeder ihrer Schläge saß - und meine nicht. Aber das Gute war: Mit jedem Swing klappte es auch bei mir ein wenig besser. Zwischendurch habe ich mir außerdem vergegenwärtigt: Auch sie ist nicht als Profi vom Himmel gefallen."

Anna-Maria Chavez, CEO Girl Scouts USA. Girl Scouts und Lean In haben gemeinsam die "Ban Bossy"-Social Media-Kampagne initiiert.  

"Ich habe Angst vor tiefem Wasser"

Shoba Purushothaman, Training Ventures

"Ich liebe das Meer, allerdings habe ich Angst vor tiefem Wasser. Ich habe Angst zu ertrinken! Wenn ich diese Furcht überwinden könnte, würde ich vielleicht mit dem Schorcheln anfangen. Ich habe bislang nur Fotos von der Unterwasserwelt gesehen, aber das würde mich reizen. Zum Glück ist das die einzige Angst, die mich vor etwas zurückhält: Im Geschäftsleben würde ich mich als mutig bezeichnen: Ich komme aus Malaysia, habe in Australien, Singapur, in England und den USA gelebt, habe jetzt eine Firma in Indien und denke darüber nach, sie nach Deutschland umzuziehen. Vor dem Hintergrund bin ich also keineswegs scheu."

Shoba Purushothaman, Multi-Gründerin und CEO Training Ventures India, einem E-Learning-Anbieter für Führungskräfte.

"Ich würde mir einen Sponsor suchen"

Ebru Macansy, Matrix

"Wenn ich keine Angst hätte, würde ich Michael und Susan Dell fragen, ob sie meine Reise zum Südpol, die ich schon so lange machen möchte, sponsern würden."

Ebru Macavoy, CEO Matrix Concierge, einem Concierge-Service mit Standorten in London, Istanbul und New York.


Alle Interviews wurden am Rande der Konferenz des "Dell Women's Entrepreneur Network" vorige Woche in Berlin geführt. (Fotos: SAAL ZWEI) 


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