"Neue Sau im Dorf? Erst denken, bitte!"

Buzzwords sind aus der Wirtschaft und dem Management nicht wegzudenken. Begriffe wie die 'digitale Revolution' und das 'Feelgood-Management' stehen aktuell besonders hoch im Kurs. Dabei sind es nicht mehr als leere Worthülsen, meint die Informatikerin Stephanie Borgert. Die Ängste schüren oder Hoffnungen säen. Was viel wichtiger sei, als ständig Schlagwörter zu erfinden, ist das Fitmachen der Organisationen: Damit Menschen lernen, mit dem Ungewissen umzugehen. Egal, wie es sich nennt.
Stephanie Borgert
Münster, den 27. Juli 2016 - Von Stephanie Borgert

"Zwei Modewellen rollen seit einiger Zeit durch die Organisationen unseres Landes: die digitale Revolution und das Feelgood-Management.
Es vergeht kein Tag, an dem nicht zu hören ist, wie sehr die Digitalisierung unser aller Leben verändert und die Arbeitsplätze der Zukunft prägen wird. Der totale Umbruch auf der organisationalen Ebene oder doch nur heiße Luft?
Gleichzeitig bleibt die Frage nach der Motivation der Mitarbeiter ein Dauerbrenner. Aktiv, innovativ, glücklich und gesund sollen sie sein. Und dafür tun die Organisationen viel, schon seit Jahren. Zeit-, Stress-, Selbstmanagement und Burnout-Prophylaxe sollen es richten. Der neueste Trend heißt Feelgood-Management und verspricht nicht weniger, als das Werte-Verständnis und die Kultur einer Organisation zu verbessern.

Das, was in beiden Fällen zunächst sinnhaft klingen mag, hinkt auf allen Beinen. Ängste werden geschürt und Hoffnung gesät. Leider alles nicht mehr als leere Worthülsen. Die Digitalisierung soll, so sind sich die Experten einig, einen Großteil der Arbeitsplätze überflüssig machen beziehungsweise Menschen durch Roboter ersetzen. Gleichzeitig wird durch die Vernetzung von 'Allem mit Allem' die Dynamik in den Märkten und in den Organisationen höher. Wer da nicht mitkommt, hat halt das Nachsehen.
Demgegenüber wird Feelgood-Management als Heilsbringer für das Betriebsklima und gestresste Mitarbeiter angepriesen. Sie vermitteln auch gerne zwischen Chefetage und Menschen. Ausgelagerte Managementfunktion, wie oft ist das schon schiefgegangen? Aber ob nun Angst oder Hoffnung, Auswirkungen zeigen sich in beiden Fällen schnell: Die Auftragsbücher der 'Prediger' sind gut gefüllt.

Es ist eine Frage des Systems

Ob mir entgangen ist, dass die Welt sich verändert und dass Mitarbeiter durch ihre Arbeit krank werden? Mitnichten. Die Welt und unsere Gesellschaft haben sich verändert (übrigens auch jetzt nicht plötzlich und einmalig). Und ja, das hat Auswirkungen auf die Organisationen und deren Management. Menschen in den heutigen Organisationen fühlen sich zum Teil demotiviert, nicht wertgeschätzt und vermissen Verantwortung und Freiraum. All das lässt sich jedoch weder technologisch noch mit Robotern oder neuen Rollenbildern lösen. Der Blick ist auf den falschen Bildausschnitt gelenkt. Wir müssen anfangen, Organisationen als Systeme zu betrachten und zu verstehen.

Der Umgang mit dem Umgewissen muss gelernt werden

Eine stärkere Vernetzung, egal ob man es 'Internet of Things' nennt oder nicht, hat massive Auswirkungen auf die Organisationen. Anpassungsfähigkeit, Flexibilität, Reaktionszeiten auf Veränderungen, der Umgang mit dem Ungewissen sind die passenden Schlagworte. Die Antwort darauf liegt nicht in Technologien, auch wenn uns das die Hard- und Softwarehersteller glauben machen möchten. Die Antwort liegt in der Struktur der Organisation. 
Kann sie schnell und agil handeln? Ist sie anpassungsfähig und bereit, den Preis dafür zu zahlen? Oder sind Effizienz und Kostendruck nach wie vor Trumpf? Die Antworten auf diese Fragen werden entscheiden, ob die Digitalisierung Chance oder Alptraum wird.
Da hilft es auch nicht, an den Symptomen zu flicken, wie es auf der Mitarbeiterebene gerne getan wird. Da wird Symptom mit Problem verwechselt und dann auch noch das falsche Medikament gewählt. Werte-Verständnis, Kultur und Betriebsklima folgen keinen einfachen Kausalitäten. Es reicht eben nicht, einen Feelgood-Manager in eine Organisation reinzugeben und Motivation & Co. als Output zu erwarten. Es wird keine nachhaltigen Effekte geben, solange sich das System selbst nicht wandelt.

Und damit sind wir am Kernpunkt: Technik installieren und Maßnahmen zur Steigerung des Betriebsklimas sind immer nur Optimierungsversuche. Das ist Wandel erster Ordnung, also ein Pflaster auf dem Symptom. Notwendig, und das nicht erst seit gestern, ist ein Wandel zweiter Ordnung. Es braucht eine strukturelle Transformation, weg von überbürokratisierten Kontrollhöhlen hin zu adaptiven lebendigen Systemen. Dann ist Veränderungsfähigkeit systemimmanent und für das 'feelgood' sorgen die Menschen selber."

Stephanie Borgert ist Informatikerin. Sie arbeitet als Autorin, Management-Beraterin und Coach. An dieser Stelle berichten abwechselnd Managerinnen und Unternehmerinnen aus ihrem Führungsalltag - exklusiv für SAAL ZWEI-Leserinnen. Weitere Informationen zu den Kolumnistinnen finden Sie hier.  

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