Wer gut drauf ist, kann besser führen

Ob wir Freude an unserem Job haben, hängt maßgeblich vom Arbeitsverhältnis zu unserem Chef ab. Schafft dieser es, eine gute Stimmung herzustellen, in der sich Mitarbeiter wohlfühlen, sind wir gerne bereit, viel zu leisten. Vaya Wieser-Weber, Trainerin und Spezialistin für Persönlichkeitsentwicklung, sieht emotionale Intelligenz als eine der wichtigsten Management-Kompetenzen. Sie plädiert für einen Chef als positiven Gefühlsmanager, der mit seinen Emotionen im Reinen ist und so zur Leitfigur für seine Mitarbeiter wird.
Hamburg/Kitzbühel, den 23. November 2016 - Von Vaya Wieser-Weber

"'Wenn mein Chef morgens den Schlüssel auf den Tisch knallt, weiß ich schon, dass der Tag gelaufen ist.' Solche und ähnliche Storys höre ich oft, wenn ich in meinen Workshops mit Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern rede. Das Ergebnis ist in aller Regel nicht nur eine miese Stimmung, sondern ebenso eine schlechtere Leistung.

Schon Schiller brachte es auf den Punkt: 'Wenn gute Reden sie begleiten, dann fließt die Arbeit munter fort.' Emotional entwickelte Führungskräfte schieben schlechte Gefühle nicht einfach weg, sondern stimmen sich so ein, dass der Job nicht für alle zum Kühlhaus wird. Ist die Cheflaune nämlich im Keller, beschäftigt sich jeder mehr damit als mit seinen Aufgaben und Kunden. Vorgelebte positive Emotionen hingegen sind echte Verstärker der Arbeitsfreude und des Erfolgs. Vortäuschen aber gilt nicht: Wenn der Chef nur so tut als ob, wird das als 'Fake' enttarnt, und man traut ihm nicht mehr über den Weg.

Als Verantwortliche eines Restaurants in einem Fünf-Sterne-Hotel gehörte auch ich zu den Führungskräften, die mir heute in meinen Seminaren zur emotionalen Intelligenz regelmäßig begegnen. War ich auch so kalt? Womöglich. Schuld war allerdings nicht böser Wille, sondern mangelndes Bewusstsein über meine innere Haltung und der Anspruch, perfekte Leistung zu liefern. Acht von zehn Schlüsselschmeißern bemerken nämlich gar nicht, was sie im Team und dadurch mit der Teamleistung anrichten. Und nicht nur das, sie können sich selbst oft nicht mehr richtig spüren. Und so lassen sie entweder ihre negativen Emotionen ungebremst auf das Team los – das, was an Frust, Hilflosigkeit und Stress in ihnen ist. Oder sie verbarrikadieren sich hinter kühler Unnahbarkeit, was positive emotionale Bindung an sie und somit das Unternehmen so gut wie unmöglich macht.

Dass ich mich damals ändern musste, wurde mir klar, als ich eine Hilfskraft aus Indien im totalen Stress zurechtwies. Die Reaktion? Der junge Mann blickte mich stumm an, während eine Träne über seine Wange lief. In diesem Moment erblickte ich in ihm einen Spiegel und erschrak. Mein Bitten um Vergebung nahm er zum Glück nicht an, und so reiste ich kurz darauf nach Indien, sein Heimatland – statt mit fünf Sternen nur mit dem Nötigsten und einer Menge schlechtem Gewissen im Rucksack. Die Achterbahn zwischen Wunderschönem und erschreckender Armut auf diesem Trip hat mich geerdet. Ich lernte wieder, mich zu spüren, verstand allmählich, wie ich zu der geworden war, die ich zu dem Zeitpunkt schon langsam zu sein aufhörte, und gewann in vielen wunderbaren Begegnungen etwas zurück, das ich im Erfolgs- und Perfektionsdruck verloren hatte: mich selbst.
Ich fasste den radikalen Entschluss, mich und meine Haltung zu ändern, sodass andere sich in meiner Gegenwart wieder wohlfühlen, dass sie wieder lachen und gerne leisten sollten. Weil sie wollen und nicht, weil ich sie antreibe.

Viele Führungskräfte glauben, rational handeln zu müssen und Gemütsregungen von Schwäche, Angst und Hilflosigkeit aussparen zu müssen, weil sie ansonsten den Respekt ihrer Mitarbeiter verlieren würden. Dieses permanente Unterdrücken kostet Kraft – so als würde man versuchen, mehrere Wasserbälle gleichzeitig und dauerhaft unter Wasser zu halten. Doch im Stress knallen sie nach oben. Der erste Schritt emotionaler Führung besteht im Wiederbeleben der eigenen Emotionen. Danach muss der Gefühlshaushalt in Balance gehalten werden.

Und dann folgt die wichtigste Auseinandersetzung überhaupt: die Auseinandersetzung mit den Themen Macht und Autorität: Wie und von wem habe ich Führung gelernt? Wenn ich weiß, wie durch meine Einstellung zur Macht und wie durch meine Stimmung die Leistung den Bach runtergeht, kann ich andere nicht mehr zum Stressableiter machen. Es geht genau um die Fähigkeit, seinen inneren Leitbildern reflektiert gegenüberzustehen, innerlich also aufgeräumt zu sein und seine Gefühle wahrzunehmen, um sich selbst zu steuern. Denn nur wer sich selbst führen kann, kann andere führen.

Die Hirnforschung zeigt uns ja schon länger, dass uns negative Emotionen selten weiterhelfen: Unser Blick verengt sich und kann konstruktive Lösungen kaum noch erkennen. Positive Emotionen lassen uns dagegen förmlich aufblühen: Unser Horizont wird weit und wir kommen in den 'Flow', Dinge einfach anzupacken. Sicher: Es ist kein einfacher Weg, eine solche Meisterin oder so ein Meister der Selbstführung zu werden. Es ist vielmehr ein Trainingsprozess oder einfacher ausgedrückt – es ist Arbeit. Und diese erfordert, genauso wie im Sport, viel Zeit und Geduld."

Vaya Wieser-Weber ist Trainierin und Coach für Persönlichkeitsentwicklung, Emotionskompetenz sowie NLP. Durch die Vermittlung von Erkenntnissen der Hirnforschung in Kombination mit optimaler Führung hilft sie, Arbeitsumfelder zu schaffen, in denen sich Führungskräfte und ihre Mitarbeiter wohlfühlen. An dieser Stelle berichten abwechselnd Managerinnen und Unternehmerinnen aus ihrem Führungsalltag - exklusiv für SAAL ZWEI-Leserinnen. Weitere Informationen zu den Kolumnistinnen finden Sie hier.


Hier finden Sie alle bislang erschienenen Management-Kolumnen.
 

Mittwochs ist SAAL ZWEI-Tag.Abonnieren Sie das kostenlose Online-Business-Magazin für Frauen und erhalten Sie ausgewählte relevante Inhalte direkt in Ihr Postfach. Jetzt gratis bestellen. Und SAAL ZWEI auf Facebook und  Twitter folgen. 

 

SAAL ZWEI abonnieren

Mittwoch ist SAAL ZWEI-Tag:

Erhalten Sie jeden Mittwoch die neue Ausgabe
des Online-Magazins für Frauen direkt in Ihr
Postfach: Businesstrends, Exklusiv-Interviews,
Karrieretipps, Lifestyle, ... – gratis!

SAAL ZWEI-GASTAUTOREN

Sabine Kartte
Petra Schäfer
Bea Kemner