Ist Teilzeit ein Karrierekiller?

Isabel Hochgesand hat mit zwei kleinen Kindern Karriere beim Konsumgüterhersteller Procter & Gamble gemacht. Sie ist Geschäftsführerin und sieht es als ihre Aufgabe an, junge Mütter zu motivieren, damit diese ihre Karriere nicht allzu schnell an den Nagel hängen. In persönlichen Coaching-Gesprächen hakt sie häufig nach: Was ist den jungen Frauen wichtig? Und warum wollen sie einen Teilzeitvertrag, obwohl sie de facto häufig Vollzeit arbeiten? Stefanie Bilen hat sie für das Buch "Mut zu Kindern und Karriere" interviewt.

Hamburg, den 05. Oktober 2016 - SAAL ZWEI

"'Killer' ist ein zu hartes Wort", sagt Isabel Hochgesand. "Und ich weiß auch nicht, ob das so zutrifft. Aber ich rate allen Frauen: Wenn ihr de facto Vollzeit arbeitet, dann lasst euch auch für eine Vollzeitstelle bezahlen." Hochgesand ist Logistik-Geschäftsführerin bei Procter & Gamble (P&G), sie hat als Mutter zweier Kinder immer Vollzeit gearbeitet. Der Konsumgüterhersteller ist fortschrittlicher als die meisten Unternehmen, der weltweite Frauenanteil in Führungspositionen liegt bei 45 Prozent. Und so kennt P&G viele Arbeitszeitmodelle, um den Bedürfnissen seiner Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter entgegenzukommen. Allerdings gilt auch hier: Mit 15 Wochenarbeitsstunden macht niemand Karriere – vor allem nicht auf Dauer.

Daher arbeiten im Umfeld der Geschäftsführerin viele Frauen 'vollzeitnah' – irgendetwas zwischen 75 und 90 Prozent steht in ihrem Vertrag. Viele setzen sich abends noch mal an den PC. Und schnell werden aus den vereinbarten 32 oder 35 Wochenarbeitsstunden 40 oder sogar mehr. Diesen Frauen rät die Geschäftsführerin: Wer ohnehin fast Vollzeit arbeitet, sollte sich auch eine volle Stelle bezahlen lassen. "Eine gewisse Flexibilität für die Familie ist immer möglich. Aber nur so erhaltet ihr die Vergütung, die ihr verdient."

Die Betriebswirtin hat bei P&G Karriere gemacht. Seit über 20 Jahren arbeitet sie für den Konsumgüterhersteller. Vor ihrer Beförderung in die deutsche Geschäftsführung mit Sitz in Schwalbach war sie mit Mann und Kind in die USA gezogen und für eine Weile in der Konzernzentrale in Cincinnati tätig, wo sie den globalen Einkauf für die Marken Pampers, Always und Charmin verantwortete. In die dortige Kultur eingetaucht, fielen ihr große Unterschiede beim Umgang mit Schwangeren in Deutschland und den USA auf: „Sagt man in Deutschland, man kommt nach vier, fünf Monaten Elternzeit zurück in den Job, antworten die meisten Menschen 'Ach, Gott, das arme Kind.' Erzählt man dasselbe in den USA, fallen die Rückmeldungen gänzlich anders aus: 'Oh wow, gut, dass du dir so viel Zeit nimmst, toll.'"

Keine Frage, in den USA wünscht sich so manche junge Mutter Schutz und Absicherung rund um die Schwangerschaft, die aber schlicht nicht existieren. Die Vereinigten Staaten von Amerika sind das einzige entwickelte Land ohne ein gesetzliches Recht auf bezahlten Mutterschutz und Elternzeit. Modelle von P&G sind hier wegweisend – so zeichnete das 'Working Mothers'-Magazin das Unternehmen als eine der Top 100-Firmen für arbeitende Mütter aus.

Dennoch: Hochgesand, inzwischen Mutter eines Sohnes und einer Tochter, möchte auf tief verankerte Rollenbilder hinweisen und sieht es als ihre Aufgabe an, ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern freundschaftlich auf den Zahn zu fühlen und ihr Rollenverständnis in Frage zu stellen. Die Geschäftsführerin hatte zum Beispiel ein Gespräch mit einer jungen Mutter, die in Teilzeit zurückkommen wollte, und in dem sie feststellte, dass der Grund für die 4-Tage Woche nicht das Kind, sondern die Hausarbeit war. Dafür kann man sich doch Hilfe holen!, war Hochgesands Reaktion.

Vielleicht haben Männer es zu Hause so kennengelernt, dass die Mutter die Hausarbeit erledigte und niemand Fremdes ins Haus kam? Umgekehrt hakt die Managerin bei ihren männlichen Führungskräften nach, wenn diese unreflektiert hinnehmen, dass eine Mitarbeiterin beispielsweise nur mit 20 Wochenstunden wiedereinsteigt. "Wenn ich dann höre, dass es nicht anders geht, weil das Kind noch klein ist und das Paar ein Haus baut, frage ich provokativ: 'Aber der Mann arbeitet Vollzeit? Wo bleibt da die Kompromissfähigkeit?'"

Viele Führungskräfte bei Procter & Gamble durchlaufen mittlerweile ein sogenanntes 'Unconscious Bias'-Training (zu deutsch: unbewusste Einstellungen), bei dem sie sich mit ihren Bildern im Kopf und ihren unbewussten Rollenmodellen auseinandersetzen. Hochgesand ergänzt: "Ich befördere Frauen natürlich auch in Teilzeit. Wenn Mitarbeiterinnen Potential haben, machen wir ziemlich viel möglich. Mir geht es aber zuvor darum, unreflektierte Stereotype in Frage zu stellen."

Dieser Text ist ein gekürzter Auszug aus dem Buch Mut zu Kindern und Karriere - 40 Working Moms erzählen, wie es funktionieren kann" von Stefanie Bilen und Working Moms e.V. als Herausgeber. Es ist gestern im Frankfurter Allgemeine Buch-Verlag erschienen.

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