"Wenn Mütter nicht lieben können"

Es gibt kaum ein größeres Tabu in unserer Gesellschaft: Eine Mutter liebt ihr Baby nicht! "Postpartale Depression" lautet ein Grund dafür – kalt und klinisch. Wie kann es passieren, dass Mütter – quer durch alle gesellschaftlichen Schichten – nach der Geburt ihres Babys nichts empfinden? Das Buch "Nur die Liebe fehlt" von Petra Wiegers zeigt anhand von vier Geschichten, wie ganz unterschiedliche Frauen in diese Krise rutschen können. Die meisten, die unter einer postpartalen Depression leiden, vertrauen sich niemandem an. Selbst den engsten, liebsten Menschen nicht. Zu groß ist die Scham, die Angst als verantwortungslose Egoistin oder gar als Monster zu gelten. Zu groß sind auch gleichzeitig die Schuldgefühle dem Baby gegenüber. In dem Buch schafft es die Autorin, die auch regelmäßig für SAAL ZWEI schreibt, sich diesen Frauen einfühlsam zu nähern und ihre Seelenqualen zu schildern. Wir stellen "Nur die Liebe fehlt" in Auszügen vor:
Hamburg/München, den 12. Oktober 2016 - SAAL ZWEI
Buchautorin und Fernsehjournalistin Petra Wiegers (Foto: Stefan Frank)

"Eine Psychiaterin erzählte mir im Laufe meiner Recherche: Die häufigste Todesursache junger Mütter ist der Suizid! Zu viele junge Mütter scheitern heute an einem völlig überhöhten Idealbild der Mutter. Das ist nur eine Ursache, die eine postpartale Depression begünstigen kann. Jede vierte Mutter erleidet eine Depression nach der Geburt ihres Kindes. Aus ganz unterschiedlichen Gründen.

Ich möchte mit diesem Buch nicht den Eindruck erwecken, das Kinderkriegen sei schrecklich. Aber ich möchte dazu beitragen, mit einem Mythos aufzuräumen. Dem Mythos der perfekten Mutter! Im 21. Jahrhundert wäre es wünschenswert, Frauen die Wahrheit über den Vorgang einer Geburt und die Mutterschaft zu sagen. Und zwar bevor sie schwanger werden. Mit all dem Wissen wären Frauen besser auf ihre neue Rolle vorbereitet. Denn diese Rolle ist nicht nur von Glück und unbeschreiblicher Liebe geprägt, sondern eben auch von der Realität, die das Muttersein in der heutigen Gesellschaft mit sich bringt. Und die ist manchmal hart und einsam.
Es sollte in unserer Gesellschaft möglich werden, offen darüber zu reden, dass das Muttersein auch (Start-)Schwierigkeiten mit sich bringt. Und allzu häufig eben in Form einer postpartalen Depression! Durch eine Entmystifizierung wird sicher keine postpartale Depression verhindert, aber durch einen offenen Umgang könnten Frauen leichter über psychische Probleme nach der Geburt ihrer Kinder sprechen.

Auszug aus Isabels Geschichte:

Drei Uhr nachts. Alles ist ruhig. Niemand wach. Die Kleine schläft. Oder ist sie tot? Isabel schleicht sich zum Bettchen. Sie schaut ihre Tochter mit Abstand an. Der kleine Körper bewegt sich monoton auf und ab. Isabels Beine kribbeln, sie ist unruhig. Am liebsten würde sie sich die Haut vom Leib reißen. Alles juckt. Sie geht ins Wohnzimmer. Alles erscheint ihr so eng, so klein, ohne Perspektive mit diesem Kind. Wann wird sie das nächste Mal wieder richtig glücklich sein? Wird sie jemals wieder glücklich sein? Aber wie kann man glücklich sein, wenn sich der Körper wie aus Beton anfühlt und der Kopf so hohl ist? Sie weint, leise. Die Knie angezogen hockt sie auf dem Sofa.
Sie kann nicht mehr. Sie fühlt sich als schlechte Mutter und das schlimmste: Sie ist Zuschauerin ihrer selbst und spürt nichts mehr. Sie ist ein Zombie. Wie soll sie wieder in die Welt zurückkommen? So kann man doch nicht weiterleben. Das bringt niemandem was. Nicht ihr, nicht Jens und nicht Marie. Warum kann ihr niemand sagen, was sie tun soll?
Trennung, Tod, Arbeitslosigkeit, Krankheit – das sind alles nachvollziehbare Gründe, in eine Depression zu fallen. Aber ein Kind, ein Wunschkind noch dazu, das kann sie doch niemandem vermitteln.
Am Tag drauf muss sie mit Marie zu einer Kontrolluntersuchung zur Kinderärztin. Nervös packt Isabel die Wickeltasche. Sie darf das Notfallfläschchen mit Wasser nicht vergessen. Das ist besser für die Zähne als Saft. Und zwei hat die Kleine ja schon. Hat sie ausreichend Feuchttücher und Windeln? Für alle Fälle. Die Angst sitzt in der Magengegend. Mit der U-Bahn zu fahren ist inzwischen eine Herausforderung, die ihr heute früh fast nicht machbar erscheint. Sie zittert, hat nur wenige Stunden geschlafen. Marie ist in der Nacht wieder unruhig gewesen. Isabel macht sich tausend angstvolle Gedanken. Was, wenn Marie unterwegs schreit und den Schnuller nicht akzeptiert? Was, wenn Isabel es nicht rechtzeitig in die U-Bahn schafft? Was, wenn jemand in den Kinderwagen schauen will?
Sie konzentriert sich auf die Kleine, versucht, niemanden anzuschauen. Der Aufzug kommt. Sie fährt zum Bahnsteig. Die erste Bahn ist gerade weg. So hat sie Zeit, sich auf das Einsteigen in die nächste vorzubereiten. Hoffentlich ist genug Platz im Wagen. Die U-Bahn fährt ein. Es sieht gut aus. Nicht sehr viele Menschen. Isabel steigt ein. Die erste Hürde ist geschafft. Sie stellt den Kinderwagen hin. Bremsen sind fest. Marie staunt aus dem Wagen heraus die Welt da draußen an. Isabel setzt sich hin, eine Hand am Wagen.
Ein dicker schwitzender Mann Mitte dreißig steuert plötzlich wie aus dem Nichts auf Isabel zu. 'Fahrschein bitte', sagt er kurz und ruppig. Damit hat sie nicht gerechnet. Sie hat bisher alles so gut im Griff gehabt. Und jetzt das. Isabel lässt den Kinderwagen kurz los, kramt mit beiden Händen in der großen Wickeltasche nach ihrer Geldbörse. Im Außenfach hat die Fahrkarte doch gesteckt, oder doch nicht? Hat sie überhaupt daran gedacht, eine zu kaufen? Sie weiß es nicht mehr. Isabel spürt, wie sich Schweiß in ihren Achseln bildet. Ihr Gesicht wird plötzlich ganz heiß, sie spürt, wie sie rot wird. Wahrscheinlich starren sie schon alle an. Hoffentlich findet sie jetzt diese verdammte Karte, hoffentlich schafft sie es rechtzeitig bis zur Ausstiegshaltestelle. Jetzt, da ist sie. Dem Mann zeigen. Los. 'Alles klar', sagt der Kontrolleur unbeeindruckt und geht weiter. Als sei das alles völlig normal.
Isabel atmet erleichtert aus. Sie spürt, dass ihr Herz viel zu schnell schlägt. Doch dann sieht sie das Schild 'Giselastraße'. Hier muss sie doch aussteigen! Scheiße! Sie stopft die Geldbörse schnell in ihre Tasche und drängt sich an den stehenden Fahrgästen vorbei. Puh. Gerade noch geschafft. Das ist knapp gewesen. Draußen am Bahnsteig muss sie sich erst einmal orientieren. Ausatmen. In welche Richtung muss sie gehen? Doch dann ein Schrei: 'Hey, hallo, nicht losfahren.' Ein Mann winkt aufgeregt in Richtung Zugführer. Stimmen rufen durcheinander. Panik kommt auf. Was ist passiert? 'Stopp, Türen auf! Die Frau hat ihr Kind vergessen!' Die-Frau-hat-ihr-Kind-vergessen! Die Worte schlagen wie Hammerschläge in ihrem Kopf …

Isabel schaut die Szene völlig teilnahmslos an. Bis ein anderer Mann ihr ihren Kinderwagen aus dem Waggon schiebt. 'Hallo? Sie haben Ihren Kinderwagen im Zug stehen gelassen.' Der Mann ist sichtlich empört. Eine Menschentraube bildet sich. Alles geht so schnell. Und mittendrin steht sie, Isabel, als Zuschauerin. Obwohl sie eigentlich die Hauptdarstellerin dieses Spektakels ist. Sie hört das vertraute Schreien ihrer Tochter. Sie ist laut. Sehr laut. Eine junge Frau mit zwei Kindern umfasst Isabels Ellbogen: '… ist Ihnen nicht gut? Sollen wir einen Krankenwagen rufen?' Isabel ist wie gelähmt. Hat sie das wirklich getan? Hat sie wirklich ihr Kind im Zug vergessen? Sie ist fassungslos über sich selbst. 'Sollen wir jemanden anrufen? Ist ihr Mann erreichbar? Sie haben doch einen Mann, oder?' Isabel ist unfähig zu antworten. Unfähig, Marie den Schnuller in den Mund zu stecken. All diese Menschen mit diesen Fragen – ihr Kopf ist wie mit Watte ausgefüllt. Sie nimmt den Wagen und geht schnellen Schrittes weg. Raus hier, nur weg hier. 'Nein, danke, alles okay. Danke, wirklich. Danke. Gemurmel im Hintergrund begleitet ihre Schritte '…hast du so was schon erlebt?' …die spinnt doch.' '…Ich fass es nicht.'"

Petra Wiegers ist TV-Journalistin und Mutter von Zwilligen. Sie engagiert sich als SAAL ZWEI-Gastautorin. Hier liest sie einen Ausschnitt aus ihrem Buch "Nur die Liebe fehlt"Mavis Geschichte

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Bekannt aus:

SAAL ZWEI-GASTAUTOREN

Sabine Kartte
Petra Schäfer
Bea Kemner