"Wir müssen an vielen Schrauben drehen"

Gerade mal fünf Prozent weibliche Vorstände gibt es in Deutschlands 200 größten Unternehmen. 'Da stimmt was nicht', urteilt Bundeskanzlerin Angela Merkel und initiierte jetzt das Bündnis 'Chefsache', in dem sich elf namhafte Arbeitgeber für mehr Chancengleichheit in Führungspositionen einsetzen. Janina Kugel vertritt als Personalvorstand den Dax-Konzern Siemens in der Initiative. Im SAAL ZWEI-Interview erläutert sie, warum sie bessere Ergebnisse als andere Programme hervorbringen wird - und wieso dennoch nicht in Rekordzeit mit einem großen Wurf zu rechnen ist.
Berlin/München, den 22. Juli 2015 - Von Stefanie Bilen
Janina Kugel, Vorstand Siemens

SAAL ZWEI: Frau Kugel, Siemens ist eines der elf Gründungsmitglieder der Initiative 'Chefsache. Wandel gestalten für Frauen und Männer'. Es gibt bereits zahlreiche Programme, um mehr Frauen in Führungspositionen zu bringen - alle mit mäßigem Erfolg. Warum gibt es jetzt eine weitere Initiative?  

Janina Kugel: 'Chefsache' ist ein Netzwerk zur Förderung eines ausgewogenen Verhältnisses von Frauen und Männern in Führungspositionen. Wir wollen dabei mithelfen, ein gesellschaftliches Umdenken zu initiieren. Dazu gehört, dass man den Wert unterschiedlicher Lebensentwürfen erkennt  und ein neues Verhaltensrepertoire bei Besetzungsentscheidungen nutzt. In den vergangenen Jahren wurde bereits viel erreicht, doch noch immer sind Rollenstereotype in unserem Denken und Handeln nicht vollständig aufgelöst. Daran werden wir gemeinsam arbeiten. Die Initiative ist deshalb so spannend, weil mit ihr sowohl Vertreter von Unternehmen als auch aus Politik und Gesellschaft gemeinsam das Thema angehen.

Was ist konkret geplant?

Zunächst einmal ist der Austausch untereinander sehr wichtig. Wir können viel voneinander lernen. Siemens tut zum Beispiel viel beim Thema Vereinbarkeit von Familie und Beruf. So bauen wir bis Ende dieses Jahres deutschlandweit die Zahl der Kinderbetreuungs-Plätze auf 2000 aus. Damit sind wir führend unter deutschen Großunternehmen. Ein anderes wichtiges Thema ist das flexible Arbeiten – auch hier bieten wir bereits eine ganze Menge Möglichkeiten wie etwa Arbeiten im Home Office an. Das sind aber nur die 'Basics'. Woran wir gemeinsam arbeiten müssen, ist der Wandel von Rollenmodellen. Da trifft man immer noch auf viele traditionelle Denkmuster und Vorurteile. Und gerade hier können wir mit der Initiative Chefsache ansetzen und gemeinsame Strategien definieren, um das eine oder andere nach vorne zu bringen.

Welche messbaren Ziele gibt es?

Die Initiative will zum Beispiel regelmäßig den Anteil an Frauen in Führungspositionen abfragen und hier auch Fortschritte erzielen. Wir dürfen uns hier aber nicht in Rekordzeit den großen Wurf erwarten. Es geht darum, nachhaltige Veränderungen auf den Weg zu bringen und dafür müssen wir an vielen Schrauben drehen.

Alle elf Gründungsmitglieder haben die Initiative vorige Woche durch einen hochrangigen Vertreter vorgestellt. Wie geht es nun weiter? 

In den nächsten Monaten werden wir gemeinsam die Themen und Arbeitspakete definieren. Wir wollen außerdem eigene Dialog-Veranstaltungen mit unterschiedlichen Zielgruppen durchführen. Aktuelle Informationen zu den geplanten Aktivitäten werden auf der Webseite der Initiative kommuniziert.

Suchen Sie weitere Mitstreiter?

Wir haben mit elf Mitgliedern angefangen, damit wir in der Startphase schnell agieren können. Aber unser Ziel ist es, in der Gesellschaft etwas zu bewegen und dafür wollen wir möglichst viele Menschen erreichen. Mal sehen, wer sich uns noch anschließt.

Chefs unter sich. Die Initiative wurde unter der Schirmherrschaft von Bundeskanzlerin Angela Merkel von elf Arbeitgebern ins Leben gerufen: M. König (Bayer), M. (IBM), A. Renkhoff-Mücke (Warema), C. Baur (McKinsey), P. Neher (Caritas), A. Merkel, J. Kugel (Siemens), Ch. Kübel (Bosch), W. Zedelius (Allianz), U. von der Leyen (Verteidigungsminsterium), A. Kurz (Fraunhofer), R. Esser (Zeit Verlag v.l.) Fotos: Siemens, Iniative Chefsache

"The Proof of the Pudding is the Eating"
Angela Merkel gilt nicht als Freundin der Frauenquote. Warum die Bundeskanzlerin sich nun doch für eine Initiative für mehr Chancengleichheit in Führungspositionen einsetzt, lesen Sie hier.



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