"Wer mich kennen muss, kennt mich auch"

Marika Lulay hat Einfluss: Rund 2.500 Mitarbeiter arbeiten für GFT Technologies, zuletzt setzte der IT-Dienstleister 264 Mio. Euro um. Lulay ist COO der Firma - und trotzdem kennt kaum jemand außerhalb der Branche ihren Namen. Zu Recht, sagt die Informatikerin, das Geschäft werde beim Kunden gemacht, nicht in den Medien. SAAL ZWEI-Interview in der Reihe "Top-Managerin im Profil" über Eigen-PR, IT-Deutschland auf den hinteren Rängen und das I-Phone als Heilsbringer.
Eschborn/Hamburg, den 21.05.2014 - Von Stefanie Bilen

MARIKA LULAY - STECKBRIEF

Ausbildung:
Informatik-Studium an der FH Darmstadt 

Job heute:
COO GFT Technologies AG 

Verantwortung:
2.500 Mitarbeiter, 264 Mio. Euro (GFT gesamt)

Motto:
Dynamik hält wach - Menschen und Firmen

SAAL ZWEI: Frau Lulay, nervt es Sie, wenn Sie immer wieder gefragt werden, wie Sie es als Frau in den Vorstand eines IT-Unternehmens geschafft haben?Marika Lulay: Ja, mittlerweile nervt es mich total. Weil es suggeriert, dass es das einzige Thema ist, zu dem ich etwas sagen könnte. Und das ist aus meiner subjektiven Sicht nicht so. Andererseits bin ich mit etwas Abstand nach einer solchen Frage auch wieder versöhnt, weil ich weiß, dass die Frage relevant ist.

Das beruhigt uns, denn wir wollen die Frage auch stellen...
Zuerst einmal habe ich schlicht und ergreifend Informatik studiert. Ich war stark in den Naturwissenschaften, und 1982, als ich mein Studium begann, waren Themen wie Genetik, Biochemie, Wirtschaftsingenieurwesen und Informatik neue Themen. Da wollte ich dabei sein. Es war mir wichtig, nicht das zu machen, was alle anderen machten. Praktischerweise hat mich das Informatik-Studium interessiert.

In der Rubrik Top-Managerin im Profil stellen wir den SAAL ZWEI-Leserinnen sowie der Leserschaft des Handelsblatt Morning Briefings erfolgreiche Frauen an der Spitze vor. Gabor Steingart, Herausgeber des Handelsblatts, fasst in seinem Morning Briefing täglich noch vor dem Frühstück alle relevanten News aus Wirtschaft, Politik und Finanzen aus der weltweiten „24 Stunden“-Handelsblatt-Redaktion poinitiert zusammen. Gratis für den Leser.


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Aber Sie waren die einzige Frau weit und breit…
Ja, aber das machte nichts. Zumindest habe ich dadurch keine Benachteiligung erfahren. Auch nach dem Berufseinstieg nicht. In der jungen und dynamischen Industrie herrschte eigentlich immer Fachkräftemangel, daher hat man alle guten Leute benötigt. Auf das Geschlecht wurde eher nicht geachtet.

Sie haben mehrmals das Unternehmen gewechselt, bevor Sie 2002 zu GFT kamen. Haben Sie die viel zitierte gläserne Decke während Ihrer Laufbahn zu spüren bekommen?
Eigentlich nicht. Aber ich möchte ergänzen: Ich hatte zwar keine Nachteile als Frau, ich wurde aber auch nicht gefördert. Frauenförder-Programme wie es sie in den Konzernen anderer Branchen gibt, habe ich nie kennengelernt. Dennoch würde ich nicht von einer gläsernen Decke sprechen.

Sie sind allein durch gute Leistung aufgefallen?
Durch gute Leistung zur rechten Zeit am rechten Ort. Es reicht nicht, nur gut zu sein. Man muss auch ungewohnte Aufgaben übernehmen, Leistungsbereitschaft signalisieren und sich etwas trauen. Man muss sein gewohntes Terrain verlassen und aus der Komfortzone herauskommen.

Wann haben Sie Ihre Komfortzone verlassen?
Immer dann, wenn man den Sprung in eine neue Firma wagt, verlässt man die Komfortzone – viel stärker noch als bei neuen Projekten innerhalb desselben Unternehmens. Weil man dann nicht nur auf eine neue Aufgabe mit neuen Mitarbeitern trifft, sondern auf eine neue Firmenkultur. Und man braucht ein neues Netzwerk.
Als ich von der Software AG zu Cambridge Technologies Partners wechselte, habe ich das besonders stark gespürt: Raus aus einem deutschen Unternehmen, rein in einen amerikanischen börsennotierten Konzern. Das Reporting spielte dort eine große Rolle, ich habe mich im internationalen Umfeld bewegt und den ganzen Tag Englisch gesprochen. Und als Landeschefin von Deutschland war ich zwar für Gewinn und Verlust verantwortlich, berichtete aber an die Konzernführung. Nach meinem Wechsel zu GFT war es genau andersherum: Die Länderchefs berichten an mich, jetzt sitze ich im Vorstand sozusagen auf der anderen Seite. Solche Perspektivenwechsel und Entwicklungen machen mir Spaß, auch wenn sie schief gehen können.

Eigen-PR kann eine Karriere beflügeln. Ohne Ihnen zu nahe treten zu wollen: Ihren Namen hatte ich bis vor Kurzem noch nie gehört. Finden Sie die Vermarktung Ihrer Person und Ihres Unternehmens nicht wichtig?
Die Vermarktung der GFT Group ist für mich natürlich wichtig, da arbeiten wir auch hart dran. Auf PR für mich und meine Funktion lege ich allerdings keinen großen Wert. Deshalb wundert mich Ihre Feststellung auch nicht. Auf die Gefahr hin, dass es arrogant klingt: Wer mich kennen muss, kennt mich auch. Das Geschäft spielt sich ja nicht in den Medien ab. Innerhalb der Branche und bei unseren Geschäftspartnern habe ich kein Bekanntheitsproblem.

"Vertrauen in die Sicherheit ist essentiell"

Die IT-Branche ist in Bewegung, Datensicherheit, Big Data, Infrastruktur werden stark diskutiert. Welches sind die größten IT-Herausforderungen für unser Land?

Die Sicherheit der Kommunikation ist definitiv das größte Thema. Dabei geht es nicht nur um die faktische Sicherheit, sondern auch um das Vertrauen darein. Wenn etwa Privatpersonen E-Mails verschlüsseln möchten, muss ihnen eine einfache und verlässliche Lösung angeboten werden. Andernfalls wenden sie sie nicht an. 

Wen sehen Sie hier in der Pflicht?
In erster Linie ist die IT-Industrie in der Bereitstellung solcher Lösungen gefragt. Aber auch Politik und Verbände sind gefordert, wenn es darum geht, Standards zu setzen. Zumal das Thema nicht nur Deutschland betrifft. Das macht das Ganze sehr komplex.

Ihr Unternehmen bietet Software-Lösungen für Banken an. Ist Sicherheit dort ebenfalls das beherrschende Thema?
Zurzeit beschäftigt die Banken insbesondere die Einhaltung regulatorischer Vorgaben. Viele von ihnen stoßen hier an ihre Grenzen, denn seit der Finanzkrise sind die Anforderungen an Kontrollen und Transparenz stark gestiegen. Das bedeutet deutlich mehr Reports und Auswertungen. Für ein Unternehmen wie die GFT Group ist das eine große Chance, denn diese Vorschriften können in der Komplexität und bei dem Tempo nur mithilfe innovativer IT-Lösungen eingehalten werden.

Das zeigt sich im Wachstum Ihres Unternehmens: Die GFT Group ist voriges Jahr im Stammgeschäft mit IT-Lösungen um 44 % gewachsen, das Vorsteuerergebnis der gesamten Gruppe legte um 45 % zu. Auch für 2014 planen Sie mit ambitionierten Ergebnissen. Ist das allein auf die Auswirkungen der Finanzkrise zurückzuführen?
Nein, es gibt verschiedene weitere Wachstumstreiber. Einer ist beispielsweise das Banking über mobile Endgeräte. Dadurch, dass Kunden ihre Bankgeschäfte heute nicht mehr ausschließlich in der Filiale tätigen, müssen die Banken große Summen in ihre IT investieren. Das kommt uns zugute. Apple und das I-Phone sind das Beste, was uns passieren konnte.

"Aufstieg und Niederlage liegen in der IT eng beieinander" 

Manche Unternehmen sehen ihr Verhältnis zu den großen IT- und Kommunikations-Riesen in den USA anders. Kürzlich sagte der Springer-Chef Mathias Döpfner, er hab Angst vor Google. Was halten Sie von solchen Äußerungen?
Ich kann sie in Teilen nachvollziehen, aber Angst geht mir zu weit. Die USA haben eine deutliche Vormachtstellung in der Branche. Deutschland hat als Heimat für IT-Großunternehmen das Spiel verloren, und auch Europa ist weit hintendran. Es gibt nur SAP als deutschen Namen, der in der weltweiten IT-Industrie eine sichtbare Rolle spielt.  Das verdeutlicht, wie es um die Branche hierzulande bestellt ist. Nun kann man den Kopf in den Sand stecken oder aber man bleibt angriffslustig. Das ist unser Motto bei GFT: Mit 2.500 Mitarbeitern in acht Ländern haben wir eine starke Basis, bleiben mit unseren mittelständischen Strukturen aber sehr wendig. Das ist entscheidend! Es gibt keine dynamischere Branche als den IT-Sektor, nirgends wechselt der Wind schneller. Schauen Sie sich etwa die Entwicklung von Nokia an: Aufstieg und Niederlage liegen eng beieinander. Das ist ganz anders als etwa in der Automobilindustrie, wo der Wandel aufgrund der Investitionszyklen deutlich limitierter ist.

Machen Ihnen der schnelle Wandel und das hohe Tempo auch mal Angst?
Nein, Angst lähmt. Die Dynamik hält wach – mich als Person und uns als Unternehmen. Das Gute an dem Tempo: Man kann zwar schnell Fehler machen, aber sie werden auch schneller verziehen. Es gibt ständig eine neue Chance.

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