"Wofür arbeiten wir eigentlich?"

Arbeit ist wie ein leichter Schnupfen, meint Dominic Veken. Ein bisschen lästig, so wie ein Übel, das vorübergeht. Diese Einstellung hört der Unternehmens-Philosoph zumindest von vielen Beschäftigten, wenn er sich in hiesigen Firmen umhört. Weil es dort häufig um Effizienz, um Shareholder Value und manchmal auch um Work-Life-Balance geht. Um den Sinn des eigenen Tuns geht es hingegen seltener. Deshalb wünscht sich Veken mehr Unternehmen, die Arbeit zu etwas Leuchtendem machen - zu etwas, für das sich der ganze Aufwand wirklich lohnt. Dann, so schreibt er bei SAAL ZWEI, wird es nicht nur den Beschäftigten besser gehen, sondern dem gesamten Unternehmen.
Hamburg, den 25. November 2015 - Von Dominic Veken

"Arbeit ist wie ein leichter Schnupfen. Dieses Gefühl bekommt man zumindest vermittelt, wenn man mit Mitarbeitern und Führungskräften vieler Unternehmen spricht. Viele der dort Tätigen fühlen sich heute überfordert. Viele arbeiten ab, was ihnen an Anforderungen angetragen wird. Viele denken schon heute daran, welchen anderen Job sie morgen machen könnten. Wenn man einmal fragt, wofür sie eigentlich arbeiten, erntet man von den meisten Protagonisten in der Regel ein erstauntes Gesicht, aber nur wenige überzeugte Antworten. Wie ist das denn bei Ihnen? Wofür arbeiten Sie denn eigentlich? Was erzeugt bei Ihnen ein Leuchten in den Augen? Geld? Anerkennung? Selbstverwirklichung? Oder ist da etwas anderes, das Ihnen bei Ihrer Arbeit eine starke Überzeugung verleiht und Ihnen das Gefühl gibt, Teil von etwas Großem zu sein? Vielleicht sogar ein Sinn, der Ihnen den Eindruck vermittelt, mit Ihrer Arbeit die Welt zumindest ein kleines Stück weit zu verändern?

...für das sich der ganze Aufwand wirklich lohnt


Es ist doch absurd: Die meisten von uns verbringen fast mehr Zeit bei der Arbeit als in ihrem Bett – in einem Arbeitsleben locker mal 100.000 Stunden – und verbringen diese Zeit mit etwas, das sie gar nicht erfüllt. Entsprechend steht bei allen Befragungen, was Menschen vor ihrem Tod am meisten bereuen, dass sie zu viel gearbeitet haben. Der Philosoph Hans Blumenberg sprach da immer vom Suspensionstheorem: Die großen Fragen nach dem Sinn wurden bei uns über Jahrzehnte suspendiert wie die Kommissare beim Tatort. Es ging um Effizienz, es ging um Shareholder Value und vielleicht ging es auch ein bisschen um Work-Life-Balance. Die Arbeit aber zu etwas Leuchtendem zu machen, zu etwas, für das sich der ganze Aufwand wirklich lohnt, das einen erfüllt und einen beseelt, das stand bislang kaum im Fokus.
Und warum ist das so? Weil sich die Unternehmen heute viel zu sehr auf ihre rein wirtschaftlichen und finanziellen Zwecke als Antrieb beschränken, weil sie sich auf ein Maximierungsprinzip von Zählbarem festgelegt haben und damit den Verhaltenstyp des konkurrenzorientierten Nutzenoptimierers als übergreifendes Handlungsprimat etabliert haben. Macht uns das alle glücklich? Natürlich nicht. Macht das die Unternehmen langfristig zu etwas Bereicherndem in der Welt? Ebenso wenig. Man denke nur zuletzt an VW oder auch an die Deutsche Bank. Aber was ist die Alternative?

Steve Jobs: 'Limonade verkaufen oder die Welt verändern?'

Meine These ist: Unternehmen müssen neben ihrem Unternehmenszweck wieder ihren Unternehmenssinn entdecken und freilegen. Und sie müssen diesem folgen, mit allem, was sie haben und mit allem, was sie können. Dann werden sie einen langfristigen Begeisterungskern haben, der sie mit Energie und einem inneren Kompass versorgt, dann werden sie ihre Mitarbeiter und Kunden deutlich glücklicher machen, dann werden sie auch wirtschaftlich langfristig deutlich erfolgreicher sein.
Den Unterschied von Unternehmenszweck und Unternehmenssinn kann man dabei sehr schön verdeutlichen, wenn man sich einmal die Anekdote vor Augen führt, bei der relativ am Anfang der Firma Apple Steve Jobs den damaligen Pepsi-Manager John Sculley abwerben wollte. Das Problem an Jobs’ Vorhaben war, dass Sculley zu diesem Zeitpunkt bei Pepsi viel mehr Geld, Macht, Mitarbeiter, Ruhm und Privilegien hatte, als Jobs ihm bei Apple hätte bieten können. Dennoch war er mit seinem Abwerbeversuch erfolgreich und der Grund dafür war aus Sculleys eigener Schilderung eine einzige Frage, mit der der Apple-Gründer ihn überzeugt hat: 'Willst Du weiter Limonade verkaufen oder willst Du die Welt verändern?'

Oder übersetzt: Willst Du weiter einen bloßen Zweck erfüllen oder willst Du einem höheren Sinn folgen? Es ist an der Zeit, dass wir uns alle wieder mehr Gedanken über Sinn machen, denn er ist das, was unsere Arbeit tragen kann und er ist das, was Unternehmen zu deutlich mehr machen kann als reine Profitmaschinen. Vielleicht fangen Sie ja sogar bei sich selbst an."

Dominic Veken ist Unternehmensphilosoph. Er berät nationale und internationale Unternehmen, lehrt Unternehmensphilosophie an der Universität der Künste in Berlin und er hält Vorträge über Sinn und Begeisterung für Führungskräfte. Gerade hat er das Buch "Der Sinn des Unternehmens – Wofür arbeiten wir eigentlich?" herausgebracht.




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