"Was, wenn die Samwer-Brüder Schwestern wären?"

"Aggressiv, skrupellos und kalt", so werden die drei Samwer-Brüder, die Gründer des umtriebigen Berliner Start-up-Inkubators Rocket Internet, beschrieben. Gibt es kein vergleichbares weibliches Trio, weil Frauen so nicht wirken wollen? Bzw. nicht das Zeug dazu haben? Oder liegt es an den mangelnden Vorbildern, dass Frauen überhaupt seltener gründen? Bei einer Paneldiskussion des Startup-Unternehmerinnen-Netzwerk beim Start-up-Camp im Frühling wurde kontrovers darüber diskutieren. Wir haben nochmal nachgehakt: Sind Frauen nicht sogar die besseren Manager?
Berlin, Hamburg, London, München, den 10. Juni 2015 - Von Nicole Mai

Das Thema hat uns nicht losgelassen: Beim diesjährigen Start-up-Camp in Berlin, organisiert vom Bundesverband Deutsche Startups im März, gab es eine spannende Paneldiskussion mit der Frage "Was wäre, wenn die Samwer-Brüder Schwestern wären? Würde das Ökosystem der Start-up-Szene anders aussehen?". Die Meinungen gingen auseinander - und wir jetzt bei den Diskutanten nochmals nachgehakt: Wie sieht es denn nun aus? Sind Frauen die besseren Manager? 

"Entweder mein Produkt ist gut - oder nicht. Das ist das Einzige, was zählt"

Jennifer Miksch, Homejoy.de

Jennifer Miksch: "Mich hat das Thema 'Female Founders' schon in meiner Masterarbeit 2012 beschäftigt. Die Untersuchungen zeigen, dass Frauen schlichtweg nicht auf die Idee kommen, sich selbstständig zu machen und zu gründen. Sie fühlen sich in zu exponierter Stellung, suchen eher einen sicheren Job in der freien Wirtschaft und passen sich an. Alle Gründerinnen bis auf eine, die ich für die Masterarbeit interviewt habe, hatten in ihrem direkten Familienumfeld Vorbilder, bei Männern haben nur 55 Prozent diese Unternehmer als Role Models. Ich selbst habe mich für die Start-up-Szene entschieden, weil ich viel unabhängiger meinen Weg gehen kann und nicht in diese klassischen Bewertungsmuster für die Karriereleiter falle. Entweder das Produkt, das ich anbiete, ist gut und wird nachgefragt oder nicht – das ist das Einzige, was zählt. Aber natürlich kenne ich auch in meiner Berliner Gründerszene, die ja vornehmlich männlich geprägt ist, das Gefühl, dass man sich der eher männlich dominierten Gründerszene anpasst. Den Einheitslook von Jeans, Hemd, Pullover und Neon-Turnschuhen habe ich auch im Schrank. In der Start-up-Szene sind Frauen in Führungsrollen generell unterrepräsentiert und man stößt daher als Frau oft auf verschiedenste Widerstände. Sich durchzusetzen, erst Recht als Quereinsteigerin, ist mit viel Arbeit verbunden.
Ich persönlich glaube nicht an die stereotype Aufteilung: Frauen = kreativ, Männer = sachlich/analytisch. Was ich bin und kann, ist das Ergebnis von vielen Jahren harter Arbeit, Konzentration und Fokussierung ist nicht der Tatsache geschuldet, dass ich eine Frau bin. Mein Fazit: Wenn die Samwer-Brüder Schwestern wären, gäbe es weniger Vorbehalte Frauen gegenüber, es gäbe hervorragende weibliche Role Models für Gründerinnen und Investoren! “

Jennifer Miksch ist Head of Operations & Partner Management bei Homejoy. Sie hat einen Master in International Affairs aus Genf. Neben Gründungstätigkeiten in Berlin und London hat sie als Beraterin für den Frauen-Karriere-Index des Bundesfamilienministeriums gearbeitet.

"Frauen möchten nicht aggressiv, skrupellos und kalt wirken"

Daria Saharova, Skillcapital

Daria Saharova: "Alle Branchen, in denen ich bislang unterwegs gewesen bin, sind sehr männlich dominiert: Im Investment Banking, bei Venture Capital Fonds oder auch als Gründerin. Bei Skillcapital unterstützen wir Private Equity Fonds bei der Deal- und auch danach Management-Suche, wobei ich übrigens bis jetzt ganz genau einer Frau begegnet bin. Zusätzlich coache ich weibliche Gründer, denn ich selbst habe mal ein Unternehmen gegründet, Bellegs. Nach meinen Beobachtungen und meiner Erfahrung wäre Stand heute ein Triumvirat von Schwestern – ähnlich den Samwer-Brüdern – nicht möglich. Einen mit solch Power und Aggressivität geführter Player in der Internet-Szene würde es von Frauen gelenkt nicht geben. Die Attribute, mit denen die Samwer-Brüder verbunden werden, wie 'aggressiv, skrupellos und kalt', möchten Frauen nicht auf sich beziehen. Alle Studien zeigen, dass diese Eigenschaften beim Unternehmertum den Männern als eher positive Eigenschaften zugesprochen werden. Wenn Frauen rational und damit in der Empfindung der Umwelt 'kalt' wirken, wird es als negativ und unsympathisch bewertet. Niemand – auch Frauen nicht – möchte mit solchen weiblichen Führungspersönlichkeiten zusammen arbeiten. Die mehr als zehn Jahre alte 'Heidi and Howard-Studie' aus den USA verdeutlicht es sehr gut.

Daria Saharova ist ehemalige Investment Bankerin, VC Investment Managerin bei Skillcapital und Gründerin von Bellegs sowie Münchner Gründer e.V.

"In Pitch-Runden kann es nur von Vorteil sein, wenn Frauen präsentieren"

Stephan von Perger, Wellington Partners

Stephan von Perger: "Wahrscheinlich wäre es möglich, dass auch Frauen so ein Geflecht von Internet-Unternehmen führen – es würde eine andere Unternehmenskultur herrschen. Die eher weiblich konnotierten Fähigkeiten im Management sind nützliche Facetten für den Aufbau einer Internet-Company. Es gibt ja auch schon solche weiblichen Leadership-Persönlichkeiten wie Marissa Mayer, CEO von Yahoo, oder Nathalie Massenet von Net-à-Porter. Ich weiß nicht, ob die Gender-Verteilung des Führungsteams so eine wichtige Rolle spielt bei der Entscheidung eines Investments, viel wichtiger ist es doch, zur rechten Zeit die richtige Idee den richtigen Leuten zu präsentieren. Aber ich muss zugeben, dass die Zahlen belegen, dass es scheinbar einen 'unconscious bias' gibt, d.h. unbewusste Vorurteile. Gleichzeitig stelle ich allerdings auch fest, dass das Potenzial für uns VC-Geber einfach nicht vorhanden ist: Wenn ich mir die Gründerteams anschaue, sind von 300 möglichen Deals, die ich  prüfe, nur 20 mit Frauen im Gründungsteam. Bei der Prüfung geht es dabei in der ersten Runde rein um die Idee, wer dahinter steht, ein Mann oder eine Frau, ist zweitrangig. Und in den Pitch-Runden kann es nur von Vorteil sein, wenn Frauen präsentieren – meist stellen sie die Geschäftsidee offener dar, das schafft Vertrauen."

Stephan von Perger ist Investor beim Venture Capital-Geber Wellington Partners in London. Nach dem Informatik-Studium in Oxford war er Berater bei McKinsey, Start-up-Tätigkeiten bei Citymapper (Navigations-App) und Stylistpick (Fashion E-Commerce) schlossen sich an.  


Das Berliner Start-up-Camp wurde vom Bundesverband Deutsche Startups (BVDS) organisiert. Zu der Podiumsdiskussion „Was, wenn die Samwer-Brüder Schwestern wären?" hat das Start-up-Unternehmerinnen-Netzwerk des Verbands eingeladen. Es wurde Ende 2014 gegründet, um Unternehmerinnen, erfahrene Managerinnen, Investoren und Gründerinnen miteinander zu vernetzen und den Austausch zu stärken. Kontakt zum Startup-Unternehmerinnen-Netzwerk.

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