Adoption: Von Null auf Hundert Mutter

Für Katrin Wagner war immer klar, dass sie eine erfüllende Berufstätigkeit und eine Familie miteinander vereinbaren wollte. Auch, obwohl sie und ihr Mann keine eigenen Kinder bekommen konnten. Ihre erste Tochter adoptierten sie in Äthiopien, ihren Sohn nahmen sie als Pflegekind im Alter von vier Tagen in Empfang. Und zwischendrin eröffnete die Stuttgarterin einen eigenen Brillenladen. Wie die kleine Familie das alles meistert? Manchmal mit einem Au-pair-Mädchen, immer mit Kindergarten und Schule. Vor allem aber mit Flexibilität, Frohsinn und Pragmatismus - wie sie im Buch "Mut zu Kindern und Karriere" berichtet.

Hamburg, den 28.09.2016 - SAAL ZWEI

Es gibt keinen Kontrolltermin beim Gynäkologen, keine Schwangerschaftsmitteilung an den Arbeitgeber, keine Einkäufe von Umstandsmode – dafür durchleben Frauen vor einer Adoption mindestens genauso nervenaufreibende Monate wie Schwangere. Es sind Monate, wenn nicht gar Jahre des Hoffens und Wartens, ohne dass der eigene Bauch wächst. Und dann geht alles ganz schnell: Bekommen Paare einen positiven Bescheid auf eine Adoptionsbewerbung, kommt binnen weniger Wochen ihr Kind zu ihnen. Lang ersehnt, dafür ohne Eingewöhnungszeit, manchmal sogar überraschend.

Katrin Wagner wurde zweimal auf diese Art Mutter. Bei ihrer Adoptivtochter Amaya aus Äthiopien warteten sie und ihr Mann anderthalb Jahre auf einen positiven Bescheid, bis sie in Addis Abeba ihr Adoptivkind kennenlernten.

Zwölf Wochen später durften sie es zu sich nach Hause holen. Bei ihrem zweiten Kind, einem Pflegesohn aus Deutschland, ging es noch viel schneller: Sechs Wochen, nachdem sie sich um ein Dauerpflegekind beim Jugendamt beworben hatten, konnten sie den kleinen Noah in Empfang nehmen – ein Baby im Alter von vier Tagen. Wie macht man es, wenn man von jetzt auf gleich ein Kind bekommt?

"Es war unser Glück, dass wir uns mit Amaya an das Elternsein herantasten konnten", sagt Katrin Wagner. Das Mädchen war acht Monate, als es zu ihr und ihrem Mann nach Stuttgart kam. Die Wagners hatten bei der Bewerbung bei einer Adoptionsagentur einwilligen müssen, dass einer von ihnen ein Jahr Elternzeit nimmt. In anderen afrikanischen Ländern ist es sogar üblich, dass die Adoptiveltern für eine gewisse Zeit im Land leben müssen, damit sie eine Bindung zu dem Kind im gewohnten Umfeld auf bauen können.

Gemeinsam beschlossen die Adoptiveltern, dass Katrin die Elternzeit nehmen würde. Die Augenoptikermeisterin konnte sich vorstellen, ihren Arbeitgeber zu verlassen, denn die Entwicklungschancen waren seit geraumer Zeit ausgereizt. So hatte sie ohnehin vor, sich mit einem eigenen Laden selbständig zu machen. Auch, um sich die Arbeit mit Kind flexibler einteilen zu können. Die Elternzeit wollte sie nutzen, um sich stärker mit dem Gedanken zu befassen. Ihr Mann, der Niederlassungsleiter eines Ingenieur-Dienstleistungs-Unternehmens, blieb Vollzeit in seiner bisherigen Anstellung.

Nachdem sie sich im ersten halben Jahr ausschließlich um Amaya gekümmert und das Mädchen sich gut entwickelt und eingelebt hatte, widmete sich die Optikerin parallel ihrer beruflichen Zukunft. Für kurze Zeit probte die heute 34-Jährige das vollzeitnahe Arbeiten mit Kind bei ihrem alten Arbeitgeber, um schließlich die eigene Selbständigkeit vorzubereiten. Dann hieß es, eine Mietfläche für ihren Laden zu suchen, die Werkstattausrüstung auszuwählen, Termine bei der Bank und mit Lieferanten, Vermietern und dem Architekten auszumachen: Oft hatte sie ihre Tochter im Schlepptau, ansonsten kümmerte sich eine Tagesmutter um die Kleine.

"Ich hatte es mir immer so ausgemalt: Wenn ich ein eigenes Geschäft habe, kommen meine Kinder mich besuchen und können dort von einem Aupair oder einer Mitarbeiterin betreut werden, wenn ich keine Zeit habe." Tatsächlich ist es auch so gekommen – sogar viel intensiver, als Katrin Wagner es vermutet hätte: Ihr Pflegesohn Noah kam Mitte 2014 sehr kurzfristig als Neugeborener zu ihnen. Weil sie es sich nicht erlauben konnte, im Laden zu fehlen, nahm die Stuttgarter Working Mom das Baby kurzerhand mit zur Arbeit. Ihren Optikerladen gab es da seit gerademal zweieinhalb Jahren. Ihre zwei Angestellten, eine davon in Teilzeit, kamen ohne die Mitarbeit der Chefin nicht aus. Die Einstellung einer Filialleiterin war finanziell nicht drin. Mit dem Jugendamt hatte sie es so abgesprochen: Katrin Wagner schnallte sich ihr Pflegebaby in einem Tragetuch vor die Brust und bediente Kunden als Mutter-Kind-Tandem. Unterstützung bekam sie von einem Au-pair-Mädchen, das kurz darauf in die Familie kam. "Das Arbeiten mit Baby war eine sehr spannende und erlebnisreiche Erfahrung", sagt die Unternehmerin heute. "Zum Glück waren meine Kunden immer ganz begeistert von dem braven ‚Junior-Chef‘." Irgendwann war Wagners Brillengeschäft Campbell in Stuttgart als "Laden mit dem Baby" bekannt.

Und auch dem Junior schien es vor der Brust zu gefallen, während seine Pflegemutter im Schnitt zwei bis drei Kunden pro Tag bediente. Und wenn er mal unruhig wurde oder beispielsweise seine Mama während eines Beratungsgespräches ordentlich mit unverdauter Milch bespuckte, sprang eine Mitarbeiterin ein. Erst als er größer und mobiler wurde, funktionierte das Modell nicht mehr so gut. Er brauchte mehr Anregung und Bewegung. Seit seinem ersten Geburtstag besucht er dieselbe Kindertagesstätte wie seine große Schwester Amaya. "Manche unserer Kunden bedauern das", sagt Katrin Wagner. "Sie finden es schade, dass man es nicht häufiger sieht, dass Kinder zeitweise bei der Arbeit dabei sind. Weil es jede Situation auflockert." 

Dieser Text ist ein Auszug aus dem Buch Mut zu Kindern und Karriere - 40 Working Moms erzählen, wie es funktionieren kann" von Stefanie Bilen und Working Moms e.V. als Herausgeber. Es erscheint Anfang Oktober 2016 im Frankfurter Allgemeine Buch-Verlag.

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