"Ist Industrie 4.0 eigentlich männlich?"

Industrie 4.0 und das 'Internet der Dinge' sind hochaktuelle Themen, mit denen sich die deutsche Wirtschaft beschäftigen muss. Allerdings sind es überwiegend Männer, die die öffentliche Debatte bislang bestimmen, hat Isabel Hochgesand festgestellt. In ihrer SAAL ZWEI-Kolumne fordert die Procter & Gamble-Geschäftsführerin weibliche Führungskräfte daher auf, die Themen nicht ihren Kollegen zu überlassen. Es gehe darum, sich aktiv in die Diskussion um innovative Lösungen einzubringen - und zwar deutlich stärker als bisher, schreibt sie: "Nur Mut!".
Schwalbach, den 29. April 2015 - Von Isabel Hochgesand

Im Vorfeld der Eröffnung der diesjährigen Cebit in Hannover habe ich im Rahmen der dortigen "Innovationsdialoge" an einer Podiumsdiskussion zum Thema "Industrie 4.0" teilgenommen. Konkret ging es um "Potenziale digitaler Plattformen" und darum, wie sich die zunehmende Digitalisierung auf die Anforderungen an die Lieferketten im Handel auswirkt und die IT damit zum vitalen Bestandteil der Supply Chain bei Procter & Gamble wird.
Irgendwann im Laufe der lebhaft geführten und fachlich höchst interessanten Diskussion schoss mir beim Blick ins Publikum ein Gedanke in den Kopf, der mich seitdem beschäftigt: Wo sind eigentlich die Frauen, wenn es um das Thema Industrie 4.0 geht? Im Publikum der Podiumsdiskussion bei den „Innovationsdialogen“ saßen sie, bis auf einige wenige Ausnahmen, zumindest nicht.
War das nun eine Momentaufnahme oder ist das ein grundsätzliches Problem? Je mehr ich darüber nachgedacht habe, hat sich mein Eindruck verstärkt: Die öffentliche Debatte rund um Industrie 4.0 wird aktuell in Deutschland vorrangig von Männern geführt. Und ich habe den Verdacht, dass in den Teams, die sich in den Unternehmen mit Möglichkeiten und Chancen durch die digitale Veränderung in den Fabriken beschäftigen, ebenfalls kaum Frauen sitzen. (Ich freue mich im Übrigen über jeden Hinweis, wenn dies in Ihrem Tätigkeitsfeld nicht so sein sollte.)
Ist „Industrie 4.0“ denn ein Thema nur für Männer? Doch sicherlich nicht!

Industrie 4.0 bedeutet, Reibungsverluste an Schnittstellen zu beseitigen

Zwar sind Frauen in technischen Berufen nach wie vor unterrepräsentiert, dies allein als Begründung heranzuführen, halte ich jedoch für verkürzt. Schließlich geht es doch auch darum, neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, bestehende Brüche in den industriellen Wertschöpfungsketten zu beseitigen und es durch Anwendung moderner IT zu schaffen, bestehende Anlagen so miteinander in Einklang zu bringen, dass das Gesamtsystem eine bessere Leistung liefert.
Was nützt ein automatisches Terminal zum Einloggen für die LKW Fahrer, wenn nicht alle Spediteure aufgrund fehlender Ausstattung dazu in der Lage sind? Was nützt ein vollautomatisches Lagerhaus, wenn verschiedene Organisationen und Prozesse darauf Zugriff haben – jedes für sich optimiert, aber nicht in seiner Ganzheit erfasst? 
In der Praxis bedeutet Industrie 4.0 oftmals die Beseitigung von Reibungsverlusten an den Schnittstellen. Und damit fällt das Thema in den Wirkungsbereich vieler Führungskräfte – und zwar männlicher ebenso wie weiblicher.

Frauen sind aufgefordert, bei wichtigen Themen wie dem 'Internet der Dinge' Stellung zu beziehen

Im beruflichen Alltag bei P&G erlebe ich täglich, wie Diversity und geschlechterunspezifische Karrieren als zentrale Bestandteile der Unternehmenskultur eine Arbeitsatmosphäre für Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter schaffen, die Innovation zielorientiert fördert. Der Anteil von weiblichen Führungskräften in traditionell männlichen Domänen liegt bei P&G bei 30%. Vor diesem Hintergrund halte ich es für wichtig, dass Frauen bei wichtigen Zukunftsthemen wie Industrie 4.0 oder – noch etwas weiter gefasst – mit Blick auf das 'Internet der Dinge' Position beziehen und sich aktiv in die Diskussion um innovative Lösungen einbringen – und zwar deutlich stärker als bisher! Nur Mut!

Isabel Hochgesand ist Geschäftsführerin bei Procter & Gamble und zuständig für die Logistik in Deutschland, Österreich und der Schweiz.    
An dieser Stelle berichten abwechselnd Managerinnen und Unternehmerinnen aus ihrem Führungsalltag - exklusiv für SAAL ZWEI-Leserinnen. 
Weitere Informationen zu den Kolumnistinnen finden Sie hier.

Hier finden Sie alle bislang erschienenen Management-Kolumnen.

Schwanger im Vorstand
Franziska von Lewinski ist zum zweiten Mal Mutter geworden - als Digitalvorstand von Fischer-Appelt. Eine herausfordernde Situation, denn die Managerin ist erst seit vorigem Herbst in ihrem neuen Job. Nach drei Monaten Elternzeit will sie zurück an den Schreibtisch der Hamburger Agenturgruppe. (Foto: Anatol Kotte)
www.saalzwei.de

SAAL ZWEI abonnieren

Mittwoch ist SAAL ZWEI-Tag:

Erhalten Sie jeden Mittwoch die neue Ausgabe
des Online-Magazins für Frauen direkt in Ihr
Postfach: Businesstrends, Exklusiv-Interviews,
Karrieretipps, Lifestyle, ... – gratis!

SAAL ZWEI-GASTAUTOREN

Kathrin Bierling
Eva Buchhorn
Anna Marohn