"Führungskräfte sind heillos überfordert"

Viele Vorgesetzte empfinden Kündigungen als derart verhasste Aufgabe, dass sie nach nur einem Muster vorgehen: Augen zu und durch. Das verletzt die Gekündigten, frustriert die Bleibenden und kratzt an der Glaubwürdigkeit der Führungskraft. Plus: Die Kosten steigen, wenn Kündigungen sich in die Länge ziehen. Deshalb plädiert Dagmar Walker, Rechtsanwältin und erfahrene Personalerin, für eine Trennungskultur auf Augenhöhe. Bei SAAL ZWEI gibt sie Führungskräften Tipps für konstruktive Trennungsgespräche und entlassenen Mitarbeitern Impulse dafür, wie man aus einer Kündigung das Beste herausholen kann.
Berlin, den 27. Mai 2015 - Von Dagmar Walker

Unternehmen kommen nicht ohne sie aus. Und obwohl fast jeder Erfahrung mit ihr hat, ist sie noch immer ein Tabu: die Kündigung. Führungskräfte empfinden sie als ein so rotes Tuch, dass sie sie schnell und achtlos abwickeln. Unternehmen achten in erster Linie auf Rechtliches, das sie beachten müssen, anstatt auf die Art und Weise des Auseinandergehens.
Die Folge ist ein ‚schnell, schnell’ im betrieblichen Trennungsfall. Das ist verletzend, frustriert auch die verbleibenden Kolleginnen und Kollegen – und die Führungskräfte selbst sind meistens heillos überfordert, kratzen an der eigenen Glaubwürdigkeit. Ein Miteinander auf Augenhöhe? Nicht in Sicht. Sogar die Kosten steigen: Zähe Kündigungsfälle kosten um bis zu 30 Prozent mehr als in Unternehmen mit einer intakten Trennungskultur.

"Augenhöhe heißt nicht nur, Gehaltserhöhungen zu verteilen..."

Kündigungen spiegeln den Wert eines Unternehmens und damit den Wert der Menschen, die diesen Wert erarbeiten. Führungskräfte neigen dazu, das außer Acht zu lassen und etwa Kündigungsfälle an die Personalabteilung zu delegieren. Augenhöhe aber heißt, nicht nur Gehaltserhöhungen zu verteilen, sondern auch schwierige Führungsaufgaben wie das Kündigungsgespräch zu übernehmen.
Wer sollte also dabei sein bei einem solchen Gespräch? Im Idealfall die direkte Führungskraft sowie ein Vertreter aus der Personalabteilung. Ein erfahrener Vorgesetzter kann das Gespräch auch alleine führen, allerdings hat sich die Anwesenheit eines HR-Kollegen häufig bewährt: Sind Nachverhandlungen nötig, kann eine Einigung schneller und einfacher erzielt werden, wenn beide Parteien von Anfang an involviert sind.

Frustrierte Mitarbeiter: eine Gefahr für das Unternehmen

Verunsicherte Mitarbeiter ziehen in ihrer Empörung über eine Abmahnung, die an den Haaren herbeigezogen ist und offensichtlich eine Kündigung vorbereiten soll, schon mal alle Register. Manche lassen sich in den Betriebsrat wählen. Seien Sie sicher, hier wird sich ein frustrierter Mitarbeiter den Rest seines Arbeitlebens am Unternehmen abarbeiten. Der Schaden ist immens.
Das Gegenmittel ist ein wertschätzender Perspektivwechsel. Was hat eine Mitarbeiterin geleistet? Welchen Beitrag zur Schaffung einer neuen beruflichen Perspektive kann das Unternehmen ihr gegenüber jetzt leisten? Was könnte die Mitarbeiterin zum Gehen bewegen? Auch Fehler eingestehen zu können, gehört zum Thema "Augenhöhe": Den schwarzen Peter haben immer beide Seiten.

Butter bei die Fische: das Kündigungsgespräch

Das Kündigungsgespräch selbst ist Dreh- und Angelpunkt einer Trennung auf Augenhöhe. Läuft es schlecht, ist das irreparabel. 40 bis 45 Prozent der Unternehmen bieten ihren Führungskräften und HR-Mitarbeitern heute bereits Trainings zum Führen von Trennungsgesprächen an. Das ergab eine Studie der Uni Hamburg.
Die Trennungsbotschaft sollte von der Führungskraft immer in den ersten fünf Sätzen eines Gesprächs überbracht werden. Das klingt einfach, ist es aber keineswegs. Üben Sie diese Situation daher ein! Und bereiten Sie sich auf Reaktionen vor: "Warum gerade ich?", ist eine häufig gestellte Frage.
Auch der Zeitpunkt des Gesprächs spielt eine zentrale Rolle: Ein Freitag sollte nicht gewählt werden – der Mitarbeiter muss noch die Chance haben, externen Rat einzuholen. Zudem sollten Führungskräfte dem Mitarbeiter die Gelegenheit für ein kurzfristiges Folgegespräch geben. Daher eignet sich der Vormittag eines Arbeitstages am besten. Generell sollte eine Kündigung so früh wie möglich ausgesprochen werden, nicht erst kurz vor Ablauf der Kündigungsfrist.

Sie selbst wurden gekündigt?

Gehen Sie in sich, holen Sie sich kompetenten Rat und ziehen Sie inhaltlich und rechtlich Bilanz. Wo stehe ich, was will ich? Wie sind meine Chancen? Was kann ich jetzt verlangen? Sobald der erste Frust konstruktiven Gedanken gewichen ist, ist eine Frage zentral: Will ich alles daran setzen, weiter in dieser Firma zu arbeiten? Wenn ja, mit welchen Konsequenzen?
Jetzt geht es darum, gute Nerven zu beweisen und sich vom Arbeitgeber nicht zu sehr unter Zeitdruck setzen zu lassen. Ebenso unnötig sind in die Länge gezogene Verhandlungen mit Vorgesetzten und Personalabteilung. Die Faustregeln beinhalten Besonnenheit und Schlichtung: Stellen Sie klare, nicht überzogene Forderungen und signalisieren Sie Einigungsbereitschaft. Mit diesen Basics können beide Seiten auf einen Nenner kommen.

Kreative Wege aus dem Tief

Seien Sie kreativ! Statt purer Abfindung besteht zum Beispiel die Möglichkeit, mit dem Noch-Arbeitgeber verschiedene Austrittsmodalitäten durchzuspielen. Kommt eine Laufzeitverlängerung des Arbeitsvertrags - ggf. in Teilzeit - für Sie in Betracht? Was ist mit einer Weiterbildung mit Blick auf Ihre neue Tätigkeit, der IT-Ausstattung, einem Karrierecoach, guten Referenzen? Produktive Lösungen sind Lichtblicke nach dem Tief und zeigen oft schon neue Wege auf.

Zum Schluß ein Feedback-Gespräch

Wenn Sie alle Konditionen verhandelt haben, sollten Sie für die Wochen vor Ihrem Abschied ein Feedback-Gespräch einfordern. Lassen Sie sich eine Rückmeldung zu Ihren Projekten und Leistungen geben, bereiten Sie aber auch eine Einschätzung für Ihren Vorgesetzten vor. Ein solches Gespräch ist nicht einfach, insbesondere wenn das Miteinander zwischen Führungskraft und gekündigtem Mitarbeiter angeschlagen ist. Bereiten Sie sich gut vor, damit das Feedbackgespräch nicht in gegenseitigen Vorwürfen endet. Das Gespräch bringt im besten Fall wertvolle Erkenntnisse für beide Seiten. Auch das gehört zur Trennung auf Augenhöhe.
Die Aussage "man sieht sich immer zweimal im Leben" ist berechtigt. Unternehmen und Mitarbeiter haben nichts davon, verbrannte Erde zu hinterlassen. Rachegefühle verdampfen lassen, anstatt sie auszuleben: Gold!

Dagmar Walker ist selbständiger Kündigungscoach, zuvor war die Rechtsanwältin Leiterin Personal und Recht bei der Zeit-Verlagsgruppe von 2001 bis 2014. Sie musste in ihrer Laufbahn nicht nur vielen Mitarbeitern kündigen, sie weiß auch, wie es sich anfühlt, gekündigt zu werden. 
An dieser Stelle berichten abwechselnd Managerinnen und Unternehmerinnen aus ihrem Führungsalltag - exklusiv für SAAL ZWEI-Leserinnen. Weitere Informationen zu den Kolumnistinnen finden Sie hier.

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"Ihr Erscheinungsbild bestimmt Ihren Erfolg"
Wer schwarz trägt, wirkt streng, dunkelblau kommt klassisch daher und rot energisch. Kleidung und Aufmachung tragen maßgeblich dazu bei, wie wir wahrgenommen werden. Blümchenblusen verleihen uns ein Mädchen-Image, grafische Muster eine gewisse Strenge. Im Job können solche Signale zum Problem werden - oder zum Vorteil. Stefanie Diller, Image- und Stilberaterin, hat die wichtigsten Kleidungsregeln für SAAL ZWEI aufgeschrieben. 
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