"Man muss kein Programmierer sein, um Software zu entwickeln"

Vor nicht allzu langer Zeit gab es wenige Einsatzgebiete für Nicht-Ingenieure im Digital-Business. Das hat sich stark verändert, meint Claudia Dietze, Geschäftsführerin des Software-Entwicklers Freiheit.com. Es entstehen immer mehr Jobs, für die man sogar mit einem Archäologie-, Geschichts- oder Philosophie-Studium bestens gerüstet ist. Weil es viel stärker darum gehe, Dinge in einem Kontext zu begreifen und zu hinterfragen. In ihrer Management-Kolumne schreibt sie: "Das 'Second Machine Age' wird nicht nur Jobs vernichten, sondern auch sehr viele und völlig neue Berufe hervorbringen." Allerdings - und das ist vielleicht die schlechte Nachricht für Geisteswissenschaftler: Es schadet nicht, wenn man zugleich gut in Mathe ist...
Hamburg, den 21. September 2016 - Von Claudia Dietze
Claudia Dietze, Freiheit.com

"In meiner Firma freiheit.com technologies entwickeln wir seit mehr als 17 Jahren Software für die digitale Zukunft. Wir sind Internet-Pioniere und unser Team besteht zu 90 Prozent aus Software-Entwicklern und Machine-Learning-Experten, die wir alle als 'Engineers' bezeichnen: Informatik, Mathematik, Physik - viele haben promoviert. Alle haben schon als Kind mit dem Programmieren begonnen. Mein Co-Founder und Lebenspartner ist auch so einer. Nerds eben.

Ich selber habe Wirtschaftswissenschaft und Betriebswirtschaft studiert. Außer dass man im Studium nichts darüber lernt, wie es ist, ein Unternehmer zu sein, habe ich mich für meine Fächer immer sehr begeistert. Und ich habe Mathematik geliebt, was unter den BWL-Studenten nicht oft vorkam.
Damit unsere Firma funktioniert, brauche ich ein Team von Leuten, mit denen ich alles, was nicht mit dem Programmieren von Software zu tun hat, erledigen kann: Geschäftspläne, Cash-Flow-Management, Recruiting, Kapazitätsplanung, Verträge, Bilanz- und Rechnungswesen, Steuern etc. Das ist nur was für Betriebswirtschaftler, nichts für Engineers.

Aber in den vergangenen zwei Jahren sind völlig neue Positionen bei uns entstanden: Wir suchen 'Agile Coaches', 'Scrum Master', 'Product Owner' und 'Product Manager'. Alles Non-Engineering-Positionen. Und das Interessante ist: Diese Berufe müssen aus meiner Sicht nicht zwangsläufig von Betriebswirtschaftlern übernommen werden.
Here is why: Als wir vor 17+ Jahren unsere Firma gründeten, haben unsere Engineers bereits selbst die Konzeption und Planung der Projekte übernommen - neben der Implementierung. Mein Co-Founder war immer sicher, dass sich Engineers stets schneller in die Welt des Kunden einarbeiten können, als ein Projektmanager oder Business-Analyst das notwendige technische Verständnis erlangt. Zudem gab es auch quasi keine Ausbildung an der Universität oder anderswo, bei der man lernt, wie man ein Software-Produkt konzipiert, was der Markt dann auch wirklich haben möchte.

Eine neue Form des digitalen Produkt-Managements entsteht

Das ist heute anders: Mit den Start-ups im Silicon Valley hat sich eine neue Art des digitalen Produkt-Managements entwickelt. Der Produkt-Manager analysiert datengetrieben die Kundenbedürfnisse, stellt fest, welche Funktionalitäten die höchste Priorität haben und bringt in kurzen (täglichen) Zyklen mit dem Entwickler-Team neue Versionen ins Internet und misst deren Erfolg. An dieser Stelle: Auf Wiedersehen, Bauchgefühl!

Aber diese Aufgabe erfordert mehr, als nur ein analytisches Verständnis. Sie erfordert Ideenreichtum, Empathie, die Fähigkeit, Beziehungen aufzubauen, zu brainstormen, zu führen und zusammen zu arbeiten. Und ja, man muss Ideen und Ziele im Kopf visualisieren, träumen können. Es geht auch nicht um Geld, sondern es geht darum, das allerbeste Produkt für den Kunden zu bauen: 'Build something people want'.

Und ja, auch mein Co-Founder stimmt mir jetzt zu, dass es Menschen gibt, die das besser können als Programmierer. Damit kann ich einen Trend bestätigen, den wir auch bereits im Silicon Valley beobachten können: Das 'Second Machine Age' wird nicht nur Jobs vernichten, sondern auch sehr viele und völlig neue Berufe hervorbringen. Jobs, in denen es um Training, Ausbildung, Vertrieb, Marketing, Produkt-Design, Produkt-Management oder Business Development geht. Die erstaunliche Nachricht ist: Eure Kinder müssen nicht alle Programmierer werden - auch wenn das Beherrschen der Maschine sicher ein tolles Gefühl ist. Ein Studium der Philosophie, Kunst, Archäologie oder Geschichte sind ebenso sehr gute Grundlagen, um die Zukunft unserer Welt entscheidend mitzubestimmen. Denn sie bringen uns bei, Dinge in einem Kontext zu begreifen und zu hinterfragen. Und das ist der Stoff, aus dem die besten Ideen und Produkte geboren werden. (Auch wenn es nicht schaden kann, wenn man dann auch noch gut in Mathe ist.)"

Claudia Dietze ist kaufmännische Geschäftsführerin von freiheit.com Technologies und SAAL ZWEI-Kolumnistin. An dieser Stelle berichten abwechselnd Managerinnen und Unternehmerinnen aus ihrem Führungsalltag - exklusiv für SAAL ZWEI-Leserinnen. Weitere Informationen zu den Kolumnistinnen finden Sie hier.

Hier finden Sie alle bislang erschienenen Management-Kolumnen. 

 

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