"Volkshochschulen allein lösen das Problem nicht"

Man sollte meinen, lebenslanges Lernen sei längst als Notwendigkeit für die Qualifizierung am Arbeitsmarkt bei Angestellten und Führungskräften angekommen. Der aktuelle Deutsche Weiterbildungsatlas der Bertelsmann Stiftung zeichnet allerdings ein anderes Bild: Danach bildet sich nur jeder Achte fort, Tendenz fallend. Alarmierend? Ja, aber nur, wenn wir die Lösung allein im Ausbau der altgedienten Weiterbildungsinstitute sehen, meint Raffaela Rein, Gründerin und CEO von Careerfoundry.
Raffaela Rein
Berlin, den 10. August 2016 - Von Raffaela Rein

"Die Welt ändert sich. Schon immer. Wir navigieren fast täglich mit Google Maps zum nächsten Meeting, öffnen mit der App das Mietauto und stehen mit dem Online-Ticket beim Boarding am Flughafen. Doch in manchen Bereichen mahlen die Digitalisierungs-Mühlen langsamer, zum Beispiel im Banken-Sektor. Oder im Bildungsbereich.
Ein ganz aktuelles Beispiel für letzteren ist der Deutsche Weiterbildungsatlas der Bertelsmann-Stiftung. Kürzlich wurden hierfür zum zweiten Mal die Weiterbildungsangebote der Kreise und kreisfreien Städte untersucht und ermittelt, wie diese genutzt werden.
Er kommt zu überraschenden Erkenntnissen: Nur 12,3 Prozent der Über-25-Jährigen haben demnach an wenigstens einer Fortbildung teilgenommen – das ist gerade einmal jeder Achte. Die Schlussfolgerung der Herausgeber: Die lokalen Angebote müssten ausgebaut und individueller an die örtlichen Bedarfe angepasst werden.

Aber sind in digitalen Zeiten mehr Volkshochschulangebote die einzige Möglichkeit? Was die Studie nicht sagt: Der Weiterbildungsatlas der Bertelsmann Stiftung beschreibt nur einen Teil der Weiterbildungslandschaft. Interessant ist, dass die Autoren an keiner Stelle E-Learning auch nur erwähnen – etwa um darauf hinzuweisen, dass die rückläufige Anzahl der Kursteilnehmer durchaus der wachsenden Zahl an Online-Angeboten geschuldet sein könnte. Denn zeitgemäße Weiterbildung sieht nun wirklich anders aus: Sie ist flexibel an die Lebens- und Arbeitssituation anpassbar – sowohl zeitlich als auch inhaltlich. Das ist mit Präsenzkursen in den meisten Fällen nicht erreichbar.
Wie findet Weiterbildung also im realen Leben statt? Keineswegs nur offline. Laut einer repräsentativen Umfrage des Digitalverbands Bitkom sind bei etwa zwei Dritteln der Unternehmen bereits digitale Lernmethoden für Mitarbeiter im Einsatz. Das Spektrum reicht von Online-Kursen wie den 'Massive Open Online Courses' (MOOCs) von Udemy und Lynda bis hin zu Web- und PC-basierten Lernprogrammen. Besonders technische Qualifikationen eignen sich Lernwillige oft selbst an – und zwar neben ihrem Job. So kommt die Stack Overflow Survey 2016, eine Umfrage der Entwickler-Online-Plattform Stackoverflow.com, zu dem Ergebnis, dass rund 70 Prozent der Entwickler weltweit ihre Kenntnisse im Selbststudium erlangt haben.
Auch mein Mitgründer Martin Ramsin brachte sich das Programmieren selbst bei. Zunächst belegte er Codecademy-Kurse und lernte anschließend Ruby on Rails mithilfe des kostenfreien Online-Tutorials von Michael Hartl.

Online lernen: Nicht jeder hat genug Selbstmotivation

So spricht vieles für E-Learning. Doch sagen wir, wie es ist: Es ist nicht jedermanns Sache, sich selbst zu motivieren und ein Selbststudium auch durchzuhalten. Wer keinem Kurs mit vorgegebener Struktur folgt, verzettelt sich schnell und kann kaum einschätzen, welche Inhalte mehr und welche weniger wichtig sind. Spezielle Fragen bleiben oft unbeantwortet, praktische Projekte werden kaum bewertet oder gar weiterentwickelt.
Vielmehr ist Weiterbildung dann erfolgversprechend, wenn die Angebote zum einen flexibel, den modernen Bedarfen angemessen und strukturiert sind, und sie zum anderen auch eine persönliche, individuelle Ebene bieten können. Das heißt: Lernende brauchen auch online einen Mentor, der ihnen mit Erfahrung und Fachkenntnis zur Seite steht, sie motiviert und inspiriert.
E-Learning hat unsere Weiterbildung längst grundlegend verändert. Online-Angebote ergänzen, was Präsenzkurse allein nicht leisten können: Lernende entscheiden selbst, wie flexibel sie sein wollen. Online-Kurse geben weder Ort noch feste Termine vor und können schneller an akute Bedarfe angepasst werden. E-Learning gebührt der Raum und die Anerkennung in unserem Bildungssystem."

Raffaela Rein ist Gründerin und CEO von Careerfoundry, einer Online-Weiterbildungsplattform für Berufe im Tech- und Design-Bereich. Careerfoundry bietet mentorengeführte Online-Kurse für Web Development, UX und UI Design sowie iOS Development an. An dieser Stelle berichten abwechselnd Managerinnen und Unternehmerinnen aus ihrem Führungsalltag - exklusiv für SAAL ZWEI-Leserinnen. Weitere Informationen zu den Kolumnistinnen finden Sie hier 

Hier finden Sie alle Beiträge der Reihe "Management-Tipp - ganz persönlich".

 

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