Der lange Weg zur Selbstverständlichkeit

Die Erde ist eine Scheibe und das Fahren mit der Eisenbahn macht krank? Zum Glück sind diese Missverständnisse überwunden. Dasselbe gilt - zumindest offiziell - für die Behauptung, dass Frauen in der Chefetage nichts zu suchen haben. Warum aber, fragt Dell-Chefin Doris Albiez in ihrer SAAL ZWEI-Management-Kolumne, sind dennoch so wenige dort zu finden? Wir sollten schneller alte Rollenbilder überwinden, meint sie. Dazu sind Männer wie Frauen gleichermaßen gefordert.
Doris Albiez

 

Hamburg/Kapstadt, den 29. Juni 2016 - Von Doris Albiez

"Es gibt Dinge im Leben, über die muss man sich zu Beginn des einundzwanzigsten Jahrhunderts nicht mehr allzu viele Gedanken machen. Zum Beispiel, dass die Erde eine Art Kugel ist, oder dass das Fahren mit der Eisenbahn nicht krank macht. Aber es gibt eben auch Themen, die haben es auf dem Weg zur gelebten Realität leider noch nicht so weit gebracht. 'Chancengleichheit in der Arbeits- und Berufswelt' ist eines davon.
In der Theorie herrscht sicher große Einigkeit, dass Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung im Berufsleben ein Muss sind, und dass derlei Fragen heutzutage nicht mehr ernsthaft diskutiert werden müssen. Ganz sicher würde ein jeder sofort unterschreiben, dass Rollen und Funktionen, die jemand übernehmen und erfolgreich ausfüllen kann, nicht von der Hautfarbe, dem Glauben, der sexuellen Orientierung und eben auch nicht von seinem oder ihrem Geschlecht abhängen. Und jeder weiß im Grunde auch, dass Diversität, also die Beteiligung einer Vielzahl unterschiedlicher Varianten von Lebensentwürfen, Charakteren und Eigenschaften, für Unternehmen und deren wirtschaftlichen Erfolg gerade heute unverzichtbar ist.

Über Frauen an der Spitze wird berichtet, weil sie exotisch sind


Doch dann stolpert man mit schöner Regelmäßigkeit doch wieder über Statistiken, die die ungleiche Bezahlung von Frauen und Männern in identischen Jobs belegen. Und schaut man sich in den Führungsriegen von Großunternehmen um, dann sieht man nach wie vor viel zu wenige Frauen. Sicher liest man gelegentlich auch den ein oder anderen Bericht über eine Managerin, die es bis ganz nach oben geschafft hat – und weiß doch zugleich: Berichtenswert ist es letzten Endes vor allem deshalb, weil die Betreffende dort ein ziemlich exotisches Wesen ist.
Einerseits beobachten wir also einen breiten gesellschaftlichen Konsens, denn kein führender Manager oder Politiker darf heute noch ungestraft behaupten, dass Frauen in einem Vorstand sowieso nichts zu suchen hätten. Wer sich so in der Öffentlichkeit äußern würde, würde damit seine Karriere nachhaltig beschädigen.

Konsens und gute Vorsätze reichen alleine nicht aus

Aber ein Konsens ist eben noch lange nicht die Realität. Im beruflichen Alltag ist es nämlich durchaus noch so, wie es Isabel Hochgesand von Procter & Gamble kürzlich an dieser Stelle festgehalten hat: 'Echte Chancengleichheit ohne gläserne Decken scheint in einigen Unternehmen in der Tat nach wie vor noch Neuland zu sein. Dort gelten scheinbar immer noch ganz alte Rollenmuster.'
Und genau deshalb geht es nicht anders: Das Thema muss auf der Tagesordnung bleiben – und zwar so lange, bis der Theorie endlich auch auf breiter Ebene Taten gefolgt sind.
Dabei ist durchaus nicht so, dass allein die Männer in der Pflicht sind. Auch wir Frauen können und müssen künftig noch mehr unseren Teil beitragen, um etwas zum Positiven zu verändern. Ein Beispiel: Wirft man etwa einen Blick auf die Studiengänge in den MINT-Fächern, zeigt sich, dass Frauen gerade in technischen und IT-nahen Berufsfeldern nach wie vor völlig unterrepräsentiert sind. Wenn wir daran nicht selbst etwas ändern, werden weibliche IT-Leiter oder CIOs auch in den nächsten Jahren eine Ausnahme sein.
Das Thema Gleichwertigkeit und Gleichberechtigung in der Arbeitswelt wird uns also vermutlich noch einige Zeit begleiten. Konsens und gute Vorsätze allein reichen eben nicht aus. Wie lange hatte es gedauert, bis das Thema Scheibe oder Kugel geklärt war? Vielleicht schaffen wir es ja doch schneller."

Doris Albiez ist Vice President und General Manager von Dell Deutschland. Dell veranstaltet zurzeit seine jährlich stattfindende Unternehmerinnen-Konferenz DWEN, diesmal in Südafrika.
An dieser Stelle berichten abwechselnd Managerinnen und Unternehmerinnen aus ihrem Führungsalltag - exklusiv für SAAL ZWEI-Leserinnen. Weitere Informationen zu den Kolumnistinnen finden Sie hier.  

Hier finden Sie alle Beiträge der Reihe "Management-Tipp - ganz persönlich".


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www.saalzwei.de

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