"Wir denken voneinander, bei den anderen läuft es super"

Wenn Mütter stärker im Arbeitsleben mitmischen, bedeutet das zwangsläufig, dass Väter sich aktiver zu Hause einbringen müssen. Die Zeit-Journalisten Marc Brost und Heinrich Wefing beschreiben jetzt erstmals in einem Buch, welche Verunsicherung das unter Männern mit sich bringt: Was ist eigentlich ein guter Vater? Und wie bringen sie die neuen Erwartungen unter einen Hut? "Vereinbarungslügner" nennen die Autoren Arbeitgeber wie Politiker, die meinen, alle Rollen seien problemlos zu kombinieren. SAAL ZWEI-Interview über die Rush Hour des Lebens, unglückliche Paare und Männer, die sich gegenseitig eine perfekte Welt vorgaukeln.
Berlin/Hamburg, den 06. Mai 2015 - Von Stefanie Bilen
Heinrich Wefing, Marc Brost (v.l. - Foto: Anatol Kotte)

SAAL ZWEI: Marc, Ihr schreibt, die Vereinbarkeit von Beruf und Familie funktioniert nicht und nennt Euer Leben die Hölle. Was daran ist so schrecklich?

Marc Brost: In unserem Buch geht es nicht so sehr um uns, da wir als Journalisten vergleichsweise große Freiheiten im Arbeitsleben haben. Wir schreiben über ganz normale Mütter und Väter in ganz normalen Berufen: den Sparkassenangestellten, die Verkäuferin im Supermarkt, die Abteilungsleiterin in einem mittelständischen Betrieb. Sie alle haben neben der Arbeit viel zu wenig Zeit für ihre Kinder und ihre Partnerschaft, sie fühlen sich gehetzt und erleben immer wieder, dass der Tag zu wenig Stunden hat. Die Arbeit frisst sich in ihr Leben hinein – viel stärker, als es das je gegeben hat.

Inwiefern?

Wir erleben eine beispiellose Verdichtung von Arbeit und Zeit. Zeitforscher sagen: Wir schlafen weniger, essen schneller, lieben weniger, und bewegen uns hektischer durch die Städte als jede Generation zuvor. Und was berufstätige Mütter schon seit langem kennen, spüren nun auch Väter mehr und mehr –dass sich im Alter zwischen Ende 20 und Anfang 40 unglaublich viel ballt: Da soll man Kinder bekommen, den Grundstein für die Karriere legen, fürs Alter sparen und gleichzeitig noch möglichst viel konsumieren, damit die Wirtschaft wächst. Nicht umsonst nennen uns Soziologen „die überforderte Generation.“ Denn was wir erleben, ist knallharter ökonomischer Druck: Früher reichte das Einkommen eines 30-jährigen Mannes aus, um eine Familie zu ernähren und sogar noch, um etwas zu sparen. Heute hangeln sich die 30-Jährigen von Praktikum zu Praktikum, und um eine Familie ernähren zu können, braucht man in der Regel zwei Einkommen.

Welches Ziel verfolgt Ihr mit Eurem Buch?

Wir wollen eine gesellschaftliche Debatte lostreten, denn das Thema betrifft viele. Es geht darum, die vielen Vereinbarungs-Lügner zu entlarven, die sowohl in der Wirtschaft als auch in der Politik unterwegs sind. Es genügt nicht, nur mehr Kitas bereitzustellen und ein paar Teilzeitarbeitsplätze einzurichten. Mütter wie Väter sollten aufstehen und der Gesellschaft demonstrieren: 'So geht es nicht weiter'.

Was sind denn Eure Forderungen?

Wenn wir uns einig sind, dass die Rush Hour des Lebens – die Zeit zwischen Ende 20 und Anfang 40, in der sich soviel ballt wie in keiner Generation zuvor – entzerrt werden sollte, dann geht das nicht ohne Zutun von Wirtschaft und Politik. Dann reicht es nicht, nur über Wochenarbeitszeiten zu reden. Dann muss die Arbeitszeit über das Leben hinweg ganz anders organisiert werden. Wir wissen heute, dass wir alle im Alter sehr sehr viel länger werden arbeiten müssen. Und wir können das auch, sind im Alter viel aktiver und fitter als früher. Warum ist es also nicht möglich, zwischen 30 und 40 kürzerzutreten, und das weniger Gearbeitete dann später wieder aufzuholen? Wir wünschen uns jedenfalls, die Familienpolitik in einem viel größeren Kontext sehen: Sie ist auch ein Thema für den Arbeits- den Wirtschafts- und den Finanzminister. Viele Maßnahmen, die sich der Staat heute viel Geld kosten lässt, sind widersprüchlich. Dafür fehlt das Geld dann an anderer Stelle – zum Beispiel für alleinerziehende Mütter. Dass diese Frauen an sich selbst sparen müssen, weil der Staat nicht in der Lage ist, ihnen die notwendige Unterstützung zu geben, halten wir für einen Skandal.

Früher gab es mit der Ein-Verdiener-Ehe klare Rollenverteilungen: Der Mann ging arbeiten, die Frau kümmerte sich um Heim und Kinder. Wünscht Ihr Euch diese Zeiten zurück?

Um Gottes Willen! Aber wir stellen fest, dass der Wandel Verunsicherung schafft. Viele können gar nicht mehr beantworten, was es heißt, ein guter Vater zu sein: Sorgt er für finanzielle Sicherheit oder verbringt er viel Zeit mit den Kindern? Das sorgt für Verwirrung – bei allen Beteiligten. Kürzlich wollte ich meinen siebenjährigen Sohn in die Schule bringen, da sagte er: "Papa, ich will das nicht, Du hast ja sonst auch nie Zeit für mich". Das sind so Momente. Interessanterweise sprechen Männer über solche Erlebnisse nicht. Wir denken voneinander, bei den anderen läuft es super: Erfolg im Job, glückliche Partnerschaft, fröhliche Familie, cooler Sportler… Dass das nicht so ist, haben wir bei der Buchrecherche gemerkt – und wir finden es wichtig, diese Tabuthemen aufzubrechen und zu zeigen: 'Hey, ich bin nicht der Einzige, bei dem es nicht perfekt läuft'.

"Die Familie wird zur Fahrgemeinschaft, aus Paaren werden Partner in der Logistikbranche", schreibt Ihr. Habt Ihr Rezepte gefunden, wie man das Paar-Sein am Leben erhält?

Nein, aber das muss jedes Paar auch für sich selbst entdecken. In unserem Buch beschreiben wir in einem Kapitel, wie selbst vermeintliche Traumehen in die Brüche gehen, weil sich die Partner nur noch anschweigen. Dieses Schweigen gar nicht erst zuzulassen – darum geht es doch.

Und hast Du für Dich einen Weg gefunden, um Familie und Beruf besser zu vereinbaren?

Ich bin ja viel privilegierter, als die meisten anderen, mit denen wir für das Buch gesprochen haben: Ich kann zum Beispiel auch mal von zu Hause arbeiten, wenn mein Sohn krank ist. Zudem haben meine Frau und ich die finanziellen Mittel, um uns Unterstützung hinzuzukaufen, egal ob bei der Kinderbetreuung oder im Haushalt. Aber es geht ja auch gar nicht um mich. Interessant fand ich zum Beispiel, was mir ein Vater erzählte, der am Wochenende das Smartphone ausstellt und sich ganz aufs Privat- und Familienleben konzentriert: Wenn er es am Sonntagabend wieder einschaltet, muss er regelmäßig feststellen, dass alle anderen weitergearbeitet und -kommuniziert haben – mit dem Ergebnis, dass alle anstehende Aufgaben nur an einen delegiert worden sind: nämlich an ihn. 

"Geht alles gar nicht"
Warum wir Kinder, Liebe und Karriere nicht vereinbaren können - von Marc Brost und Heinrich Wefing

Erschienen bei Rowohlt: 240 Seiten, 16,95 Euro (Zur Leseprobe)

Mehr zum Thema diskutieren wir mit Marc Brost und anderen Rednerinnen und Rednern am 21. Mai in Frankfurt - inkl. Lesung aus "Geht alles gar nicht". 
Hier geht's zur Anmeldung.


Vielleicht auch interessant?

"Perfect is the enemy of good"
Es hat eine Weile gedauert, bis Claudia Dietze sich das Lieblingsmantra des Linux-Erfinders, Linus Torvalds, zu eigen gemacht hat. Die Co-Gründerin des Software-Unternehmens Freiheit.com bevorzugte es 100-prozentig - und hat ihren Mitarbeitern am liebsten noch gesagt, in welchen Schritten sie eine Aufgabe erledigen sollten. Doch ihre Programmierer überzeugten sie vom Gegenteil...
www.saalzwei.de

Mittwochs ist SAAL ZWEI-Tag. 
Abonnieren Sie das kostenlose Online-Business-Magazin für Frauen und erhalten Sie ausgewählte relevante Inhalte direkt in Ihr Postfach.
Jetzt gratis bestellen.
Und SAAL ZWEI auf Facebook und Twitter folgen.

SAAL ZWEI abonnieren

Mittwoch ist SAAL ZWEI-Tag:

Erhalten Sie jeden Mittwoch die neue Ausgabe
des Online-Magazins für Frauen direkt in Ihr
Postfach: Businesstrends, Exklusiv-Interviews,
Karrieretipps, Lifestyle, ... – gratis!

SAAL ZWEI-GASTAUTOREN

Claudia Wanner
Petra Wiegers
Nicole Bastian